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Wie sich ein Mann verbrennt: Handkes "Zdeněk Adamec" in Salzburg | BR24

© Audio: BR / Bild: Barbara Gindl/dpa

Uraufführung von Peter Handkes "Zdeněk Adamec" bei den Salzburger Festspielen in der Inszenierung von Friederike Heller.

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Wie sich ein Mann verbrennt: Handkes "Zdeněk Adamec" in Salzburg

Ein 18-Jähriger steckt sich selbst in Brand, ein umstrittener Nobelpreisträger schreibt darüber ein Stück, Aktivistinnen kündigen Proteste an. Der Abend bei den Salzburger Festspielen sollte also was werden - und dann kam alles ganz anders.

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Von einer geplanten Demonstration der Mütter von Srebrenica vor dem Salzburger Landestheater war im Vorfeld dieser Festspiel-Premiere die Rede. Doch von dem erwarteten Protest wegen Peter Handkes umstrittener Parteinahme für den einstigen serbischen Präsidenten Slobodan Milošević: Keine Spur. Kein Spruchbanner, kein Sprechchor nirgends. Für manche mag das Ausbleiben dieses Aufregers eine Enttäuschung gewesen sein. Das eigentlich Ernüchternde an dieser mit Spannung erwarteten Premiere aber war, dass auch das auf der Bühne Dargebotene alles andere als aufregend war.

Dabei hat Handkes neues Stück einen durchaus aufsehenerregenden, historischen Titelhelden. Zdeněk Adamec verbrannte sich 2003 öffentlich auf dem Prager Wenzelsplatz – so wie knapp dreieinhalb Jahrzehnte vor ihm der Student Jan Palach, der damit ein Zeichen setzen wollte, als die Truppen des Warschauer Paktes in die damalige Tschechoslowakei einmarschierten. Adamec protestierte mit seinem Selbstmord gegen den Vormarsch des Kapitalismus. Doch während Palach zum Helden wurde, bezeichnete man Adamec als Irren.

Warum übergießt sich Adamec mit Benzin?

Peter Handkes Stück lässt sich lesen als Versuch, Zdeněk Adamec zu rehabilitieren. Es gibt keine klar umrissenen Figuren in diesem Text, nur eine Fülle von Stimmen, die versuchen, die Motivation von Adamec, der selbst nicht zu Wort kommt, zu ergründen. Von der faktenorientierten Analyse seiner Persönlichkeit bis zur Spekulation, und von der Diskreditierung bis zur Verklärung ist alles dabei.

Die Stimmen befragen, ergänzen und widersprechen sich. Und immer wieder ist der Autor selbst aus diesem Text herauszuhören, der mit der Wut auf die Welt seines Titelhelden sympathisiert und sich gleichzeitig für deren Schönheiten empfänglich zeigt. Dieses Denken in Widersprüchen zieht sich durch Peter Handkes Werk. Hier aber wirkt es allzu routiniert, wie er Weltekel und Lebensfreude gegeneinander in Stellung bringt. Ohnehin hat man nie das Gefühl, hier würden krasse Gegensätze hart aufeinanderprallen. Was vermutlich damit zusammenhängt, dass hier gar kein echter Widerspruch verhandelt wird: Gerade wer um das Potenzial zur Schönheit dieser Welt weiß, leidet umso mehr daran, wie es um sie steht.

© Barbara Gindl/dpa

Eine Kulisse wie ein Kurgarten, nur ohne die Pflanzen: Handkes "Zdeněk Adamec" bei den Salzburger Festspielen

Uraufführungsregisseurin Friederike Heller hat Handkes Text auf drei Schauspielerinnen und vier Schauspieler unterschiedlicher kultureller Herkunft und Generationen verteilt. So bildet sich das Multi-Perspektivische des Stücks in der Diversität des Ensembles ab. Konfliktpotential bekommt der zündstoffarme Text dadurch aber auch nicht. Und auf eine zündende szenische Idee wartet man ebenfalls vergebens. Vorlage wie Inszenierung fehlt ein überzeugender Spielanlass.

Statt üppigem szenischem Wildwuchs: Trostlose Dürre

Die sieben Akteure, dazu ein Live-Musiker-Trio, bewegen sich hilflos durch eine Kulissenlandschaft aus Spalierbögen, wie man sie aus Parkanlagen oder Kurgärten kennt. Allerdings ranken sich keine Pflanzen das Gestänge hinauf. So wird die Bühne zum traurigen Sinnbild für die Aufführung. Statt üppigem szenischem Wildwuchs: trostlose Dürre. Meist spricht eine oder einer, während die anderen herumsitzen oder -stehen und zuhören. Viel mehr passiert nicht. Und wenn doch, dann weil sich einzelne Spieler zwischendurch ins Deklamieren flüchten. Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises hat offenbar Peter Handkes Klassiker-Werdung eingesetzt, was sich in Friederike Hellers Inszenierung in ehrfürchtiger Emphase Bahn bricht, mit der die Bedeutungsschwere dieses blutarmen Textes behauptet werden soll. Als sich Peter Handke beim Schlussapplaus zeigt und linkisch die Regisseurin und einige Darsteller tätschelt, gibt es freundlichen, aber keineswegs überschwänglichen Applaus. Allenfalls Protest vor dem Theater hätte über die gepflegte Langeweile, die diese Uraufführung verbreitet, hinwegtäuschen können.

"Zdeněk Adamec" von Peter Handke, Regie: Friederike Heller. Bis 16. August noch sieben Aufführungen.

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