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Wie lebt es sich mit einer sichtbaren Behinderung im Gesicht? | BR24

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Wie reagieren Menschen, wenn man eine sichtbare Behinderung hat? Jochen aus Dinkelscherben kann davon viele Geschichten erzählen. Er ist geistig gesund, aber spastisch gelähmt. Wegen seines Aussehens muss er sich oft schlimme Kommentare anhören.

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Wie lebt es sich mit einer sichtbaren Behinderung im Gesicht?

Wie reagieren Menschen, wenn man eine sichtbare Behinderung hat? Jochen aus Dinkelscherben kann davon viele Geschichten erzählen. Er ist geistig gesund, aber spastisch gelähmt. Wegen seines Aussehens muss er sich oft schlimme Kommentare anhören.

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Wie geht man mit einem Menschen mit Behinderung um? Viele haben dabei keinerlei Probleme, verhalten sich intuitiv richtig, andere sind unsicher. Sie vermeiden deshalb - wenn möglich - den Kontakt zu Behinderten. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe - diejenigen, die abfällig reden, wenn jemand eine sichtbare Behinderung hat.

Immer wieder unschöne Sprüche

Jochen N. aus Dinkelscherben hat sich schon viele abwertende Kommentare anhören müssen. Er ist spastisch gelähmt, hat über die meisten seiner Muskeln keine Kontrolle. Auch sein Gesicht ist in Mitleidenschaft gezogen. Auf seinen Verstand hat seine Behinderung keinerlei Auswirkung. Aber wegen seines Aussehens muss er sich immer wieder unschöne Sprüche anhören.

Jochen leidet an Tetra-Spastik, das heißt, er kann weder Arme noch Beine kontrolliert bewegen, ist also auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Spastik ist bei Jochen so ausgeprägt, dass er seinen Computer "Tobii" braucht, um sich zu verständigen. Er spricht die Wörter nicht aus oder schreibt sie mit der Hand auf Papier, sondern er diktiert sie seinem Computer mittels Blicksteuerung.

Spastik lässt Laien geistige Behinderung vermuten

Durch die Blicksteuerung kann Jochen lesen und schreiben. Das geht zwar nicht so schnell, aber es funktioniert. Manche Menschen, die ihn nicht kennen, vermuten fälschlicherweise bei Jochen wegen seiner unkontrollierten spontanen Muskelaktivität im Gesicht, die mit stimmlichen Lauten einhergeht, auch eine geistige Einschränkung. Und genau deshalb passieren Jochen Dinge, die einem Menschen ohne Behinderung erspart bleiben.

"Am 1.12.2016 abends ist ein neuer Fahrer mitgefahren, er heißt Fabian, und folgendes ist vorgefallen. Fabian hat sich bei keinem Behinderten vorgestellt. Beim Reinfahren hat er gemeckert: 'der hat wieder einen Kasten'. Er meinte meinen Rollstuhl. In Höhe der Gärtnerei haben sie sich über den Verdienst unterhalten. Fabian sagte, jede Putzfrau bekommt zwölf Euro die Stunde und wir haben Krüppel hinten drin." Jochen

Viele jammern - Jochen tut das nicht

Irgendwie schafft es Jochen, auch in solchen Situationen die Fassung zu bewahren. Er weiß, dass er nicht alleine ist. "Ich habe mich damit abgefunden, Gott hilft mir dabei. Hört sich vielleicht komisch an, Gott und ich reden täglich", sagt Jochen. Seine Betreuerin Mechthild, die auf Jochens Station in der Förderstätte des Dominikus-Ringeisen-Werks in Ursberg arbeitet, kennt ihn schon viele Jahre und staunt immer wieder, wie lebensfroh und positiv Jochen sein Schicksal annimmt - auch wenn er wegen seines fröhlichen Lachens, das einfach nur ein bisschen anders klingt als bei anderen Menschen, oft für geistig behindert gehalten wird.

Jochen indes beobachtet seine Umgebung sehr genau - vor allem, wie Menschen miteinander umgehen. Er liest in Gesichtern. Was er da sieht, gefällt ihm oft nicht: "Die meisten sind gestresst. Die Menschen gehen schlecht miteinander um. Und sie jammern zu viel." - Genau das tut Jochen nicht.