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"Als wäre das Coming-Out das Wichtigste im Leben" | BR24

© Bayern 2

Ist queer jetzt Mainstream? In den Medien scheinen queere Figuren, die nicht dem Durchschnitt entsprechen, zunehmend vertreten zu sein. Doch meistens ist die Darstellung dieser Personen nicht repräsentativ.

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"Als wäre das Coming-Out das Wichtigste im Leben"

Ist queer jetzt Mainstream? In den Medien scheinen queere Figuren, die nicht dem Durchschnitt entsprechen, zunehmend vertreten zu sein. Doch meistens ist die Darstellung dieser Personen nicht repräsentativ.

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Man muss nicht lange nachdenken, wo überall queere Personen mitspielen. Die Transfrau Laverne Cox spielt mit in "Orange is the New Black", Caitlyn Jenner ist durch den Kardashian-Clan allgegenwärtig und hat eine Serie. Sogar bei Germany’s Next Topmodel war eine Transfrau mit dabei – auch wenn sie nur einen „Personality-Award“ gewonnen hat.

So entsteht schnell der Eindruck: Auf Netflix, auf Amazon Prime, im deutschen Privatfernsehen und auch im Ersten Deutschen Fernsehen sind queere Themen sehr präsent. Auf Netflix beispielsweise gibt es 82 Serien, die Queerness thematisieren. Auf Webseiten werden diese Serien nach Kategorien geordnet in the gayest, very gay und medium gay. Die Kriterien? Hauptsache, möglichst viele Charaktere – und am besten natürlich auch die Schauspieler – sind homosexuell, bi oder transgender.

Queere Charaktere reichen nicht aus

Werden queere Charaktere in diesen Filmen und Serien so dargestellt, dass sich queere Personen davon repräsentiert und akzeptiert fühlen? Nein, sagt die queer-feministische Filmemacherin Julia Fuhr Mann. Auch die Dramaturgie spiele eine große Rolle. „Queerness im Film bedeutet nicht, einfach nur queere Figuren in klassisch erzählte Geschichten reinzusetzen,“ sagt die 32-jährige Regisseurin (Riot not Diet, 2018). Es müssten vielmehr alle Ebenen mitgedacht werden, auch die Art der Erzählweise. "Dramaturgien, in denen alles auf eine Fixierung der Identität hinausläuft sind nichts, womit man Queerness erzählen kann."

Klassische Erzählstränge sind jedoch in den meisten Produktionen zu finden - auf Netflix und anderswo. Bei denen, die sich damit beschäftigen, ist der Begriff "Queer" vor allem ein Werkzeug, mit dem man bestehende Strukturen und Machtverhältnisse dekonstruieren kann. Das bedeutet, auch klassische Erzählweisen zu hinterfragen. "Queer“ ist nicht mit LGBT gleichzusetzen. Der Begriff beansprucht nicht, den Kampf für die Rechte einzelner Gruppen zu führen, wie beispielsweise für schwule Männer. Queer bedeutet eine Abweichung von der Regel, was in diesem Fall bedeutet: Jeder Mensch ist entweder Mann oder Frau und er ist heterosexuell. Der Begriff "Queer“ stellt diese Heteronormativität in Frage.

© Janina Werz

Filmemacherin Julia Fuhr Mann

Queer bedeutet, Regeln zu hinterfragen

Mit "Queer“ gemeint sind auch Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben oder die beschimpft oder ignoriert werden. Das betrifft zudem Menschen, die körperlich nicht der Norm entsprechen, wie beispielsweise Dicke oder Menschen mit Behinderung.

"Ich komme von einer künstlerischen Position und eine künstlerische Position mit Queerness zu verbinden, heißt für mich, ein neues System von Zeichen, ein neues System von Wahrnehmungen aufzubauen“, sagt Theatermacher*in Lola Fonseque. Lola Fonseque möchte sich nicht auf ein Geschlecht festlegen. "Das neue System soll die normativen Strukturen zerstören und ein bisschen Chaos in die Wahrnehmung und in die Konstruktion des Selbst und der Gesellschaft bringen.“

Die Happy-Geschichte von Monogamie und Regulation

Ein Beispiel für einen vordergründig queeren Film, der aber einer heteronormativen Logik folgt, ist der US-Film "Love Simon“, der 2018 erschienen ist. Ein Junge im Teeanageralter kann sich nicht dazu zu überwinden, seinen Freunden und Familie zu erzählen, dass er auf Männer steht. Für Lola Fonseque ist der Film bezeichnend für das Mainstream-Narrativ des "Coming Out“ und den Blick, den heterosexuelle, weiße Menschen auf queere Personen haben: "Als wäre das der wichtigste Moment im Leben einer queeren Person.“ Am Ende des Films geht es darum wie sich der Junge in einen weißen, gutaussehenden Mann verliebt. "Hier wird also auch die happy Geschichte von Monogamie und Regulation erzählt,“ sagt Fonseque.

© Ramona Reuter

Theatermacher*in Lola Fonseque bei einer Performance.

Der Blick von außen ist exotisierend und reißerisch

Doch Queerness ist en vogue – und so beschäftigen sich viele Regisseure mit dem Thema, auch viele Nicht-Queere. Julia Fuhr Mann gefällt das oft nicht: "Meistens kommt ein exotisierender und immer die gleichen Rollen reproduzierender Blick dabei raus. Das bezieht sich dann auf reißerische Aspekte, die immer gleich erzählt werden,“ sagt sie. "Aber trans* sein ist ja eine komplexe Sache. Da geht es um Feinheiten und um Rollen. Die können aber immer nur gleich erzählt werden, wenn man einen Blick von außen hat.“

Ein nicht reißerisches, positives Beispiel ist für viele die Serie "Pose“, die auch auf Netflix zu sehen ist. Die Serie spielt Ende der 80er-Jahre und handelt von der sogenannten Ballroom Culture in New York. Die Serie zeigt schwarze Transfrauen. Der Zuschauer bekommt dabei aber kein Elend zu sehen oder ein Übermaß an geschlechtsumgewandelten Körpern. "Wichtig in Pose ist, dass diese Transfrauen durch Kunst Momente von Freude schaffen und diese Momente sind gar nicht so oft in der Darstellung von Transleuten of colour,“ sagt Lola Fonseque. „Freude muss genauso Empathie und Verständnis erzeugen, wie Schmerz“.

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