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Göring raffte Altmeister-Gemälde zusammen, wo er nur konnte. Auch von Schirach gab sich kunstsinnig, der Möchtegern-Maler Hitler sowieso. Was bei ihnen an den Wänden hing, wurde später oft Eigentum des Freistaats über. Der arbeitet das Erbe nun auf.

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Wie Nazis Kunst horteten - und was Bayern damit zu tun hat

Göring raffte Altmeister-Gemälde zusammen, wo er nur konnte. Auch von Schirach gab sich kunstsinnig, der Möchtegern-Maler Hitler sowieso. Was bei ihnen an den Wänden hing, wurde später oft Eigentum des Freistaats. Der arbeitet das Erbe nun auf.

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Von
  • Stefan Mekiska

Nach dem Krieg kamen 900 Kunstobjekte aus sehr zweifelhaften Quellen in die Münchner Pinakotheken und ihre Zweiggalerien: Zum Beispiel aus einem Zug, in dem Hermann Göring seine Sammlungen aus seinem Landsitz Carinhall bei Berlin in die Sicherheit der Alpenfestung bringen wollte. Zum Beispiel vom Obersalzberg selbst, Adolf Hitlers Bergidyll bei Berchtesgaden. Sie kamen aus den Sammlungen anderer Nazi-Größen, aus öffentlichen Gebäuden wie der NSDAP-Parteizentrale oder aus Depots für das geplante Führermuseum in Linz. Darunter natürlich Raubkunst, aber auch auf dem Kunstmarkt rechtmäßig Erworbenes. Insgesamt ein Abbild des Geschmacks der führenden Nazis.

"Man kann drei Sammlungsschwerpunkte ausmachen", sagt Buchautor Johannes Gramlich von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. "Das waren einmal die alten Meister, vor allem altdeutsche Kunst. Es war die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts, schwerpunktmäßig die Münchner Schule. Und dann als dritten Schwerpunkt: zeitgenössische Kunst aus der NS-Zeit."

Nach dem Krieg gingen 900 Nazi-Werke an Bayern

Gramlich, der Autor des Buches "Begehrt, beschwiegen, belastend", denkt da zum Beispiel an Adolf Zieglers berühmtes Triptychon "Die vier Elemente", das ursprünglich im Braunen Haus in München zu sehen war, aber kürzlich auch wieder einmal in der Pinakothek der Moderne, nicht als bedeutendes Kunstwerk, aber als wichtiges historisches Zeugnis. Wie viele der 900 Nazi-Werke, die den Staatsgemäldesammlungen zugefallen sind, werden jetzt nach der Wiedereröffnung der Museen dem Publikum präsentiert werden?

"In der Alten Pinakothek sind es derzeit zehn Gemälde aus diesem Bestand, die zu sehen sind. Und dann noch rund 30 Objekte in kleineren Museen im bayerischen Umland, entweder als Leihgabe von uns oder in unseren Zweiggalerien."

Ein Beispiel für die deutschen Altmeister: Stefan Lochners sehr attraktive "Anbetung des Kindes", die der Elberfelder Industriellenfamilie Von der Heydt korrekt von einem prominenten Nationalsozialisten abgekauft worden ist und die heute in der Alten Pinakothek hängt.

© Bayerische Staatsgemäldesammlungen
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Gehörte mal dem Reichsjugendführer: Spitzwegs "Institutsspaziergang" von etwa 1860

"Das kommt aus der Sammlung Göring", sagt Gramlich. "Göring war in ganz besonderem Maße an altdeutscher Kunst interessiert. Das betrifft den Lochner, das betrifft viele Gemälde von Cranach dem Älteren und dem Jüngeren. Das war das klassische Sammlungsprofil von Göring."

Anderes Beispiel: Eine Mädchenklasse, begleitet von zwei Nonnen, in praller Sonne vor einer deutschen Stadt. "Der Institutsspaziergang" von Carl Spitzweg gehörte bis zur vorübergehenden Schließung der Neuen Pinakothek wegen Sanierung zu den beliebtesten Gemälden des Museums.

"Soweit wir wissen, ist das 1934 von Baldur von Schirach angekauft worden, dem sogenannten Reichsjugendführer", sagt der Experte. "Um 1938 ist es dann von Schirach übergegangen an den sogenannten Reichsbildberichterstatter Heinrich Hoffmann, in dessen umfangreiche Kunstsammlung. In der ist das Gemälde dann auch bis 1945 geblieben. Und Heinrich Hoffmann wurde dann grundsätzlich auch wie Göring und andere NS-Funktionäre enteignet. Damit konnte der Freistaat Anspruch auf das Gemälde anmelden. Der Sonderfall bei Hoffmann ist, dass er gegen diese Enteignung vorgegangen ist. Und als dann 1956 sein endgültiger Spruchkammerentscheid da war, durfte er 350.000 Mark seines Vermögens behalten. Das hatte zur Folge, dass ihm ein Großteil der Kunstsammlung, die Bayern sich schon zu Eigentum übertragen hatte, wieder zurückgegeben werden musste. Und diesen Spitzweg hat man ihm dann tatsächlich abgekauft."

Die Großmutter fordert Kunst zurück - der Enkel arbeitet das auf

Hoffmanns Tochter und Schirachs Ehefrau Henriette Hoffmann von Schirach widmet Johannes Gramlich ein ganzes Kapitel seines Buches. Während ihr Mann in Haft saß, klagte sie, die von den Entnazifizierungsstellen lediglich als Mitläuferin eingestuft worden war, erfolgreich auf Herausgabe ihres Besitzes, den sie bereits als Familieneigentum in die Ehe eingebracht habe. Neben einer Menge Hausrat erhielt sie daraufhin auch wertvolle Kunst zurück, die die Familie inzwischen weiterverkauft hat. Ihr Enkel, der Schriftsteller Ferdinand von Schirach, bemühte sich zwischenzeitlich um Aufklärung.

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Die Vorderansicht des Buches. Erschienen ist es bei Böhlau, zu haben für 35 Euro.

"Es hat da auch ein Projekt gegeben, das Ferdinand von Schirach selbst angestoßen hat, um diesen Dingen nachzugehen. Das hat die Kollegin Theresa Sepp sehr kundig bearbeitet und durchaus interessante und relevante Ergebnisse zu Tage befördert. Aber es bleibt dabei, dass von vielen dieser zurückgegebenen, zum Teil auch zurück verkauften Gegenstände nicht bekannt ist, wo die heute sind."

Johannes Gramlich: Begehrt, Beschwiegen, Belastend. Die Kunst der NS-Elite, die Alliierten und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Böhlau-Verlag, 35 Euro

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