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Wie Kateřina Tučková von der Zeitgeschichte erzählt | BR24

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Deutsche in der Tschechoslowakei warten auf einen Zug in Richtung Westen. Kateřina Tučková erzählt von dieser Geschichte.

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Wie Kateřina Tučková von der Zeitgeschichte erzählt

Kateřina Tučková, Jahrgang 1980, gehört längst zu den wichtigsten tschechischen Schriftstellerinnen. In ihrem Roman "Gerta, das deutsche Mädchen" widmet sie sich einen sehr sensiblen historischen Thema, dem "Brünner Todesmarsch".

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Für ihre Bücher wählt sich Kateřina Tučková – ein wenig nach der Art investigativer Journalisten – authentische Fälle aus, die sie dann mit großem Rechercheaufwand ausleuchtet. Um sie dann aber doch letzten Endes in eine fiktionale Form zu bringen. "Normalerweise hätte ich nun die Wahl, ob ich das Thema in journalistischer Weise behandle", sagt die Schriftstellerin im Interview. "Oder in literarisch fiktionaler Weise, etwa als Roman. Und ich wähle den Roman, weil ich da vollkommen frei bin. Ich möchte über historische Momente und Themen in der Form einer Erzählung schreiben."

Gegen das Schweigen

Im Falle des ersten Romans von Kateřina Tučková, veröffentlicht 2009, war das Thema der sogenannte "Brünner Todesmarsch". Als Reaktion auf die Greuel im von den Nazis errichteten Protektorat Böhmen und Mähren trieb man Ende Mai 1945 am Augustinerkloster 28.000 deutschstämmige Brünner zusammen und verjagte sie aus der Stadt. Frauen und ihre Kinder, sowie alte Männer hatten einen 55 Kilometer langen Weg bis an die niederösterreichische Grenze bei Pohrlitz zurückzulegen, zu Fuß und mit fast nichts bei sich.

Obwohl genaue Opferzahlen schwer zu ermitteln sind, werden es wohl um die 5.000 Menschen gewesen sein, die den rettenden Grenzübertritt nicht schafften und entweder vor Erschöpfung starben oder von den russischen und tschechoslowakischen Soldaten, die den Weg säumten, mit Gewehrkolben erschlagen wurden. Lange Zeit waren diese Greueltaten totgeschwiegen worden. Bezeichnenderweise musste eine Autorin der jungen Generation kommen, um das zu ändern. Kateřina Tučkovás Roman "Gerta, das deutsche Mädchen" wurde ein großer Erfolg in Tschechien und löste lebhafte Diskussionen aus. Mittlerweile bekennt man sich zu seiner historischen Verantwortung. Seit 2005 erinnert ein alljährlicher „Marsch der Versöhnung“ an die schrecklichen Vorkommnisse, Autorin Tučková gehört zu den Initiatoren dieser Gedenkveranstaltung.

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Frische Traditionen. Ein Streifzug durch die lebendige Literaturstadt Brno in Tschechien.

Reale Geschichten

Ihr Roman, der seit kurzem nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt, mit dem Titel "Gerta, das deutsche Mädchen", stellt eine junge Frau in den Mittelpunkt, die Tochter einer tschechischen Mutter und eines deutschen Vaters ist. Aufgrund dieser bi-nationalen Abstammung steht ihr ein ganz besonderes Schicksal bevor. Sie wird an der Grenze aufgehalten und zu tschechischen Bauern geschickt, um bei der Feldarbeit zu helfen. Später darf sie, ihrer halben tschechischen Abstammung wegen, wieder nach Brünn zurück. Hat dort aber, ihres halben Deutschseins wegen, kein einfaches Leben.

Gerta Schnirchs Geschichte basiert auf realen Biographien. Genauso wie Kateřina Tučkovás zweiter Roman, "Das Vermächtnis der Göttinnen". "Das Buch handelt von einem sehr interessanten Phänomen, das es nur in der Ortschaft Žitková gibt, im Süden Mährens", erklärt Kateřina Tučková. Es gehe um eine Gruppe von Frauen, die ihre besonderen Fähigkeiten von Generation zu Generation weitergeben, von Mütter an Töchter, Jahrhundertlang. "Man hat von diesen Frauen geglaubt, dass sie die Zukunft vorhersagen können, dass sie Leute heilen können oder gestohlene Sachen wiederfinden. Dass sie Liebeszauber ausüben können. Das war ein sehr interessantes volkskundliches Phänomen, das von allen Regimen immer als ein feindliches Phänomen angesehen wurde. Das heißt: die katholische Kirche, die Nazis, das kommunistische Regime sagten über diese Frauen, dass sie gefährlich sind. Und schließlich waren die Kommunisten erfolgreich darin, diese Kultur auszulöschen, unglückseligerweise."

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Am 21. März beginnt die diesjährige Leipziger Buchmesse. Die tschechische Literatur steht im in einem besonderen Fokus.

Tschechien zu Gast auf der Leipziger Buchmesse

Kateřina Tučková gehört zur Delegation von über 50 tschechischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die im Rahmen des Programms „Ahoj Leipzig!“ bei der Leipziger Buchmesse zu Gast sind. Die Buchmesse veranstaltet seit etlichen Jahren Länderschwerpunkte, vor allem mit Blick auf die Literaturen von Ost- und Mitteleuropa. Zu den Autorinnen und Autoren, die ihre Bücher in Leipzig vorstellen, gehören auch Radka Denemarková, Jachym Topol und Pavel Kohout.

Kateřina Tučkovás Roman "Gerta. Das deutsche Mädchen" ist im Berliner KLAK-Verlag erschienen, aus dem Tschechischen übersetzt von Iris Milde.

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