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Wie die katholische Kirche aus der Krise kommen könnte.

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Experten: So kommt die katholische Kirche aus der Krise

Durch die schleppende Aufarbeitung des Missbrauchsskandals verspielt die Kirche das Vertrauen der Menschen. 28 Prozent erwägen derzeit einen Kirchenaustritt. Viele Stimmen aus dem kirchlichen Umfeld fordern deshalb Reformen. So könnten sie aussehen.

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Von
  • Ferdinand Meyen
  • Lisa Müller

Vertuschung von Missbrauchsfällen, Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen, verhärtete Machtstrukturen. Die katholische Kirche hat in den letzten Jahren das Vertrauen vieler Gläubiger verloren – und das macht sich in Zahlen bemerkbar. Laut einer aktuellen Umfrage erwägen 28 Prozent der Kirchenmitglieder derzeit einen Austritt. Viele wünschen sich deshalb Reformen und Veränderungen, die der Kirche aus der Krise helfen.

Macht und Missbrauch: Scheitert die Kirche an sich selbst? Darüber diskutiert die Münchner Runde am Mittwoch, 09. Juni, um 20:15 Uhr im BR Fernsehen und auch live auf br24.de. Als Gäste werden unter anderem der Augsburger Bischof Bertram Meier und der Sprecher des Betroffenenrats der Deutschen Bischofskonferenz Kai Moritz dabei sein.

Freiwilligkeit beim Zölibat

Einer der größten Streitpunkte zwischen Reformern und konservativen Katholiken ist das Zölibat. Seit dem 16. Jahrhundert ist es Teil des Kirchenrechts und schreibt vor, dass Geistliche sexuell enthaltsam leben und nicht heiraten sollen. Geht es nach Kai Moritz, selbst Missbrauchsopfer und Sprecher des Betroffenenbeirats der Deutschen Bischofskonferenz, soll in Zukunft jeder Geistliche selbst entscheiden können, ob das Zölibat für ihn die richtige Lebensform ist.

Das wünscht sich Moritz vor allem für junge Priesteranwärter: "Da werden Männer mit 25, 26 Jahren mit der Entscheidung, ehelos zu leben, völlig allein gelassen. Zusätzlich wird von ihnen erwartet, absolut rein und sakrosankt zu leben." Der 45-Jährige, der nach dem Tod seiner Mutter als Kind in ein katholisches Pfarrhaus kam und dort sechs Jahre lang sexuell schwer missbraucht wurde, glaubt nicht, dass die Verpflichtung zum Zölibat in diesem Alter heute noch eine zeitgemäße Idee ist.

Akzeptanz von Homosexualität und LGBTQ

Auch Jacqueline Straub, katholische Theologin und Journalistin, spricht sich für eine deutlich offenere und menschennähere Kirche aus. Die 30-Jährige, die sich schon als Jugendliche zur katholischen Priesterin berufen fühlte, kritisiert, dass die Diskriminierung von Frauen und queeren Personen in der katholischen Kirche junge Menschen von vornherein abschrecke. "Ich wünsche mir eine Kirche, in der jeder Mensch so willkommen ist, wie er/sie ist", erzählt Straub. Geht es nach der Theologin, müsse die Kirche Homosexualität zudem endlich akzeptieren und Frauen gleichstellen. "Was in puncto Gleichberechtigung in Staat und Gesellschaft selbstverständlich ist, muss auch endlich in der Kirche gelten", so die Theologin.

Die Kirche als Kontaktperson für ihre Mitglieder

Außerdem hat sich die Kirche viel zu lange darauf verlassen, dass die Bürger auf sie angewiesen sind. Das sagt der Autor und Politikberater Erik Flügge. Früher sei sie nämlich Taufregister und damit Einwohnermeldeamt gewesen. Es bestand für die Menschen deshalb die Notwendigkeit, zur Kirche zu gehen. Im aufgeklärten 21. Jahrhundert ist die Situation jedoch eine andere. Niemand braucht Religion mehr zwangsläufig. "Also muss ich mein Verfahren als Kirche ändern. Ich kann nicht mehr abwarten, dass die Leute sowieso kommen, sondern muss auf sie zugehen", sagt Flügge, der neben der Kirche auch die SPD politisch berät.

Er schlägt vor, dass die Kirche aktiver auf Mitglieder zugehen könnte. Zum Beispiel, um ihnen zu signalisieren, dass sie als Ansprechpartner da ist. Mehr Präsenz bei den Mitgliedern könnte Flügge zufolge auch dazu führen, dass weniger Menschen aus der Kirche austreten und sie für das Leben wieder relevanter wird.

Die Kirche und ihre Kommunikation

Auch könnte die Kirche laut Erik Flügge ihre Sprache verändern. Seine These: Viele Kirchenmitglieder sprechen viel zu altbacken, um Menschen wirkungsvoll zu erreichen. So fiel bei der Einführung von Papst Franziskus beispielsweise der Satz: "Der Papst will ein Hirte sein, an dem der Geruch seiner Schafe haftet." Diese Formulierung, so Flügge, sei ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, "dass Theologie eine Fachsprache entwickelt hat, die sich nicht mehr dafür sensibel macht, dass das total bescheuert für die Leute klingt."

Erik Flügge wünscht sich deshalb, dass die Kirche den Menschen wieder näherkommt, indem sie klarer kommuniziert und in normalen Worten ausdrückt, was sie eigentlich sagen möchte. Im Falle der Schafe hätte zum Beispiel folgender Satz besser gepasst: "Der Papst interessiert sich für die Menschen." Auch Glaubensbekenntnisse und Spiritualität müsste man medial heute ganz anders verpacken als früher. Sonst könnte man vor allem jüngere Menschen als Kirche nicht mehr erreichen.

© BR
Bildrechte: Erik Flügge

Kommunikationsberater Erik Flügge rät der katholischen Kirche: Proaktives Zugehen auf die Gläubigen und eine verständlichere Sprache.

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