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Wie leben die Menschen im ehemaligen Grenzgebiet heute? | BR24

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Steffi Traut, Pfarrer Thomas Freytag (r.) und Dietrich Schütze erzählen von ihren Erfahrungen, die sie im Grenzgebiet gemacht haben.

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    Wie leben die Menschen im ehemaligen Grenzgebiet heute?

    Vor 30 Jahren war der Jubel riesig, als die Mauer fiel – im Osten wie im Westen. Auch die revolutionäre Landkommune auf dem Wildberg im oberfränkischen Tettau an der thüringischen Grenze feierte. Wie hat sich das Leben an diesem Ort entwickelt?

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    Am 9. November 2019 jährt sich der Tag des Mauerfalls zum 30. Mal. Wie sieht es heute im ehemaligen Grenzgebiet aus? Ist die Mauer wirklich weg - auch in den Köpfen? Die Dokumentation von Jutta Neupert erzählt deutsch-deutsche Grenzgeschichten, die sich auf dem Wildberg und in dessen Nähe abspielten.

    Revolutionäre auf dem Wildberg

    1976 beschließen junge Erwachsene aus Frankfurt einen Bauernhof zu kaufen, um eine alternativ ökologische Landwirtschaft aufzubauen. Haus und Grundstück sind billig, denn sie liegen direkt an der deutsch-deutschen Grenze: Auf dem Wildberg in 700 Metern Höhe im oberfränkischen Tettau an der thüringischen Grenze. Für die Grenzer war die revolutionäre Landkommune zu DDR-Zeiten eine permanente Provokation. Dietrich Schütze, einer der Mitbegründer dieser Landkommune, lebt bis heute mit seiner Frau auf dem Hof. Der heutige Hofbesitzer erinnert sich noch gut an die Zeit der Wiedervereinigung: "Wir haben hier große Partys und Feste gefeiert. Ich habe gedacht, hier gibt es gleich eine Explosion, weil die jungen Leute alle kamen und erzählt haben, was sie machen wollen und Perspektiven hatten. Es hat sich so nicht realisiert. Aber es war ein tolles Gefühl."

    Tragische Familiengeschichte

    Die Eltern von Stefanie Traut hingegen verbinden mit dem Tag des Mauerfalls ein Trauma: Sie stellen zu DDR-Zeiten einen Ausreiseantrag, um der ständigen Bevormundung durch den Staat zu entkommen. Zwei Jahre lang lebt die Familie in Neuhaus am Rennsteig, 20 Kilometer vom Wildberg entfernt, in Angst vor Gängelung und Schikanen - bis sie endlich ausreisen dürfen. Sie verkaufen und verschenken fast alles, was sie besitzen und verlassen die DDR. Am Morgen des 9. November. Noch am Abend desselben Tages erfahren sie, dass die Grenzen geöffnet sind. Fassungslos sehen sie am Grenzübergang in Rottenbach Trabis, die einfach so die Grenze passieren. Die Familie kann nicht mehr zurück und geht leer aus - ohne ein zu Hause, ohne Begrüßungsgeld, nur das Nötigste konnte sie behalten. "Wir hatten nichts mehr, zwei Koffer hatten wir noch. Uns hatten wir. Das war ja schon mal was", erinnert sich Steffi Traut. Ihre Mutter bekam einen Nervenzusammenbruch. Bis heute möchten ihre Eltern über diese Erfahrung nicht mehr sprechen.

    Die Rolle der Kirche

    Pfarrer Thomas Freytag hat gemischte Gefühle. 30 Jahre nach dem Mauerfall spielt die Kirche nur noch eine Nebenrolle. Freytag ist damals engagierter Ost-Pfarrer in der thüringischen Kirchengemeinde Sachsenbrunn. In den kleinen Ort strömen Menschen in die evangelische Kirche, um über die künftige Gestaltung eines Miteinanders der Menschen in der DDR zu diskutieren. Sie besuchen Friedensgebete und demonstrieren montags für ihre Freiheit. Freytag hält politische Predigten: „In die Kirche kamen 100 bis 250 Menschen, die den freien Diskurs gesucht haben. Die Kirche war ein Raum der Freiheit. Ich weiß nicht, ob das mittlerweile schon vergessen ist, dass auch der Ort dafür gesorgt hat, dass diese ganze Umstrukturierung, die sogenannte Wende, gewaltfrei über die Bühne ging. Das ist nicht selbstverständlich. Ich würde sagen, ein Wunder.“

    Neue Perspektiven ohne Mauern

    Steffi Traut verwirklichte ihren Lebenstraum auf dem Wildberg. Sie hat ihr eigenes Café auf dem Hof, das Sonntagscafé Wildberg. Hier fügt sich alles zusammen. Ihre Schwester Kathi kümmert sich mittlerweile um die Pferde auf dem Hof und arbeitet dort als Reitlehrerin und Tiertherapeutin. Pfarrer Thomas Freytag organisiert kleine Kulturprogramme und ist auch sonst ein gern gesehener Gast. Der Wildberg hat sich zu einem offenen Ort für alle entwickelt. „Klar haben manche Menschen noch Mauern in sich. Ost wie West", meint Steffi Traut. Aber sie ist überzeugt, dass jeder für sich selbst entscheiden müsse, das Beste daraus zu machen. Für die Menschen auf dem Wildberg gibt es keine Grenzen.

    Über diese deutsch-deutschen Grenzgeschichten erfahren Sie mehr in der Dokumentation "Echtes Leben: Ist die Mauer wirklich weg?" am 3. November um 17.30 Uhr im Ersten.