BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Wie schreibt man einen Roman über den Dadaisten Kurt Schwitters? | BR24

© Audio: BR; Bild: pa/dpa

Kurt Schwitters' anrührendes Schicksal hat Ulrike Draesner fasziniert. Die Autorin fand es spannend, zu sehen, wie Schwitters trotz seiner widrigen Lebensumstände an seiner Kunst festgehalten hat.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie schreibt man einen Roman über den Dadaisten Kurt Schwitters?

Der Dadaist Kurt Schwitters, Dichter und Künstler, wurde von den Nazis verfemt. Die Autorin Ulrike Draesner erzählt in "Schwitters" von seinem Schicksal im Exil – und schuf damit einen Roman über die Kraft der Kunst in dunklen Zeiten.

Per Mail sharen
Von
  • Knut Cordsen

Bekannt ist er heute hauptsächlich durch ein Lautgedicht der besonderen Sorte: das Scherzo seiner Ursonate. Der Dadaist Kurt Schwitters sprach es am 5. Mai 1932 selbst. Wenige Jahre später, 1937, musste Schwitters, der von den Nationalsozialisten als "entarteter Künstler" gebrandmarkt und verfemt wurde, Deutschland verlassen. Er sollte seine Heimat Hannover nie wiedersehen: Erst lebte er in Norwegen, dann in Großbritannien im Exil. 1948 starb er in der Emigration – als Flüchtling, staatenlos. Wie "ein Stuhl mit zwei Sätzen von Beinen" fühle er sich, so lässt es ihn die Schriftstellerin Ulrike Draesner in ihrem großen Roman "Schwitters" sagen. Von Schwittersʼ Leben im Exil erzählt dieser Roman, über den Knut Cordsen mit Ulrike Draesner gesprochen hat.

Knut Cordsen: In Ihrem Roman fällt mal das schöne norddeutsche Wort "figelinsch". Figelinsch, das heißt "schwierig, knifflig". Die Aufgabe, einen biographischen Roman über Kurt Schwitters zu schreiben, war sicherlich keine leichte. Bestand darin gerade der Reiz, die Herausforderung, diesem schwer fassbaren Künstler einen Roman zu widmen?

Ulrike Draesner: Ja, es war ein ziemliches Abenteuer, denn ich wusste eigentlich wenig über ihn. Als ich anfing, kannte ich gerade mal seine Ursonate und ein paar Collagen. Ich lebte 2015 als writer in residence in England, als eine befreundete Mediävistin mir von Schwitters erzählte, von Schwitters in England. Ich hatte mich nie für die Biografie interessiert und während sie sprach, erkannte ich in seiner Lebensgeschichte so vieles, was ich aus meinen Recherchen für meinen Roman "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" gelernt hatte über die Folgen von Exil, Emigration, erzwungener Migration. Es war einfach ein sehr anrührendes Schicksal und unglaublich spannend zu sehen, wie dieser Mann in seinen letzten zehn Lebensjahren, die er ständig auf der Flucht war, gar kein Geld mehr hatte, keine gesundheitliche Versorgung, trotzdem an seiner Kunst festgehalten hat.

Sie haben diesen Roman anfangs auf Englisch geschrieben. Warum?

Ich lebte eben in England, und er war ja für mich erst einmal greifbar über seine englische Zeit. Er hat in dieser Zeit auch nur Englisch gesprochen. Und das ist ja auch ein Stück massiver Exilierung für einen Schriftsteller, wenn er seine Sprache, sein gesamtes sprachliches Umfeld verliert. Genau das ebenfalls zu tun war für mich ein Mittel, ihm mich auf der sprachlichen Ebene anzunähern.

Im Exil in Norwegen lassen Sie Schwitters noch zusammen mit seinem Sohn und dessen Frau sein "Kleines Gedicht für große Stotterer" von 1934 rezitieren, in Nord-England, in Ambleside, wo er zuletzt lebt, verstummt er irgendwann als Wortartist. Weil er sich seiner Muttersprache entfremdet hatte oder wie erklären Sie sich das?

