Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Wie Milo Rau die Passion Christi in Matera verfilmt | BR24

© Bayern 2

Jesus als politischer Aktivist: Milo Rau verfilmt in "Das Neue Evangelium" die Passion Christi als Revolte von Migranten, die in Italien für einen Hungerlohn Tomaten ernten. Gleichzeitig startet er eine reale politische Kampagne.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie Milo Rau die Passion Christi in Matera verfilmt

Jesus als politischer Aktivist: Milo Rau verfilmt in "Das Neue Evangelium" die Passion Christi als Revolte von Migranten, die in Italien für einen Hungerlohn Tomaten ernten. Gleichzeitig startet er eine reale politische Kampagne.

Per Mail sharen
Teilen

Straßenmusik, flatternde Fahnen, Touristenströme. Matera ist europäische Kulturhauptstadt 2019 und hat einen vollen Veranstaltungskalender. Auch die Dreharbeiten zu Milo Raus Film "Das Neue Evangelium" stehen als öffentliche Performance auf dem Programm – doch kaum jemand nimmt davon Notiz. Als Jesus sein Kreuz durch die engen Straßen schleppt, ist die Filmcrew größer als das Publikum. Dabei wird der Erlöser bei Milo Rau von einem wütenden Mob verfolgt.

Jesus als politischer Aktivist

Die Szene wird in historischen Kostümen gespielt. Milo Rau liest das Neue Testament so: "An der Peripherie des Römischen Reiches gibt es eine Region, wo Zersprengte leben, wo quasi eine mafiöse Struktur herrscht, wo die Besatzungsmacht da ist und mit den großen landwirtschaftlichen Betrieben zusammenarbeitet. Das ist die Situation, die im Neuen Testament beschrieben ist. Dagegen erhebt sich ein Sozialrevolutionär, sammelt Leute aus den Drop-outs der Gesellschaft. Mit denen greift er das System an. Scheitert, wird gekreuzigt. Die Botschaft verbreitet sich aber".

Für Milo Rau ist Jesus ein politischer Aktivist. Er hat die Rolle mit Yvan Sagnet besetzt, der vor acht Jahren den bisher größten Streik in der italienischen Landwirtschaft organisierte. Sagnet stammt aus Kamerun und arbeitete auf einer Tomatenplantage in Apulien. "Ein Erntehelfer verdient dort 20 bis 25 Euro für 14 Stunden Arbeit," erzählt Sagnet. "Davon werden noch fünf Euro für Hin- und Rückfahrt abgezogen und fünf Euro für Essen und Trinken. Wenn du nicht schnell genug bist, verdienst du weniger. Ich bin damals mit vier Euro pro Tag nach Hause gekommen".

© SWR

Ein Knochenjob in praller Sonne: Tomatenernte in Apulien.

Die Tomate als Symbol der Ausbeutung

Nach dem Streik wurden in Italien die Gesetze verschärft, doch da viele Afrikaner illegal im Land sind, sind sie der Willkür ihrer Arbeitgeber nach wie vor ausgeliefert. "Die Tomate ist ein Symbol der Ausbeutung," sagt Yvan Sagnet. "Das ist ein Produkt, das oft von Flüchtlingen geerntet wird, die wie Sklaven arbeiten. Die Tomaten sind aber auch ein Symbol des Kapitalismus. Da wird Profit auf Kosten der Menschen gemacht."

Yvan Sagnet klagt nicht in erster Linie die Landwirte an, sondern die großen Handelsketten, die die Preise diktieren. Im Film von Milo Rau zerstampfen Jesus und seine Jünger Tomaten, die an einen großen Discounter geliefert werden sollen. Die biblische Geschichte wird ins Heute geholt. Rau hat viele Rollen mit Laiendarstellern aus Matera besetzt. Der Bürgermeister spielt Simon, der Jesus hilft, sein Kreuz zu tragen, der Polizeichef ist ein römischer Offizier. Das hat in der regionalen Presse für Aufmerksamkeit gesorgt. Für die öffentlichen Filmdrehs an diesem Wochenende sind auch internationale Journalisten angereist. Und darauf kommt es dem Regisseur an: "Das einzige, was bei dieser Art von zivilgesellschaftlicher Sache entscheidet, ist, dass Leute auf einen aufmerksam werden, sich solidarisieren, dass ein Bewusstsein stattfindet. Dass immer mehr Leute sagen: 'Es geht nicht, dass die Leute auf Plantagen arbeiten, die beispielsweise Lidl beliefern, wo die Leute keine Verträge haben.' Das Gesetz gibt es ja. Aber das Gesetz muss umgesetzt werden."

© picture-alliance

Regisseur Milo Rau

Milo Rau initiiert eine "Revolte der Würde"

Milo Rau denkt wie ein Aktivist. Da gerät die Kunst fast ins Hintertreffen. In seinem Film geht es nicht um schöne Bilder, sondern um eine klare Botschaft. "Im Grunde mache ich auch immer das Gleiche, immer unter einem anderen Namen, in einer anderen Region, mit teilweise anderen Leuten. Wie vielleicht jeder Künstler. Ich mache im Grunde diese Darstellung von sozialen, politischen Gewaltverhältnissen. Das ist mein Thema. Ob es die Coltan-Mine im Kongo ist oder die Goldraffinerie in der Schweiz, der Supermarkt in Deutschland oder die Tomatenplantage in Italien – das ist für mich eine große Geschichte."

Doch Milo Rau stellt die Verhältnisse nicht nur dar, sondern initiiert auch reale politische Kampagnen – aktuell die Rivolta della Dignitá, die Revolte der Würde, die sich für ein Bleiberecht für Migranten und faire Arbeitsbedingungen einsetzt. Am kommenden Donnerstag wird es in Rom ein erstes Treffen dieser Kampagne geben – mit Kirchenvertretern und Politaktivisten aus ganz Italien. Kunst, die so unmittelbar in politische Aktionen umschlägt ist selten. Milo Rau hat es wieder einmal geschafft.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!