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Wie schöpferisch kann Künstliche Intelligenz sein? | BR24

© picture alliance / Photoshot

Die Roboter-Künstlerin Ai-Da bei ihrer Ausstellungseröffnung an der Oxford University am 12. Juni 2019.

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    Wie schöpferisch kann Künstliche Intelligenz sein?

    Werden bald Programme unsere Bilder malen, unsere Bücher schreiben, unsere Songs singen? Künstliche Intelligenz kann mittlerweile auch kreativ sein – aber wie nah kommt das der Kreativität eines Menschen?

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    Vor einem Jahr wird das Portrait von "Edmond de Belamy" – ein Gemälde, das den Werken Rembrandts zum Verwechseln ähnlich sieht, aber von einem Algorithmus aus dem Datensatz von 15.000 echten Portraits aus dem 14. und 20. Jahrhundert geschaffen wurde – im Auktionshaus Christies in New York für umgerechnet 380.000 Euro versteigert. Aber kann Künstliche Intelligenz wirklich schöpferisch sein?

    Ja, meint Professor Klaus Diepold. Er ist Experte im Bereich Künstliche Intelligenz an der TU in München. Im aktuellen Semester bietet er eine Vorlesung zu "Computer und Kreativität" an. Die Vorstellungen von Kreativität seien weitgehend romantisch. "Das ist vielleicht gar nicht so mystisch und fantastisch, wie wir uns das immer vorstellen. Auch der Mensch ist nicht kreativ aus dem Nichts heraus, das ist eigentlich Unsinn."

    Kreativität heißt Bestehendes zu rekombinieren

    Seinen Worten zufolge besteht Kreativität darin, bestehendes Wissen zu rekombinieren und aus der Rekombination etwas Neues zu schaffen. "Ob ich jetzt Maler, Künstler, Musiker, Literat bin, oder auch das tägliche Leben – wir benutzen ja auch das Wissen, um Probleme zu lösen, indem wir verschiedene Erfahrungswerte neu kombinieren und damit rumspielen und sagen: Ah, das könnte man auch so machen."

    Die sogenannte kombinatorische Kreativität – also dass Computer nicht mehr nur bereits dagewesene Muster reproduzieren, sondern lernen, Eigenständiges zu erschaffen – stelle für intelligente Systeme kein Problem mehr da.

    Wenn Maschinen Texte schreiben

    Im Journalismus wird bereits intensiv an Robotern gearbeitet, die in Zukunft selbstständig Texte verfassen. Nicht nur Routinethemen wie Börsennachrichten, Wetterberichte oder Sportmeldungen – auch schriftstellerische Texte liegen durchaus im Bereich des Möglichen. Der Berliner Journalist Wolfgang Zehrt hat mit Studenten der KI ein Projekt gewagt: Gemeinsam haben er und die Studierenden die Vorlage eines John-Grisham-Romans als Grundlage eines neu-programmierten Algorithmus eingespeist. Das Ergebnis: "Wir haben die ersten 40 Seiten John Grisham so generieren können, dass – ich meine mal vorsichtig – vielleicht ein eingefleischter Grisham-Fan gemerkt hätte, dass es so nicht ganz von dem Autoren kommen kann. Aber es war überaus lesbar und unterhaltsam."

    Je größer die Bandbreite an verfügbaren Daten und Informationen ist, desto besser das Ergebnis der sogenannten selbstlernenden Systeme: Je leistungsfähiger diese KI-Systeme sind, desto kreativer können sie werden. Gibt es also keine Grenze mehr zum Menschen?

    Die Maschine braucht immer eine Vorlage – etwas bereits Dagewesenes. Es gibt zudem immer einen Menschen, der das Programm schreibt. Und dieses Programm beinhaltet immer auch ein Regelwerk. Wozu eine Künstliche Intelligenz nicht in der Lage sein wird: Die Regeln zu brechen und dadurch etwas Neues zu schaffen – die sogenannte transformative Kreativität.

    Die Maschine erschafft, aber reflektiert nicht

    Die transformative Kreativität ist einer der Gründe, warum die Kunstszene in der KI keine Konkurrenz sieht. Der Einsatz von Computertechnik ist hier mittlerweile zwar Standard. Programme und Algorithmen übernehmen aber mehr die Rolle eines Assistenten. Die Münchner Kunsthistorikerin und Kuratorin Karin Wimmer sieht die Zukunft mit KI daher entspannt. Der maschinelle Rembrandt aus dem Drucker – für Karin Wimmer ist das eher vergleichbar mit Postern und Kunstdrucken aus dem Baumarkt. Sie hält es für eher unwahrscheinlich, dass KI irgendwann den Künstler ersetzen wird, denn für die tatsächliche Kunst gelte, "dass ein Kunstwerk nicht ohne Zeit und Raum, nicht ohne die Herkunft entstehen kann."

    Individualität, die Biografie eines Menschen, Stimmungen und Launen, Interessen und das Bewusstsein für sich selbst, sich selbst zu reflektieren und Intuition – all diese menschlichen Eigenschaften sind derart komplex, dass sie die Möglichkeiten für die KI überschreiten – sagt auch KI-Experte Klaus Diepold: "Wir wissen ja nicht mal, wie es beim Menschen funktioniert – geschweige denn, das wir etwas Ähnliches Nachbauen könnten." Nicht die Kunst selbst also, sondern die Alltags-Kreativität könnte in Zukunft von Programmen übernommen werden – und damit die Kreativ-Branche unter Druck setzen.