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Wie Klaus Lemke Coolness in den deutschen Film brachte | BR24

© picture alliance / Geisler-Fotopress

Eigener Kopf – und fast immer Hut oder Schiebermütze drauf: Über fünfzig Filme hat Regisseur Klaus Lemke schon gedreht, heute wird er Achtzig.

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Wie Klaus Lemke Coolness in den deutschen Film brachte

Autorenfilmer, Asphalt Cowboy, Revoluzzer: Regisseur Klaus Lemke verkörperte von Anfang an die Extra-Portion Coolness in der deutschen Filmlandschaft – und in Schwabinger Straßencafés. Heute wird der vielleicht zähste Hund der Branche achtzig.

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"Sie sehen mich jetzt und fragen sich vielleicht: Was will eigentlich der Wichser da?" sagt Klaus Lemke, lässig in Jeans, mit Sonnenbrille und Schiebermütze in einer Ruine. So steht er da, im Prolog seines Films "Making Judith". Ein alter Mann zwischen Trümmern, der sich nicht unterkriegen lässt: "Aber ich kann sie auch sehen. Denn das ist mein Job. Ich bin Regisseur." Dieser Regisseur ist 1940 geboren und heute, genau 80 Jahre später, noch immer ein Sporn im Sitzfleisch des deutschen Films. Sein grand père terrible.

Coolness und Rotzigkeit als Stilmittel

Will man das rund 50 Filme dicke Werk Klaus Lemkes verstehen, dann ist ein Schlüssel dazu vielleicht diese eigentümliche Coolness, die der Regisseur und seine Figuren kultivieren. Diese jugendliche Pose, die jeden Zweifel oder Selbsthass in antikonformistischen Trotz verwandelt. Lemke führt mit dieser Pose ein Stilmittel in den deutschen Film ein, das dem bis dahin fremd war. Etwa wenn der Motorrad-Gangster Gerd in "Rocker" von 1972 grundlos einen LKW-Fahrer anpöbelt: "Na, du guckst. Willst du mich anmachen. Dann sag was, wenn du mich anmachen willst. Mach dich gerade oder was. Aber spinn hier nicht rum und schau aus'm Fenster oder was." In der nächsten Szene fährt der LKW-Fahrer Gerds Harley zu Schrott.

Diese Coolness hat nichts von der souveränen Lässigkeit eines Humphrey Bogart. Lemkes Figuren sind Maulhelden, abgehalfterte Kiezgrößen, die ihre Rotzigkeit tragen wie Motorradfahrer ihre Lederjacken. Sprich: im Wissen darum, früher oder später auf die Schnauze zu fallen.

© picture-alliance/dpa

Klaus Lemke (Mitte) mit Prinzessin Ira von Fürstenberg und dem französischen Schauspieler Gerard Blain bei Dreharbeiten zu "Negresco" (1967)

Gelernt hat Lemke diese Art zu erzählen im französischen Kino der Nouvelle Vague, bei den Antihelden Godards oder Truffauts. Ein billiges, ungeschöntes, ungemein authentisches Kino, das Lemke in der Form als erster nach Deutschland bringt und das ihn vom politischen Intellektualismus anderer Autorenfilmer wie Alexander Kluge oder Edgar Reitz unterscheidet.

Mit dem Erfolg von "Rocker" findet Lemke Vertrauen zu seiner künstlerischen Handschrift. Er forciert die Arbeit mit Laiendarstellern, sucht deren alltägliche Probleme und authentische Sprache. Geschichten direkt aus der Nachbarschaft. Etwa wenn in "Amore" eine junge Gemüsehändlerin auf dem Großmarkt den leichtlebigen Tomatenverkäufer zur Rede stellt: "Du billige Ausgabe von einem Casanova hörst jetzt zu. Das ist mir egal, wie viele dumme Gänse auf deine Masche reinfallen. Aber von meiner Freundin Bärbel, lasst jetzt die Finger!" Darauf der Casanova: "Schrei nicht. Welche Bärbel? Ich hab da viele!"

© picture-alliance/dpa

Münchner Milieustudien mit Witz: Cleo Kretschmer und Klaus Lemke nach der Premiere ihres Films "Arabische Nächte" in München (1979)

Lemke macht den Dialekt im deutschen Fernsehen salonfähig. Seine Münchner Milieukomödien wie "Amore" oder "Arabische Nächte" sind in den späten 70ern große Erfolge und Sprungbrett für viele junge Schauspieler. Wolfgang Fierek, Cleo Kretschmer, Iris Berben: Alle spielen sie in Lemke-Filmen.

Der Regisseur dagegen wird mit dem Erfolg immer mehr wie einer seiner Protagonisten. Zur Szenelegende "König von Schwabing", die in Bars die Drinks spendiert. Je mehr Geld er für seine Filme bekommt, desto mehr weicht die künstlerische Passion "Filmemachen" dem Lifestyle: "Und wir sind dann Stück für Stück immer größenwahnsinniger geworden. Das ganze Geld wurde für Koks, für Flüge mit der Concorde nach Rio, für Filme in Rio ausgegeben, bis wir an dieser ganzen Sache zugrunde gegangen sind." Nach einigen Misserfolgen wird es Anfang der Neunziger still um Lemke. Die Karriere vorbei, die Kohle verprasst. Abspann.

Laiendarsteller und gelegentliche Küsse im Dunkeln

Doch mit der Jahrtausendwende folgt unerwartet die Wiedergeburt. Der damals schon Sechzigjährige ergreift die Möglichkeit, mit den neuen Digitalkameras günstig Filme zu drehen. Es beginnt die produktivste Phase seiner Karriere. Rund zwanzig Filme dreht er ab dem Jahr 2000. Allesamt mit Laiendarstellern und ohne nennenswertes Budget. Lemke, dessen Augen auch mit achtzig noch so cool und ruhelos wie die eines Jean-Paul Belmondos in "Außer Atem" blitzen, erfindet sich neu als Underground-Regisseur und Feind des Film-Establishments.

© picture alliance / Sven Simon

Lebensmotto des Underground-Regisseurs: "Sich von einer Katastrophe lösen und in die nächst größere hineinstürzen."

Über die Qualität dieser Filme lässt sich streiten. Sicher. Entscheidend ist aber gar nicht, welche Filme Lemke macht, sondern wie. Kein aalglattes Storytelling, sondern partisanenhafte Ausfälle, um der Wirklichkeit ein paar Träume zu entreißen. Ohne Angst, dabei auch auf die Fresse zu bekommen, meint er: "Sich von einer Katastrophe zu lösen und in die nächst größere hineinzustürzen. Das ist das, was Film ist. Man lernt viel einzustecken, aber es gibt auch gelegentliche Küsse im Dunkeln."

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