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Wie Jeremy Rifkin und Naomi Klein den Klimawandel stoppen wollen | BR24

© Stephan Leyk / stock.adobe.com

Kann Windkraft den Klimawandel stoppen?

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Wie Jeremy Rifkin und Naomi Klein den Klimawandel stoppen wollen

Die Zeit läuft uns davon. Da sind sich die Autor*innen Jeremy Rifkin und Naomi Klein einig. Beide finden, wenn es so weiter geht, dann wird der ungebremste Kapitalismus in der Katastrophe enden. Zwei unterschiedliche Lösungskonzepte.

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Nicht einmal mehr zehn Jahre haben wir Zeit, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels aufzuhalten, prognostiziert der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin in seinem neuen Werk "Der globale Green New Deal". "Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert", lautet der Untertitel seines nicht leicht zu lesenden Buchs. Und der zweite Teil des Untertitels verspricht: "… und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann". Rifkin schreibt darin unter anderem:

"Unter der Annahme, dass diese Zuwachsrate anhält, erreichen die USA aller Wahrscheinlichkeit nach bis Ende 2023 14 Prozent Solar- und Windstrom und sind damit so gut wie am Kipppunkt angelangt. Die Katastrophe ist geradezu greifbar. Die Gestehungskosten für Solar- und Windenergie liegen in vielen Fällen bereits heute unter den Betriebskosten für Kohle- und Gaskraftwerke. Da von Tag zu Tag mehr Solar- und Windstrom ans Netz geht, wird der Betrieb von kohle- und gasbefeuerten Kraftwerken zunehmend wettbewerbsunfähig, was die Versorgungsgesellschaften früher oder später zu ihrer Abschaltung zwingt. Was wiederum bedeutet, dass man das investierte Kapital nicht mehr auszahlen wird." Jeremy Rifkin in 'Der globale Green New Deal'
© picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin

Ökonomischer Zusammenbruch also. Darauf baut Rifkin seine Überlegungen auf. Dass ökonomische Vernunft am Ende siege und zur Umkehr führe. Dass weiterhin weltweit gigantische Investitionssummen in Erdgasleitungen, in den Neubau von Atom-, ja sogar Kohlekraftwerken gepumpt werden, übersieht der Ökonom nicht. Dennoch glaubt er verzweifelt an eine rechtzeitige Wende.

"Seit etwa zwei Jahren spricht man in den Vorstandsetagen der Konzerne, in Finanzinstituten, Ministerien und Thinktanks in aller Welt immer häufiger das Problem gestrandeter Anlagewerte an. (…) Es herrscht das Gefühl, dass sich da etwas weit Größeres entfaltet, was nicht nur die Weltwirtschaft betrifft, sondern unsere Lebensweise und unser Verständnis von der Welt, in der wir leben – ganz zu schweigen vom Verlass auf eine Zukunft, die uns bislang selbstverständlich schien." Jeremy Rifkin

Jeremy Rifkin sieht Deutschland als Vorreiter

In seinem Vorwort für die deutsche Ausgabe lässt Rifkin ein Loblied auf die Vorreiterrolle Deutschlands anklingen, vom "atemberaubenden Tempo" spricht er, von "gewaltigen Veränderungen, die sich – von Deutschland ausgehend – auf alle anderen Kontinente ausbreiten werden…". Rifkin gibt sich beinahe wie ein Pressesprecher der letzten drei Koalitionsregierungen in Deutschland zu erkennen, schließlich war er ständig als Berater für sie tätig. Rifkin spricht vom "Sozialkapitalismus". Er glaubt daran, dass die gleichen Märkte, die bisher dafür gesorgt haben, dass die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt, die kommende Katastrophe abwenden werden.

Für Naomi Klein führt derzeitiges Gesellschaftssystem in die Katastrophe

Davon ist in dem neuen Buch von Naomi Klein mit dem Titel "Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann" kaum etwas zu finden. Ihr Blick richtet sich in erster Linie auf die angloamerikanische Welt – und ihr Vokabular ist drastisch.