Zum einen war das eine Entfremdung, ja. Zum anderen aber, denke ich, war das auch eine gezielte Abstandnahme. Mich hat es nicht erstaunt, aber berührt, als ich bei der Recherche herausfand, dass er seine Briefe aus England an seinen Sohn, der nach 1945 wieder in Norwegen lebte, auch auf Englisch schrieb und sein Sohn ihm auf Englisch antwortete. Manchmal floss da ein norwegisches Wort ein. Das Deutsche war ihm eigentlich weggestorben, das entzog sich, er fing auch an, Fehler zu machen – was eben passiert, wenn man wirklich die Identität wechselt. Das war kein freiwilliger Wechsel, aber der Versuch, noch einmal wenigstens einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Er hat sich in dieser letzten Zeit dann ganz auf seine bildende Kunst konzentriert. Da war dann der letzte Rest seiner künstlerischen Kraft. Er hat eine unglaubliche Energie, was die Kunst angeht. So ein Feuer, das in ihm entbrannt ist, so viele Erfindungen, so viele Innovationen! Das schrumpfte, das wurde so ein kleiner Planet mit einer immensen Gravitation. Gegen alle körperlichen Widerstände – er war einfach sehr krank – hat er bis zuletzt daran weitergearbeitet und an die Freiheit der Kunst geglaubt und sie verteidigt.

Woran er bis zuletzt gearbeitet hat, das war sein letzter, sein dritter, sogenannter Merzbau. In seinen ersten Merzbau, dieses labyrinth- und höhlenartige "Grottenreich" in seiner Hannoveraner Villa, das 1943 bei einem Luftangriff zerstört wurde – der zweite, 1951 durch einen Brand zerstörte Merzbau stand auf Hjertøya in Norwegen und der dritte eben in England – in diesen ersten Merzbau schon baute Schwitters eine "Kathedrale des erotischen Elends" ein. Das hat eine besondere Ironie, weil Schwitters ein ziemlicher Schwerenöter gewesen sein muss, im Roman nennt ihn seine deutsche Frau Helma einen "Schürzenjäger", das Wort "Schwittersmagnet" fällt auch im Zusammenhang mit Frauen. War Schwitters das, was man einen Erotomanen nennt?

Das glaube ich nicht. Ich weiß auch nicht, wie weit diese Seitensprünge, Affären oder was auch immer gingen. Es ist auch für mich kein Aspekt der Arbeit. Eigentlich konzentriert sich mein Roman ja auf die wirklich intensiven und langen Beziehungen zu seiner Frau Helma Schwitters, die eine große Überraschung für mich bei der Recherche war, weil sie eine unglaublich humorvolle, warmherzige Frau ist, die einem da aus den Briefen entgegenkommt. Daneben gibt es dann eben auch noch seinen Sohn Ernst, der mit 16 im Widerstand gegen die Nazis war und die ganzen Stationen des Exils mit Schwitters erlebt hat und seine letzte große Liebe Edith Thomas, genannt Wantee. Das war nicht nur ein Seitensprung oder eine Affäre, sondern eine tiefe Beziehung zu einer jungen englischen Frau, die er in London während des Zweiten Weltkrieges kennenlernte und die ihn in seinen letzten Jahren einfach am Leben erhalten hat.

Sein Sohn Ernst Schwitters, der mit Kurt ins Exil ging, nennt ihn mal "ein Brodelphänomen". Das war kein einfaches Vater-Sohn-Verhältnis, oder?

Nein, das ist auch sehr aufschlussreich. Das war ein ganz enges Verhältnis, eine Angewiesenheit aufeinander, wenn man sich noch einmal vor Augen führt: Die beiden gehen 1937 nach Norwegen. Ernst ist noch lange nicht volljährig. Er braucht ein Elternteil. Sie leben ganz eng unter prekären Umständen. Und dieser Sohn sucht natürlich neben diesem flamboyanten Menschen, der ständig etwas erfindet und ein unglaubliches Charisma gehabt haben muss, eine irre Ausstrahlung – das ist einer der Gründe, warum da so viele Frauen immer um ihn herum sind – seine eigene Identität eben gerade auch als Künstler. Das nimmt schon einige Wendungen und ist natürlich immer schwierig gewesen für Ernst, zu Kurt so etwas wie den richtigen Abstand einzustellen.

"Ein Vater, den er zu beeltern hatte", heißt es mal so schön. Und doch hat sich Schwitters jun., der selbst Künstler war – Fotograf –, Schwitters sen. untergeordnet.

