Bildrechte: BR/ Astrid Uhr

Singen hilft Long Covid-Patienten. Die Selbsthilfegruppe "Kehle mit Seele" singt jede Woche in Augsburg,

  • Artikel mit Video-Inhalten
> Kultur >

Wie mit Gesang Long Covid-Symptome verbessert werden können

Wie mit Gesang Long Covid-Symptome verbessert werden können

Als sich Claudia Stöhler wegen ihrer Erkrankung an Long Covid in einer Reha-Klinik aufhält, entdeckt sie durch eine andere Patientin das Singen für sich. Es tut ihr so gut, dass sie in Augsburg eine singende Selbsthilfegruppe gründet.

Die Managerin und Hochschuldozentin Claudia Stöhler erkrankte im März 2021 an Corona - wie viele. Doch auch nach mehreren Wochen fühlt sie sich noch schwach. Nach ein paar Schritten die Treppe hinauf ist sie vollkommen erschöpft. Irgendwann kippt die 53-Jährige einfach um, kann nicht mehr richtig sprechen. "Meine Zunge stand so komisch schräg im Mund. Zuerst dachte ich, dass ich jetzt auch noch einen Schlaganfall habe."

Doch der Notarzt meinte, dieses Symptom kenne er schon von weiteren Long Covid-Patienten. Stöhler versucht, wieder fit zu werden, doch an Arbeit ist nicht zu denken. Sie kämpft um eine Behandlung in einer Rehabilitationsklinik. Dort lernt sie Elfriede kennen.

Singende Selbsthilfegruppe gegen Post-Covid

Mit Elfriede geht sie eines Abends spazieren. Eine kleine Runde bis zu einer Bank vor einer Schafherde. Dort beginnt Elfriede einfach zu singen. Stöhler lässt sich anstecken und singt einfach mit - "Schlaflieder für die Schafe sozusagen". Von da an wird es zu einem täglichen Ritual. Eigentlich sei sie ein "Nicht-Singer", sagt Stöhler lachend. Durch ihre Begegnung mit Elfriede aber sei sie auf die positiven Effekte des Singens für die Lunge und für die Seele aufmerksam geworden, erzählt die Long Covid-Patientin.

Nach dem Reha-Aufenthalt ist sie wieder zu Hause in Augsburg. Doch ihr fehlt das gemeinsame Singen - und sie möchte mit anderen teilen, wie positiv sich der Gesang auf die Gesundheit auswirkt. Sie spricht mit Mitarbeitern aus der Gemeinde St. Anna in Augsburg über ihren Wunsch, eine singende Selbsthilfegruppe zu gründen.

Und ihre Idee bekommt Flügel. Die Gemeinde stellt ihr einen Proberaum mit Klavier zur Verfügung - und übernimmt die Kosten für eine Stimmbildnerin und macht Werbung für den neuen Chor "Kehle mit Seele". Mittlerweile sind es etwa 20 Frauen, die sich regelmäßig alle zwei Wochen Montagabends treffen. Auch Männer sind herzlich willkommen.

Singen und Atmen: Mehr Luft bedeutet mehr Kraft

Was unterscheidet den Post-Covid-Chor von anderen, "normalen" Chören? Elisabeth Haumann ist ausgebildete Sängerin und Stimmbildnerin. Sie leitet den kleinen Chor mit Geduld und Engagement und weiß, worum es eigentlich geht: "Menschen, die Long Covid hatten, bei denen ist es meist in der ersten Singstunde so, dass sie nach ein, zwei Tönen schon atmen müssen. Dann ist ihre Energie schon weg."

Viele Post- und Long Covid-Patienten leiden unter Kurzatmigkeit. Schon nach wenigen Schritten geht ihnen die Luft aus. Das konzentrierte Atmen beim Singen und die Ablenkung der Gedanken auf die Musik hilft ihnen, ihre Atmung zu verbessern. "Wenn sie dann in den nächsten Singstunden merken, ok jetzt gehen vier Töne, jetzt gehen sechs Töne oder sogar zehn Töne auf einer Ausatmung, dann ist das ein Erfolgserlebnis. Und irgendwann schaffen sie es dann, ein Lied zu singen, ohne dass sie sich sehr anstrengen müssen", erzählt Haumann.

Positive Lieder sorgen für gute Stimmung

Mit Atemübungen trainieren die Teilnehmerinnen ihre Atemmuskulatur. Die Dehnungen und ein kleines Muskeltraining für die Zwerchfellmuskulatur zu Beginn jeder Chorprobe haben eine positive Wirkung. Aber auch die Konzentration auf die positiven Songtexte und Melodien - ohne Leistungsdruck und in einer Gemeinschaft, wo man verstanden wird, ist das eine heilsame Erfahrung.

Dass man ihr die Long Covid-Erkrankung äußerlich nicht ansieht, ebenso wie die Unfähigkeit, einen normalen Arbeitstag durchstehen zu können, empfindet auch Stöhler als Problem: "'Sie schauen doch gut aus', bekomme ich oft zu hören", erzählt sie. Doch inzwischen spürt sie, wie ihr Atem und ihre Energie langsam zurückkommen. Auch ihre Mitsängerinnen spüren wieder mehr Atemkraft. Gerade probt der Chor den Gospel "Clap your hands and sing Hallelulja" - es ist ein Song, der Lebensfreude und Hoffnung weckt.

Rund ums Thema "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott" geht es " in STATIONEN am Mittwoch, 23. November 2022 um 19 Uhr im BR Fernsehen und in der BR Mediathek.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!