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Tisch mit Mikrofonen für eine Lesung (Berliner Festspiele 2008)
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Autoren

Joana Ortmann
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Tisch mit Mikrofonen für eine Lesung (Berliner Festspiele 2008)

Lyrik gehört zu den kraftvollsten, aktuellsten Kunstformen unserer Zeit - trotzdem führt sie ein Nischendasein, sagt der Münchner Lyriker Tristan Marquardt. Er hat das künstlerische Programm von "Fokus Lyrik" vorbereitet, einem Festivalkongress, der das ändern möchte, gemeinsam veranstaltet von der Stadt Frankfurt und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Joana Ortmann hat mit Tristan Marquardt gesprochen.

Joana Ortmann: Welche Idee liegt diesem Festivalkongress zugrunde?

Tristan Marquardt: Es geht einerseits darum, der Lyrik eine große Bühne zu geben, und andererseits sollen all die verschiedenen Bereiche, die sich momentan mit Lyrik beschäftigen und sie prägen, zusammenkommen. Das heißt konkret: die Autorinnen und Autoren, die Verlage, die Übersetzerinnen und Übersetzer, die Zeitschriften, der Buchhandel, die Kritiker, die Germanisten, die Veranstaltungsorte. Also alle Bereiche, die sich mit Lyrik beschäftigen, sollen ausführlich darüber reden, wie es um diese Form zurzeit steht, wie sie in Zukunft aussehen und wie man sie gestalten kann.

Versuchen wir eine Positionsbestimmung: Wo steht die Lyrik heute?

Es ist im Moment so, dass die Lyrik sehr vielfältig, sehr agil und gut aufgestellt ist, wenn es darum geht, was konkret die Texte und ihre Präsentation angeht. Das hat damit zu tun, dass die Dichterinnen und Dichter in den letzten zehn, 15 Jahren in vielerlei Hinsicht die Sache selbst in die Hand genommen haben. Sie haben Verlage und Veranstaltungsreihen gegründet, teilweise sogar Veranstaltungshäuser, sie haben sich um die Vermittlung gekümmert und damit zu einem wesentlichen Teil dazu beigetragen, dass die Lyrik heute so vielfältig ist.

Das Dilemma der Lyrikerinnen und Lyriker ist ja, dass sie sehr stark in Vorleistung gehen müssen, um irgendwann einmal vielleicht gehört, gedruckt und gelesen zu werden …

Zum einen stimmt das, zum anderen glaube ich, dass das Klischee des zurückgezogenen Lyrikers, der zurückgezogenen Lyrikerin, die alleine im Stillen und ohne mit irgendjemandem zu kommunizieren, Gedichte schreibt, nicht mehr so aktuell ist. Ich würde eher behaupten, dass die Schreibenden heute viel auf Bühnen unterwegs sind, gut vernetzt sind, im engen Austausch mit anderen Kunstformen sind – sich aber trotzdem noch in prekären Lebenssituationen befinden. Die Lyrik ist im Verhältnis dazu, wie lebendig und vielfältig sie im Moment ist und wie viele unterschiedliche Formen des Schreibens und Denkens nebeneinander existieren, klar unterfördert. Da haben andere Kunstformen bessere Strukturen.

Tristan Marquardt

Tristan Marquardt

Warum lässt sich das Klischee vom zurückgezogenen Poeten so schwer aus der Welt schaffen?

Der Blick auf die Gegenwartslyrik hat auch mit der Vermittlung an den Schulen zu tun. Das verbinden viele mit der strengen Analyse vor allem alter Gedichte. Das ist unter anderem eines der Themen, worüber wir bei "Fokus Lyrik" sprechen wollen: Wie lässt sich Lyrik an Schulen anders und vor allem lebendiger vermitteln? Inwiefern ist es da vielleicht auch wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler nicht immer nur Lyrik analysieren müssen, während sie die Bildende Kunst machen dürfen, dass sie also auch Möglichkeiten haben, vermehrt selbst kreativ werden? Ich glaube, wenn man solche Zugänge zur Lyrik schafft, dann wird sich dieses alte Bild auch ändern.

Welches gesellschaftspolitische Potenzial in Lyrik steckt, erschließt sich teilweise aus dem Programm. Bei dem Festivalkongress wollen Sie zum Beispiel auch die spannende Frage stellen: Wie verhält sich die poetische Sprache zur sprachlichen Gewalt im Alltag? Inwiefern ist Lyrik da die Kunst der Stunde?

Wir haben es ja mit einer Zunahme von sprachlicher Gewalt zu tun. Auf der einen Seite grassieren im Internet Hasskommentare, auf der anderen haben wir auch im politischen Bereich eine von Aggression geprägte Sprache. Beidem hat Lyrik, glaube ich, tatsächlich etwas entgegenzusetzen, sie ist ja an sich schon ein Gegenentwurf, weil sie vielleicht die Kunstform ist, die am sprachsensibelsten ist und am differenziertesten mit Sprache umgeht. Sprachästhetik spielt dabei natürlich auch eine große Rolle. Auf der anderen Seite ist Lyrik eben auch eine wichtige Form von Reflexion, sie kann Sprachkritik sein, und es gibt eine lange Tradition in der Lyrik, dass man mit Bedeutungen spielt und Wörter spielerisch neu besetzt. Hier ist die Lyrik ein sehr wichtiger Ort, um in künstlerischer Art und Weise dem etwas entgegenzusetzen, dass Sprache immer nur rein funktionalisiert und in Machtzusammenhängen gebraucht wird.

Die Frage poetische Sprache und Gewalt wird auf dem Festival im Themenkomplex "Lyrik und Gesellschaft" verhandelt. Das ist ein großes Feld ...

Ich glaube, dass es wichtig ist zu sehen, dass das, was in der Kunst passiert, was mit Sprachkunst passiert, nicht einfach unverbunden neben großen gesellschaftlichen Fragen steht, nicht einfach einen Unterhaltungscharakter hat, wo man sozusagen artistisch mit Sprache umgeht. Vieles, was in der Lyrik heute passiert, hat mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Fragen zu tun. Zum Beispiel: Man hat vielleicht das Bild, dass in der Lyrik, wenn es um Natur geht, ein romantisches Bild vorherrscht: die Natur als Zufluchtsort, als etwas positiv Aufgeladenes. Aber gerade da gibt es in der Lyrik eben sehr aktuelle Diskussionen: Wenn man in Gedichten über Natur redet, ist diese Natur heute sehr oft eine menschengemachte Natur. Dadurch ändert sich etwas. Auch Klimawandel oder ökologische Veränderungen bewirken etwas, wenn es um das Verhältnis Natur – Kultur, Mensch – Natur geht, das ist in vielen gegenwärtigen Gedichten ein großes Thema. Stichwort wäre etwa das "Anthropozän", dieses große wissenschaftliche, fast naturwissenschaftliche Forschungsthema, das eine ganz eigene Richtung in der Lyrik angestoßen hat. Solche Fragen sollen beim Festival diskutiert werden: Wie zeitgemäß ist die Lyrik? Wo ist die Lyrik der Zeit voraus? Wo ist die Zeit der Lyrik voraus? Und inwiefern interagieren aktuelle Poetiken auch mit gegenwärtigen Fragen?

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Joana Ortmann

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kulturWelt vom 05.03.2019 - 08:30 Uhr