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Wie legitim ist der zivile Ungehorsam der Klima-Aktivisten? | BR24

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Ein giftgrün eingefärbter Schlosskanal in München, blockierte Straßen in Berlin und Kunstblut auf dem Finanzministerium in London: Umweltaktivisten protestieren derzeit unkonventionell für den Klimaschutz. Sind solche Aktionen gerechtfertigt?

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Wie legitim ist der zivile Ungehorsam der Klima-Aktivisten?

Ein giftgrün eingefärbter Schlosskanal in München, blockierte Straßen in Berlin und Kunstblut auf dem Finanzministerium in London: Umweltaktivisten protestieren derzeit unkonventionell für den Klimaschutz. Sind solche Aktionen gerechtfertigt?

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Darf man für den Klimaschutz ein Gewässer giftgrün einfärben? Zum Beispiel den Kanal vor dem Schloss Nymphenburg in München? Darf man den Berufsverkehr durch Sitzblockaden lahmlegen - wie vor zwei Wochen in Berlin durch die Aktivisten der Bewegung Extinction Rebellion geschehen? Und wie sieht es aus, wenn man ein Gebäude, zum Beispiel das Finanzminsterium in London mit Kunstblut bespritzt?

Verdienen Klimaaktivisten Respekt für Zivilen Ungehorsam?

Gewässer verunreinigen, Verkehr lahmlegen, Polizisten herausfordern, Sachbeschädigungen: Sind Ordnungswidrigkeiten oder gar Straftaten für den Klimaschutz erlaubt? Müssen Aktivisten, die so etwas tun, verurteilt werden - oder verdienen sie für ihren Zivilen Ungehorsam sogar Respekt?

Die Aktionen der Aktivistenbewegung Extinction Rebellion sind moralisch gerechtfertigt, sagt Professor Jürgen Manemann, Leiter des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover.

"Ziviler Ungehorsam ist dann aus moralischer Perspektive gerechtfertigt, wenn er nicht nur die eigenen Interessen berührt, sondern vor allen Dingen das Gemeinwohl im Blick hat." Jürgen Manemann

Ziviler Ungehorsam bedeutet Einsatz fürs Gemeinwohl

Die Klimafrage - als eine Infragestellung der Lebensgrundlage zukünftiger Generationen - ist für den Professor, der sich selbst bei Extinction Rebellion engagiert, ein Beispiel für Gemeinwohl-Einsatz. "Wenn ich dafür Zivilen Ungehorsam leiste, dann tue ich das nicht in erster Linie für mich, sondern ich tue es für die zukünftigen Generationen, für deren Wohl", so Manemann.

Es gehe bei den Klimaprotesten um die Zukunft der Menschheit, sagt der Philosoph und belegt seine Aussage mit einem Beispiel: "Eine 4-Grad-Erwärmung würde mit Hitzewellen einhergehen von 55 Grad, wie die Forschungsstelle der Europäischen Union herausgefunden hat. Also, Menschen würden sterben wie die Fliegen."

Münchner Abt sieht Aktionen von Klimaaktivisten kritisch

Etwas anders sieht das Abt Johannes Eckert von der Benediktiner-Abtei St. Bonifaz in München. Er hat Verständnis dafür, wenn Schüler zum Schulstreik aufrufen, dies sei aber etwas anderes, wie wenn Erwachsene zum Beispiel Verkehrswege blockierten: "Da gibt es andere Möglichkeiten, wie Demonstrationen, wie Proteste vor Parlamenten, und vieles andere mehr."

Gehorsam spielt für Abt Johannes Eckert eine wichtige Rolle: Wer in eine Ordensgemeinschaft eintritt, der muss bei der Weihe das Gelübde des Gehorsams ablegen: Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes – Gehorsam gegenüber dem Abt und der Gemeinschaft.

Gehorsam im Sinne von aufmerksamen Zuhören

Für ihn sei der Gehorsam rückblickend auch nicht immer einfach gewesen, so der 50-Jährige. Dennoch sieht er im "Horchen“ etwas Positives, denn Gehorsam hat von der Wortbedeutung in der Mitte die Silbe "hor", die vom "Horchen" kommt, und dem Gesprächspartner eine Haltung des Aufmerksamen Hörens abverlangt.

"Wenn ich die Bewegung 'Fridays for Future' anschaue, mit Greta Thunberg, dann sehe ich ein Stück weit auch die Mahnung Benedikts, wenn er sagt, wir sollten auf die Jüngsten im Kloster hören, weil sie oft offenbaren, was das Bessere ist." Abt Johannes Eckert

Heiliger Benedikt: "Hört auf die Jüngsten"

Der Heilige Benedikt, der Ordensgründer, wollte also keinen willenlosen Gehorsam, sondern ihm lag es am Herzen, in der Gemeinschaft neue Wege zu suchen. Gerade die Jüngeren haben noch Ideale und können oft die Älteren aus lähmenden Gewohnheiten wachrütteln – auch beim Klimaschutz, meint Abt Johannes Eckert.