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Filmszene aus TOP GUN von 1986 mit Tom Cruise und Kelly McGillis
© picture alliance/Everett Collection

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Filmszene aus TOP GUN von 1986 mit Tom Cruise und Kelly McGillis

Fünf Frauen zwischen 16 und 45 Jahren wagen ein Experiment: Einen Abend lang schauen sie Kinofilme aus den 1980er und 1990er Jahren, für alle - bis auf die 16-jährige Lena - werden da Kindheits- und Jugenderinnerungen wach.

"Seit wann trägst Du eigentlich was drunter?"

Zum Beispiel bei "Ein Vogel auf dem Drahtseil" mit Mel Gibson und Goldie Hawn. 1990 war die Actionkomödie ein echter Blockbuster - jetzt bewertet das weibliche Testpublikum den Film eher schlecht. Gerade klettert Goldie Hawn an einer Leiter hinauf, ihr hochwirbelndes Kleid behindert sie, nimmt ihr die Sicht, man sieht nur noch nackte Beine und einen Po in einem knappen Slip. Mel Gibson, zwei Stufen unter ihr auf der Leiter kommentiert lapidar: "Seit wann trägst Du eigentlich was drunter?" Das sorgt beim weiblichen Publikum für gequältes Ächzen. Popcorn fliegt auf den Fernseher.

Das setzt sich auch in anderen Filmen fort: Frauen können nicht laufen, weil ihre Absätze abbrechen, sie kreischen hysterisch los beim Anblick von Schmutz oder Ungeziefer, sie werden ständig in sexualisierten Posen gezeigt. Beitrag dieser Szenen zur Filmhandlung: gleich null.

Was frau früher gut fand, ist heute kaum noch auszuhalten

Überhaupt sind Anna, Lena, Gunilla, Sabine und Friederike mit den Geschlechterbildern in den meisten Kinofilmen aus früheren Jahren absolut nicht einverstanden. Indiana Jones, Cocktail, Crocodile Dundee, Star Wars, Top Gun, Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten, Blade Runner… was frau früher uneingeschränkt gut fand, das ist heute wegen seiner überholten Geschlechterstereotype teilweise kaum noch auszuhalten.

Dass die Filmheldinnen zumeist auf ihr Äußeres reduziert werden, ist politisch nicht korrekt, überrascht das weibliche Publikum jedoch kaum. Anders sieht das mit der Darstellung von Liebesszenen aus, die fangen nämlich fast durchweg mit einem Nein der Frau an. Was dann folgt, fand man offenbar in den 90er Jahren romantisch, heute wäre es ein Tabu. So empfindet es Testzuschauerin Anna: "Eigentlich in allen Filmen, die wir in unserer Jugend gesehen haben, wird Männern vermittelt, dass ein Nein niemals ein Nein ist. Was heute Jungen ganz stark vermittelt wird ist ja: Non means no. Und was den Jungen damals vermittelt wurde: Sie ziert sich nur, sie will es auch. Das ist extrem ekelhaft."

Das Frauenbild der 1990er wirkt geradezu steinzeitlich

Gerade die 16-jährige Lena findet diese Szenen doch sehr befremdlich. Und dabei stammen die meisten Hollywoodfilme, die wir an diesem Abend schauen nicht aus grauer Vorzeit sondern größtenteils aus den 90er Jahren. Das Frauenbild aber wirkt geradezu steinzeitlich. Woran liegt es, dass frau so viele ehemals heißgeliebte Kinoklassiker heute nicht mehr erträgt? Sind wir so gendersensibel geworden? Oder gar die Gesellschaft so geschlechtergerecht?

Gläserne Decken im Job, Lohnungleichheit und die Unterrepräsentiertheit von Frauen in Chefetagen oder der Politik – all das ist doch immer noch Realität. Ist das Kino am Ende in seiner Entwicklung schneller als die gesellschaftliche Wirklichkeit? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, glaubt Sabine Horst, Redakteurin bei epd Film.

"Grundsätzlich würde ich sage, ist die Kultur immer schneller. Die besten Frauenromane wurden zu Zeiten geschrieben, als Frauen noch überhaupt nichts zu sagen hatten - im 19. Jahrhundert. Beim Kino muss man allerdings bedenken, dass das eine extrem kommerzielle, industriell verfasste Kunstform ist, die auch von Marktgesetzen abhängig ist. Und Filme werden noch immer von Männern gedreht, die haben die Produktionsmittel in der Hand. Wir haben jetzt geradezu eine Welle von starken Frauen, die auf jüngeres Publikum zielen, die neuen Amazonen, die Fighting Girls: Catness Everdeen zum Beispiel, in den Tributen von Panem zum Beispiel, Wonderwoman und demnächst: Captain Marvel. Also, da geht eine Schere auseinander: Es gibt immer Filme, wo es schneller geht und welche, wo es länger dauert und es gibt immer Phänomene der Ungleichzeitigkeit."

Die #metoo-Debatte hat viel in den Köpfen verändert

Tatsächlich hat die #metoo-Debatte über sexuelle Diskriminierung, die ja ihren Ausgang ausgerechnet im Filmmilieu von Hollywood mit Vorwürfen gegen den einflussreichen Produzenten Harvey Weinstein nahm, viel in den Köpfen verändert. Wenn sich also auch gesellschaftlich noch längst keine volle Geschlechtergerechtigkeit verwirklicht hat, so hat sich doch das Gerechtigkeitsempfinden stark gewandelt, sagt Sabine Horst.

Teenagerkomödien wie "Pretty in Pink", "Sixteen Candles" oder "Breakfastclub" - alle mit Mädchenikone Molly Ringwald in der Hauptrolle - zeigen, Frauen konnten damals überhaupt nur erfolgreich sein, wenn sie dem konventionellen Schönheitsideal entsprachen, sprich, die Brille absetzten und schlank waren.

Frauen können nicht logisch denken und kein Geheimnis bewahren

Was jugendlichen Zuschauerinnen hier beigebracht wird, das setzt sich in den Actionkomödien aus derselben Zeit für die ganze Familie fort: Die spielen mit allen bekannten Klischees über weibliche Unfähigkeiten: Frauen können nicht rennen, nicht klettern, kein Geheimnis bewahren, können nicht logisch denken, nicht die Ruhe bewahren und - selbstverständlich nicht Auto fahren.

Viele Darstellungen von Weiblichkeit, wie sie in alten Filmen auftauchen, würden es so heute kaum noch auf die große Leinwand schaffen, schätzt Kinoexpertin Sabine Horst. Zwar ist die Filmindustrie nach wie vor Männer dominiert, aber der Publikumsgeschmack gibt den Ton an. Eine gute Nachricht, lässt sie doch darauf schließen, dass die Mehrheit des Kinopublikums sich andere Frauendarstellungen wünscht.

Kino: Chance für Geschlechtergerechtigkeit

Und das Kino spiegelt ja nicht nur die Realität, es prägt sie zugleich, hat selbst einen Erziehungseffekt. Darin liege auch eine Chance für Geschlechtergerechtigkeit, hofft Sabine Horst. Sie würde sich wünschen, dass auch andere ältere Filme wieder mehr angeschaut werden: vor allem diejenigen, die die Inhalte der #metoo-Debatte schon vor Jahren vorweggenommen haben. Auch diese Filme machen heute nachdenklich.