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Wie läuft die Missbrauchs-Prävention der Kirche? | BR24

© picture alliance / Frank May

Eine Frau steht mit ausgestreckter Hand da, auf der Hand steht geschrieben "Stop!"

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    Wie läuft die Missbrauchs-Prävention der Kirche?

    Eigentlich gibt es in Deutschland seit 2013 Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zum Thema Missbrauchs-Prävention. Doch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken kritisiert: Nicht alle 27 deutschen Bistümer setzen diese konsequent um.

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    Ist es im Rahmen, oder eine Grenzverletzung, wenn ein Priester im Trauergespräch die alleinstehende Tochter des Verstorbenen zum Trösten in den Arm nimmt? Diese Frage stellen sich 15 Frauen und Männer an einem Samstagvormittag im Burkardushaus der Diözese Würzburg. Ein angehender katholischer Religionslehrer, Priester, Ordensleute und Jugendleiter sind zu der Schulung der Diözese Würzburg gekommen. Es geht um Prävention: Also darum, wie man sexuellem Missbrauch und sexualisierter Gewalt vorbeugen kann und es geht vor allem um Grenzen, um die eigenen und die von anderen.

    Präventions-Kurs im Bistum Würzburg

    Kursleiterin Ingrid Schreiner hat zwei Schilder aufgehängt: "Das ist okay" steht auf der einen. An der gegenüberliegenden Wand ein zweites mit "Das ist eine Grenzverletzung". Die Teilnehmer sollen jetzt das Fallbeispiel bewerten. Vor allem die ausländischen Priester und Ordensmänner tendieren eher dazu, den wohlgemeinten Trost als "Grenzverletzung" zu einzuordnen. "In Indien hätte ich das getan und habe ich", sagt einer der Teilnehmer, "aber mittlerweile bin ich vorsichtiger geworden, viele Sachen kann man falsch interpretieren."

    Eine trauernde Erwachsene in den Arm nehmen? Lieber nicht! Ein Kind in der Kirche hochheben, weil es sich die Osterkerze genauer anschauen will? Schwierig. Als Gruppenleiter anzügliche Witze reißen? Eher nein! Ein Kind auf den Schoß nehmen, weil es im Zeltlager Heimweh hat? Könnte fehlinterpretiert werden. Viele Teilnehmer sind durch die Beispiele verunsichert. Ingrid Schreiner kennt die Reaktionen auch aus anderen Kursen. Denn einfache und eindeutige Lösungen – so viel wird im Burkardushaus klar – gibt es nur selten.

    "Man möchte eigentlich Sicherheit schaffen und schafft erst mal Unsicherheit. Und dann muss man den Weg aus der Unsicherheit wieder raus finden. Und deshalb ist es ja so wichtig, dass Folgeveranstaltungen stattfinden." Ingrid Schreiner, Präventions-Kurs-Leiterin

    Bis Juni 2018 haben Ingrid Schreiner und ihre Kollegen rund 550 Grundschulungen zum Thema "Missbrauchs-Prävention" durchgeführt. Über 6.000 Haupt- und Ehrenamtliche erhielten dadurch einen Einblick ins Thema. Sie haben erfahren, dass jedes Jahr laut Kriminalstatistik etwa 12.000 Fälle von sexuellem Missbrauch angezeigt werden, pro Tag sind es also etwa 33 Anzeigen. Sie haben erfahren, dass die meisten Taten in der Familie passieren und dass die Deutsche Bischofskonferenz unter sexualisierter Gewalt sowohl strafrechtlich relevante Taten wie auch sonstige Übergriffe zusammenfasst.

    Heißt Prävention, dass Geschehenes vertuscht wird oder heißt Prävention verhindern, dass es überhaupt zu Übergriffen kommt? Letzteres sei schwierig, sagt Ingrid Schreiner. Alle Präventionsbemühungen könnten sexuellen Missbrauch nicht verhindern. Das würden auch die Zahlen der Kriminalstatistik zeigen. "Deswegen heißt Präventionsarbeit, den Finger in die Wunde zu legen", sagt Schreiner, "und damit so umzugehen, dass nichts Schlimmeres passiert." Dazu gehöre es, den Mut zu haben, die Realität zu benennen, immer mit dem Wissen, dass man das Problem nicht aus der Welt schaffen kann - "und das ist auch stellenweise unbefriedigend."

    Zentralkomitee der Katholiken: "Es passiert noch nicht genug!"

    Das würde auch Claudia Lücking-Michel unterschreiben, Und doch ist die stellvertretende Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, also des obersten katholischen Laiengremiums, der Meinung: Es passiert noch nicht genug in Sachen Missbrauchsprävention – zumindest nicht überall in den 27 Bistümern in Deutschland. "Da gibt es einige, die hervorragend gearbeitet haben, seit 2010 und andere, die da deutlich hinterherhinken", meint Lücking-Michel, "das ist halt unsere Herausforderung: Jedes Bistum entscheidet und arbeitet für sich."

    2013 legte die Deutsche Bischofskonferenz Leitlinien zur Prävention von sexuellem Missbrauch vor, die aber würden Lücking-Michel zufolge keineswegs flächendeckend und vergleichbar umgesetzt. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken fordert deshalb eine Kommission, die die Präventionsarbeit regelmäßig überprüft und kontrolliert, ob die Vorgaben der Bischofskonferenz umgesetzt werden. Die Forderung mancher Präventionsbeauftragter nach mehr personellen und finanziellen Ressourcen teilt die stellvertretende ZdK-Vorsitzende nur indirekt. Das Geld für Prävention ließe sich auch in ärmeren Bistümern finden. Hier fehle es eher am Willen, etwas zu verändern oder ein Problem als solches anzuerkennen.

    "Wenn es um eine Größenordnung von einer oder zwei Stellen geht, dann ist es eine Frage der Prioritätensetzung. Wie wichtig ist mir das als Bistumsleitung, als Bischof und will ich hier in jedem Fall vorangehen oder finde ich, dass das sowieso überflüssig ist?" Claudia Lücking-Michel, stellvertretende Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

    Es brauche grundlegendere Reformen. Prävention müsse auf verschiedenen Ebenen stattfinden. "Das eine ist Prävention im Blick auf Verhinderung weiterer möglicher Opfer", sagt Claudia Lücking-Michel. "zweitens – und das scheint ja ein spezifisches Kirchenproblem zu sein: Verhindern, dass Taten vertuscht und Täter geschützt werden." Auf der dritten Ebene müssten nach Ansicht von Lücking-Michel "systemische Schieflagen" grundsätzlich angegangen werden. "Und das ist dann der Punkt, wo uns Leute wie Rudolf Voderholzer (Bischof von Regensburg) vorwerfen, wir würden den Missbrauch missbrauchen."

    In einem offenen Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz hatte Claudia Lücking-Michel zusammen mit anderen prominenten Katholiken aus ganz Deutschland diese "systemischen Schieflagen" benannt: Die Aussicht auf Macht in Männerbünden ziehe Menschen aus Risikogruppen an. Sexuelle Tabus blockierten notwendige Klärungs- und Reifungsprozesse, so die Unterzeichner. Es gehe um Machtmissbrauch und die Versuchung des Klerikalismus, erklärt Claudia Lücking-Michel. Die Kirche müsse demokratischer werde und sie müsse mit dem Thema Sexualität anders umgehen: "Offen und ehrlich darüber zu reden ist der Anfang, so lange das alles verhuscht und verschämt geschieht, kommen wir da nicht weiter."

    Die ganze Sendung hören Sie im Podcast der Katholischen Welt.