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Jair Bolsonaro und seine Frau feiern den Wahlsieg
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Judith Heitkamp
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Jair Bolsonaro und seine Frau feiern den Wahlsieg

Seit gut sechs Wochen amtiert in Brasilien der neue ultrarechte Präsident Jair Bolsonaro. Während des Wahlkampfes drohte er, Linke und Menschenrechtsaktivisten müssten im Falle seines Sieges mit Hinrichtungen rechnen. Zahlreiche weitere schockierende Sätze lassen sich zitieren, zu Frauen, zu Schwulen, zu Fremden. Viele Schriftsteller und Musiker haben sich im Wahlkampf kritisch positioniert – was tun sie jetzt? Judith Heitkamp im Gespräch mit dem Politikwissenschaftler und Rechtsanwalt Emilio Astuto, der sich international für Gewerkschafts- und Menschenrechte in Brasilien einsetzt.

Judith Heitkamp: Der heftige Wahlkampf ist vorbei - wie ist es jetzt, im beginnenden Regierungsalltag unter Bolsanaro?

Emilio Astuto: Die Konfrontation, die Spannung, die Zerrissenheit innerhalb der brasilianischen Gesellschaft sind sehr stark. Die Künstler melden sich systematisch zum Wort. Zum Beispiel mit Videos über Twitter, Instagram und Facebook. Es gibt viel Engagement in der brasilianischen Gesellschaft.

Paulo Coelho zum Beispiel, vielleicht der bekannteste brasilianische Schriftsteller. Äußert er sich?

Paulo Coelho hat sich mehrmals zu Wort gemeldet, auf YouTube gibt es zahlreiche Beiträge von ihm. Vor allem betont er, dass die Wahlen an sich wertlos waren, weil der aussichtsreichste Kandidat, Luiz Inácio Lula da Silva, der frühere Präsident von Brasilien, ja ausgeschlossen wurde. Coelho sagt auch klar, dass er Angst um sein Land habe. Das sind seine Worte. Er sieht Anstachelung zu Gewalt, zu Hass, Verfolgung. In Brasilien kursiert eine schwarze Liste mit 700 Namen von Künstlern, Sängern, Filmemachern, Theaterregisseuren, die in der Stichwahl Bolsonaros Gegenkandidaten unterstützt haben. Sie steht im Internet und wird per WhatsApp hunderttausende Male verteilt. Jeder kann Zugang dazu haben.

Was bedeutet das, wenn ein Name auf dieser Liste steht?

Die Brasilianer sollen diese Künstler und Intellektuellen boykottieren. Sie sollen keine CDs kaufen, Musik nicht im Internet hören, nichts anschauen, nichts kaufen.

Außer Boykottaufrufen gab es noch gewalttätigere Drohungen, zum Beispiel hat Bolsonaro von Säuberungen gesprochen, denen sich diejenigen gegenübersehen könnten, die Kritik üben.

Die Angst ist groß. Wir sprechen für 2018 von 197 Morden an Vertretern der sozialen Bewegung in Brasilien. Viele von ihnen sind Künstler. Homosexuelle verlassen das Land, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen. Das bekannteste Beispiel ist Jean Willys, Abgeordneter des Nationalkongress‘, der sein Amt aufgegeben hat und aus Brasilien weggehen musste, weil er seine Sicherheit nicht gewährleistet sieht. Er ist der bedeutendste Vertreter der Schwulenbewegung in Brasilien.

Welche Rolle spielt Social Media in der Politik?

Eine sehr wichtige. Die Brasilianer haben normalerweise zwei, drei, vier Handys, dazu verschiedene Accounts. Sie sind sehr aktiv. Videos von Künstlern und Intellektuellen spielen eine bedeutende Rolle für die Opposition, aber auch für die Unterstützer der Regierung. Seine vielleicht wichtigsten Unterstützer sind Musiker, die eine Art brasilianische Countrymusik machen und Millionen Aufrufe in den Social Media haben.

Wie viele Künstler und Musiker sind für Bolsonaro?

Ende Oktober 2018, als die Polarisierung noch stärker war als heute, gab es auch da eine Liste, nicht mit Aufruf zum Boykott, sondern eher zur Identifikation – in der etwa 300 Namen genannt wurden, die in der Öffentlichkeit für Bolsonaro und seine Politik eintreten, gegen Fremde, insbesondere, was Venezuela betrifft, gegen Asylrecht.

Der frühere Präsident Lula da Silva durfte nicht kandidieren, er sitzt im Gefängnis. Es gibt aber gleichzeitig auch eine Kampagne in den sozialen Medien, die ihn für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und auch schon um die 500 000 Unterschriften gesammelt hat. Wie wird das denn wahrgenommen?

Sehr stark, seine Anhänger sehen das auch als eine Form der Legitimierung seiner Laufbahn. Es kommen immer mehr Unterschriften zusammen – einerseits – und andererseits wird von der Regierungspresse systematisch die Qualität und die Bedeutung dieses Nobelpreises diskreditiert. Im Sinne von: Wenn sogar Lula diesen Preis bekommen könnte, dann könnten Verbrecher und Tyrannen aller Welt ihn auch bekommen.

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Judith Heitkamp

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kulturWelt vom 10.02.2019 - 12:05 Uhr