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Die Folgen der Corona-Krise auf den britischen Zeitungsmarkt

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Wie sich die Corona-Krise auf Europas Medien auswirkt

Corona hat viel verändert. Auch die Medienlandschaft hat es hart getroffen: einbrechende Anzeigen, Kurzarbeit und sogar Entlassungen - aber auch Überraschendes. Beispiele aus England, Bulgarien und Frankreich.

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Großbritannien

Es gibt in der Krise auch positive Zahlen: So konnte etwa die Financial Times in London zwischen Januar und März 50.000 neue Kunden begrüßen. Der Guardian, der keine Paywall besitzt und sich zum Teil über Spenden finanziert, hat sogar noch stärker zugelegt. Die Chefredakteurin der Zeitung, Katharine Viner, sagte dazu in der BBC: "Es ist überraschend, wie viele neue Unterstützer wir gefunden haben. Seit Anfang März zählen wir über 200.000 neue Geldgeber. 95.000 davon unterstützen uns monatlich und 105.000 haben einmalig einen Betrag überwiesen."

Digital boomt

Vor allem im Digitalbereich haben viele Zeitungen dazugewonnen: Times und Sunday Times haben ihre Online-Abos im ersten Quartal um 25.000 auf nun 345.000 gesteigert, der Daily Telegraph konnte zwischen Dezember und April 37.000 neue Online-Abonnenten verzeichnen, ein Plus von 17 Prozent. Damit kommt die Zeitung nun auf rund 251.000 Online-Abos.

Anzeigen und Werbung brechen weg

Allerdings hat es parallel dazu eine Entwicklung gegeben, die für die Zeitungshäuser bedrohlich ist: Die großen Werbekunden haben ihre Anzeigen nicht mehr geschaltet, weil sie nicht neben Artikeln über Covid-19, Leid und Tod auftauchen wollten. Die Zeitungsbranche meldete im April, dass sie mit Einnahmeverlusten im Onlinebereich von bis zu 50 Millionen Pfund rechnet.

Daraufhin schaltete sich sogar der britische Minister für Digitales, Kultur und Medien, Oliver Dowden in die Angelegenheit ein und appellierte an die 100 größten Werbekunden im Land, doch ihre Haltung zu überdenken. Schließlich sei die Berichterstattung in dieser Pandemie von zentraler Bedeutung, der Wegfall der Werbeeinnahmen für die Zeitungen existenzbedrohend.

Die Guardian Media Group, die den Guardian und den Observer herausgibt, schätzte Mitte April, dass sich ihre Einbußen in den kommenden sechs Monate auf 20 Millionen Pfund belaufen würden.

Bulgarien

Bulgariens Medienlandschaft ist vom Coronavirus ganz erheblich befallen worden, finanziell und oftmals existenziell. Iwan Radew, von der Vereinigung der Europäischen Journalisten in Bulgarien schildert: "In den letzten Monaten haben viele Journalisten ihre Arbeit verloren, mit dem Argument ‚wirtschaftlich notwendige Kürzungen wegen geringerer Einnahmen."

Umsatzrückgang von bis zu 40 Prozent

Nachdem am 13.März der nationale Ausnahmezustand erklärt worden war, verschärften sich die offenkundigen Abhängigkeiten der meisten Medien von Zuwendungen der Regierung sowie zweifelhafter Oligarchen. Buchstäblich über Nacht verloren die wenigen unabhängigen Medien, die auch schon vor der Krise unter chronischem Geldmangel gelitten hatten, ihre wichtigste Einnahmequelle: Die Anzeigen.

Wladimir Jontschew, Chefredakteur des Online-Nachrichtenportals "Offnews" erzählt: "Die Einnahmen gingen zurück. Viele Anzeigen sind verschwunden. Die Reduzierung ist jedoch viel geringer, als das von mir erwartete schlechteste Szenario. Der Umsatzrückgang liegt zwischen 35 und 40 Prozent."

Städte bleiben ohne Zeitung

Die Schutzmaßnahmen zur Eindämmung des Virus sorgten für einen Verlust einer weiteren wichtigen Einnahmequelle bulgarischer Medienhäuser: Denn große Presseunternehmen organisierten bis zur Corona-Krise Konferenzen, Wettbewerbe und andere Massenereignisse. Die Folge: Viele Regionalmedien stehen vor dem Konkurs.

Der Journalist Iwan Radew von der Vereinigung der europäischen Journalisten in Bulgarien erklärt: "Mehrere regionale Medien haben Konkurs erklärt. Wir wissen von ganzen Städte, die ohne Printmedien geblieben sind. Die drittgrößte Stadt Bulgariens - Warna - blieb ohne Zeitung. Die älteste regionale Zeitung, die noch in Bulgarien erschienen war, wurde in der Stadt Schumen geschlossen. Das heißt, Zeitungen mit langer Tradition in großen bulgarischen Städten mussten schließen."

Frankreich

In der Krise schnellten auch in Frankreich die Zugriffszahlen auf die Online-Angebote und der Fernsehkonsum in die Höhe. Die französische Behörde für die Regulierung der audiovisuellen Medien CSA hat den Trend seit Ausbruch der Corona-Krise Woche für Woche dokumentiert: In den ersten Wochen der Ausgangssperre sei der Fernsehkonsum geradezu explodiert. Im Mittel haben die Leute vier bis viereinhalb Stunden am Tag vor dem Fernseher verbracht. Selbst die Jüngeren.

Millionen hängen vor dem Fernseher

Die schon so oft totgesagten Abend-Nachrichtensendungen der wichtigsten Sender TF1 und France 2 kamen zusammen auf 15 bis 20 Millionen Zuschauer. Auch Pierre Lorette, der Generaldirektor der Zeitungsgruppe Le Parisien, konstatiert den regelrechten Hunger der Menschen nach Informationen in diesen unsicheren Zeiten: "Im März haben sich die Zugriffe auf unser Digitalangebote verdoppelt. Ein unglaublicher Ansturm, eine wahre Leidenschaft, der Menschen für die aktuellen Ereignisse zeigen", die vor allem so die Beobachtung des erfahrenen Medienmanagers, den seriösen Medien Zulauf gebracht hat.

Digital-Abos können nicht den Verlust wettmachen

Und so ist auch die Zahl der Digital-Abos nicht nur bei Le Parisien stark gestiegen. Aber da beginnt der tragische Teil der Geschichte. Dieser Anstieg der Digital-Abos kann bei weitem nicht die Einnahmeverluste auf anderen Gebieten wettmachen, sagt Pierre Lorette: "Vor allem die Anzeigen sind so gut wie verschwunden. Wir haben in den ersten Wochen 80 Prozent unserer Werbeeinnahmen verloren, und schließlich brach auch noch die Verkaufsauflage unserer Titel um zehn bis 30 Prozent ein. Die Verluste unserer Pressegruppe in den drei Monaten von März bis Mai belaufen sich auf 35 Millionen Euro. Das ist enorm."

Die Werbeeinnahmen machen etwa ein Drittel des Umsatzes der französischen Presse aus. Beim privaten Fernsehen ist die Abhängigkeit von den Werbeeinnahmen noch größer, was zu einem regelrechten wirtschaftlichen Erdbeben führt. Und zwar nicht nur kurzzeitig, sondern auch auf mittlere und lange Sicht. Und so rufen auch die Medienunternehmen nach der rettenden Hand des Staates. Aber erstmal ist Sparen angesagt. Mitarbeiter, deren Arbeitsgebiete weggefallen sind, wurden in Kurzarbeit geschickt.

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