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Wie RIN mit "Nimmerland" ein Lebensgefühl in Rapmusik verwandelt | BR24

© Tim Lorenzen

Rapper Renato Simunovic aka RIN mischt die Szene durch Freundlichkeit und Gefühle auf

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    Wie RIN mit "Nimmerland" ein Lebensgefühl in Rapmusik verwandelt

    Dicker Rauch statt dicke Eier: Der Rapper RIN zeigt auch auf seinem zweiten Album "Nimmerland", dass Deutschrap nicht zwingend brutal sein muss. Und liefert den Soundtrack für eine Jugend zwischen Instagram, Drogen, Langeweile – und ohne Illusionen.

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    Es ist ein Youtube Kommentar, der auf den Punkt bringt, was RIN von 95 Prozent der deutschen Rapper unterscheidet. Ein Youtube-Kommentar zu seiner Vorab-Single "Fabergé". Dort schreibt der RIN-Fan ViiPer Dany: "Kollegah: MACH DIE TÜR ZU! RIN: Hey Jungs, könnt ihr die Tür zu machen? :)" und spielt damit darauf an, dass RIN am Anfang von "Fabergé" darum bittet, die Tür zuzumachen – jemand wie Kollegah selbiges hingegen einfach befohlen hätte. Genau das macht RIN zu einem so sympathischen Rapper, genau deshalb ist er so erfrischend für den deutschen Rap – nach Jahren der Vorherrschaft von nicht selten so gewaltverherrlichendem wie frauenfeindlichem Gangsterrap, dessen Dicke-Eier-Pose mittlerweile nur noch peinlich wirkt.

    Rap mit Gefühlen

    Denn Renato Simunovic aka RIN kann im Gegensatz zum gemeinen Deutschrapper auch über andere Gefühle rappen als das, jemanden auf die Fresse geben zu wollen. Wie schon beim Debüt-Album "Eros" zeigt sich der Rapper aus dem schwäbischen Bietigheim-Bissingen auf seinem zweiten Longplayer "Nimmerland" auch mal verletzlich, versprüht eine sanfte Melancholie, lässt hier und da etwas Weltschmerz durchblicken. Oder ist es doch nur Langeweile? Das Auf-dicke-Hose-Machen erschöpft sich bei RIN jedenfalls auf das Droppen der Namen von Sportswear-Herstellern.

    Deswegen sind HipHop Fans, die RIN mangelnde Rap-Skills, lahme Reime und plattes Storytelling attestieren, auch auf der völlig falschen Spur. Bei RIN geht es nicht um das Herzeigen von Fähigkeiten, sondern um das Heraufbeschwören eines ganz bestimmten Lebensgefühls. Rap hat mit der Cloudrap-Szene um Money Boy und RINs ehemalige Label-Buddys Yung Hurn, LGoony und Crack Ignaz längst seinen Punk-Moment gehabt. Denn auch hier ging es weniger um Skills, als vielmehr um eine Attitude. RIN kommt aus dieser Szene und ist ihr doch gleich mit seinem Debut-Album entwachsen – weil ihm eben doch wichtig war, über was er rappte. Auf "Nimmerland" rappt und singt RIN, stets eine Hand am Autotune Effekt, nun wieder über Sachen, die ihm wichtig sind: über unerreichbare Träume und unerwiderte Liebe, über vergangene Zeiten und vernebelte Nächte.

    Trap Beats und Kindermelodien

    Auf einem Gerüst aus trockenen 808-Beats, hyperaktiven Trap-HiHats, Gitarren- oder auch mal Bläser-Samples tänzeln zarte Synthesizersounds, die sich immer wieder zu kinderliederhaften Melodien formen, mal japanisch ("UP IN SMOKE"), mal arabisch angehaucht ("Bietigheimication"). Gebaut haben diesen zeitgemäßen, süßlichen "Nimmerland"-Klangkosmos wieder RINs Hausproduzent Minhtendo und der nun auch schon längere Weggefährte Alexis Troy. Das Album wirkt wie aus einem Guss, ganz gleich ob RIN über einen reduzierten Techno-Track ("Keine Liebe") oder ein altes HipHop-Sample ("Vintage") rappt.

    Vielleicht trägt dazu auch bei, dass RIN auf "Nimmerland" fast ohne Features auskommt – auch das alles andere als üblich im HipHop dieser Tage. Lediglich der ebenfalls in Bietigheim-Bissingen lebende Bausa darf in "Keine Liebe" einen etwas zu kitschigen Refrain der 90er-Teenyschmerz-Band Echt beisteuern. Und Bilderbuch und Sido & Luciano dürfen zwei "Remixe" am Ende des Albums veredeln.

    © Division

    Gibt's für 59,99 Euro: Das RIN-Album als Boxset im Style eines Nike-Schuhkartons

    Zweideutige Botschaften

    "Nimmerland" können sich RINs meist doch sehr junge Fans von ihren Eltern für schlappe 59 Euro auch als Box mit "Ljubav"-Aufdruck (kroatisch für Liebe) im Style des Nike-Swooshs inklusive T-Shirt mit selbem Aufdruck unter den Weihnachtsbaum legen lassen. Womit wir beim Thema Materialismus wären: Auch diesmal haben Markenklamotten und Modelabels ihren festen Platz in der RINschen Lyrik. Und doch hat sich ein leichter Überdruss in die Lyrics eingeschlichen: "Alles ist Designer, doch was nützt uns dieses Geld," singt RIN in "M.I.A." und "Baby sag mir, wieso liebst du diesen Typ mit den Nikes?" in "Keine Liebe". RIN scheint sich nicht mehr sooo sicher zu sein, ob Markenklamotten wirklich der Lebensinhalt schlechthin sind. Andererseits beschäftigt ihn die Frage auch nicht so sehr, dass er sich zu einem eindeutigen Statement aufraffen könnte.

    Das Gleiche gilt für das Verhältnis des Instagram-Stars zu Instagram: Zeilen wie "Wir leben für das Leben, nicht für Instagram" ("Bietigheimication") oder "Baby, was bedeuten dir die Instagram Likes?" ("Keine Liebe") lassen durchblicken, dass RIN mittlerweile ein gebrochenes Verhältnis zu der Plattform hat, die half, ihn zu dem zu machen, was er heute ist. Vielleicht ist das aber auch nur Koketterie mit einem Rockstar-Klischee – das RIN vor der Kulisse von einer halben Million Follower auf Instagram selbst lebt.

    Jugend ohne Zukunftsillusionen

    Zusammen ergibt das Album den Soundtrack einer desillusionierten, gelangweilten Jugend, die sich von Älteren nichts erzählen lässt – auch nicht gegen Konsumterror oder das Schweinesystem sein zu müssen. Eine Jugend, die sich – wie Peter Pan mit Nimmerland – auf Youtube, Instagram, Snapchat und TikTok längst ihre eigene Welt gebaut hat. Nicht von ungefähr sind auf dem Albumcover Filmplakate von "Kids" und "La Haine" zu sehen – beides Filme, die Jugendliche bzw. fast noch Kinder in einer Welt voller Drogen, Gewalt, Sex und Langeweile zeigen. Doch Obacht: So verbissen ernst gemeint ist das alles dann doch nicht. Auch "die verlorene Jugend" ist ja mittlerweile ein Klischee. Man kann sich RIN zwar nur sehr schlecht auf einer Fridays for Future Demo vorstellen. Aber eben auch nicht mit einer Nadel im Arm.

    © Division

    Album-Cover "Nimmerland" von RIN

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