"Was für Menschen wollen wir sein in der harten Zukunft, die bereits begonnen hat? Wollen wir teilen, was übrig ist, und füreinander sorgen? Oder wollen wir stattdessen die verbliebenen Reste horten, für 'uns selbst' sorgen und alle anderen aussperren? (…) Es ist weit mehr vonnöten als eine CO2-Steuer oder eine Neuauflage des Emissionshandels. Wir müssen einen Krieg führen gegen CO2-Verschmutzung und Armut, gegen Rassismus und Kolonialismus und gegen die Verzweiflung." Naomi Klein in 'Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann'
© Kourosh Keshiri

Die kanadische Umweltaktivistin Noami Klein

Die kanadische Umweltaktivistin Noami Klein ist wie Rifkin überzeugt, dass das derzeitige Gesellschaftssystem, der entfesselte Kapitalismus, der Neoliberalismus, der vor dreißig, vierzig Jahren unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher zur Wirtschaftsreligion erklärt worden ist, ungebremst in die Katastrophe führt. Warum habe man eigentlich nicht in den 1980er-Jahren damit begonnen, die globale Klimakatastrophe zu bekämpfen, als die Stimmen aus der Wissenschaft immer lauter und eindringlicher wurden, fragt Naomi Klein - und antwortet direkt selbst:

"Weil die zweite Hälfte der achtziger Jahre der absolute Höhepunkt des neoliberalen Kreuzzugs war, ein Augenblick der heftigsten Propaganda für die Ideologie des ökonomischen und gesellschaftlichen Projekts, mit dem im Namen der Liberalisierung ’freier Märkte‘ kollektives Handeln in allen Lebensbereichen bewusst diffamiert wurde." Naomi Klein

Naomi Klein fordert die Abkehr vom bisherigen Wirtschaftssystem und nichts weniger als eine Revolution. Klein macht Mut, denn es gebe ja bereits Bewegung auf den Straßen, in den Köpfen, in Gemeinden, selbst in Parteien und Parlamenten. Was ihrer Meinung nach gemacht werden muss, hat sie bereits in ihrem Buch von 2015, "Die Entscheidung: Kapitalismus versus Klima" veröffentlicht, und sie fasst es hier, in dieser Aufsatzsammlung, in einem Text von 2011 zusammen:

"Die Reaktion auf den Klimawandel verlangt, dass wir mit allen Spielregeln des freien Markts brechen, und zwar bald. Wir müssen die öffentliche Sphäre neu beleben, Privatisiertes wieder in die öffentliche Hand überführen, große Teile der Wirtschaft in die Region zurückholen, übermäßigen Konsum zurückschrauben, die langfristige Planung wieder aufnehmen, Unternehmen streng regulieren und besteuern, einige vielleicht sogar verstaatlichen, Militärausgaben zusammenstreichen und unsere Schulden gegenüber dem globalen Süden begleichen." Naomi Klein

Beide fordern Revolution in den Köpfen

Seltsamerweise ignorieren sich beide Autoren, dabei sind sie in ihren Argumentationen gar nicht so weit voneinander entfernt. Der eine, Jeremy Rifkin, wirkt versöhnlich und schreibt nicht so eingängig, die andere, Naomi Klein, wirkt alarmistisch, ist aber leichter zu lesen und damit anschaulicher. Einig sind sich beide, dass die Zeit knapp ist. Einig sind sich beide in Lösungsansätzen: radikale Umverteilung, radikal veränderte Steuerpolitik, radikale Senkung der Militärausgaben. Und: Eine Revolution in den Köpfen hätte stattzufinden, doch sind wir dazu überhaupt bereit? Der Mensch müsste sich solidarisch zeigen und: Er müsste global denken. Am Ende bleibt beiden Autoren nur das Prinzip Hoffnung. So schreibt der Ökonom Jeremy Rifkin:

"Wir nähern uns mit Siebenmeilenstiefeln einem Biosphärenbewusstsein. Wir müssen jetzt nur zuversichtlich sein, dass wir es noch rechtzeitig erreichen. Das ist der Green New Deal, an den ich glaube." Jeremy Rifkin

Und die Umweltaktivistin Naomi Klein lässt ihr Buch mit den Worten enden:

"Das bei weitem größte Hindernis, vor dem wir stehen, ist Hoffnungslosigkeit, das Gefühl, es sei alles zu spät, wir hätten dem Problem zu lange den Rücken gekehrt und wir bekämen es in so kurzer Zeit nicht mehr in den Griff. (…) Wenn die Zukunft des Lebens auf dem Spiel steht, können wir alles erreichen." Naomi Klein
© Campe Verlag / Montage BR

Buchcover von "Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten kann" von Naomi Klein

Naomi Klein: "Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann" – aus dem amerikanischen Englisch von Gabriele Gockel, Sonja Schumacher und Barbara Steckhan – erscheint im Hoffmann und Campe Verlag.

© Campus Verlag / Montage BR

Buchcover von "Der globale Green New Deal" von Jeremy Rifkin

Jeremy Rifkin: "Der globale Green New Deal. Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert – und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann" – aus dem Englischen von Bernhard Schmid – erscheint im Campus Verlag.

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