Ja, dieses "Beeltern" ist ein sehr spezifischer Ausdruck. Das findet sich ja inzwischen häufig in der Forschung, dieses "Parenting": Kinder müssen Erwachsenen-Rollen und -Aufgaben übernehmen gegenüber Eltern unter traumatisierenden Umständen in Flucht- und Exil-Situationen, weil sie einfach abstürzen. Das ist auch bei Schwitters schon öfters der Fall gewesen. Er hat mit dem Exil schon in Norwegen und dann auch in England wirklich alles verloren, hat von einem Freundes-Netzwerk gelebt. Viele seiner Kunstwerke – sowohl in der Literatur als auch in der bildenden Kunst – waren ja bereits performativer Natur. Das war ja auch sehr neu damals. Er hat ja eigentlich auch die begehbare Installation erfunden, hat den Werk-Begriff verflüssigt und brauchte Menschen dafür. Das hat er verloren. Er hat jede finanzielle Sicherheit verloren, hat überhaupt jedes Echo verloren. In Norwegen gab es niemanden, der seine Kunst überhaupt einschätzen konnte und in England eigentlich auch nicht. Und dann noch die Trennung von der Familie: die Sorgen um das zurückgelassene Werk, die Sorgen um die alten Eltern, die Sorgen um die Ehefrau und ihr Schicksal. Da kann man sich schon vorstellen, dass ihn da manchmal auch der Sohn gestützt hat. Das muss man Ernst, der eine sehr ambivalente Rolle gespielt hat nach Schwittersʼ Tod, hoch anrechnen, dass er das getan hat.

© Penguin Verlag

Buchumschlag zu Ulrike Draesners Roman "Schwitters"

Kurt Schwitters war Epileptiker, er hatte das schwere Schicksal des Exils, der bitteren Armut, in der er zuletzt lebte, er erlitt einen Schlaganfall. Und doch hat Schwitters, so lese ich Ihren Roman, sich der Tragödie nachgerade verweigert. Er wolle partout keine tragische Figur werden, schreiben Sie mal, "allemal nicht in einer Tragödie, die andere für ihn schrieben". Daraus spricht ja eine große Selbstbestimmtheit.

Es spricht vor allen Dingen eine gewisse Art letzter Kraft und auch Trotz und Verteidigung der Kunst daraus. Er hat ja gesehen, nicht nur an sich selbst, sondern auch in seinem Umfeld, was durch das Naziregime ab 1933 an Kunst, an Wissen, an Geistigkeit, an Gelehrsamkeit wirklich systematisch zerstört worden ist. Diese Zerstörung war einfach ein Faktum. Und auch nach dem Krieg hatte er deswegen das Gefühl: Hitler hat gewonnen. Er hat diese Zerstörung ins Werk gesetzt und ich arbeite immer noch dagegen an und versuche, etwas von dem, was da gewesen ist, weiter zu tragen. Ich kämpfe eigentlich für die Freiheit der Kunst, ihren Erfindungsgeist und ihren Humor. Es ist ihm ganz großartig gelungen, das umzusetzen. In diesem letzten "Merzbarn", dem Merzbau in der Scheune von Ambleside. Ich denke, dass dieser Schwitters auch für uns heute eine wichtige und interessante Figur ist. Z.B., wenn wir uns fragen danach, welchen Stellenwert Kunst überhaupt in unserer Gesellschaft hat. Wo ist so ein Rest anarchisches Potenzial? Was machen wir mit den Ideen der Nützlichkeit oder Nutzbarkeit? Der Roman endet ja nicht mit seinem Tod, sondern ein ganzes Stück später erst, als sein letztes Werk, das vergessen wurde in einer Scheune im Lake District, in der es gebaut wurde und da vor sich hin verrottet ist für zwanzig Jahre, als dieses Werk aufgrund der Initiative von einigen jungen Studierenden und einigen lokalen Künstler durch persönlichen Einsatz wirklich gerettet wurde. Ich hatte bei der Recherche ein Zeitungsbild gesehen von 1965, da sieht man den Merzbarn, diese 23 Tonnen schwere Wand mit diesem begonnenen Kunstwerk in der Luft schweben. Sie hängt an einem Kran-Seil und wird in die Hatton Gallery in Newcastle herabgelassen. Das war für mich eigentlich der Ausgangspunkt des Schreibens. Diese Rettung der Kunst und auch die Freiheit der Kunst. Das hat er geschafft. Schwitters hat im Endeffekt seine Arbeit mit seinem Leben bezahlt. Aber es ist ihm gelungen, dieses Zeichen über die Zeit zu retten.

"Schwitters" von Ulrike Draesner erscheint am 24. August bei Penguin für 25 Euro (474 Seiten).

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!