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Wie hängen Rechtspopulismus und Globalisierung zusammen? | BR24

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Kosmopoliten gegen Traditionalisten, Stadt gegen Land: Für Cornelia Koppetsch ist die Gesellschaft tief gespalten. Ihre These einer "Gesellschaft des Zorns" wird überall debattiert – und birgt die Gefahr einer Legitimation des Rechtspopulismus.

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Wie hängen Rechtspopulismus und Globalisierung zusammen?

Kosmopoliten gegen Traditionalisten, Stadt gegen Land: Für Cornelia Koppetsch ist die Gesellschaft tief gespalten. Ihre These einer "Gesellschaft des Zorns" wird überall debattiert – und birgt die Gefahr einer Legitimation des Rechtspopulismus.

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Cornelia Koppetsch ist Soziologin, spezialisiert auf politische Gesellschaftsfragen und Professorin an der Technischen Universität in Darmstadt. Seit diesem Sommer ist sie ein Star. Kaum eine Zeitung oder Sendung, die nicht über sie berichtet oder ein Interview mit ihr geführt hätte. Denn Cornelia Koppetsch legt eine hochaktuelle Studie vor mit dem Titel "Die Gesellschaft des Zorns".

Die Moral der Mitte muss sich neu orientieren

Koppetschs Analyse erklärt, warum die Krisensymptome der politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen nicht zu einem Linksruck in der Gesellschaft führten, sondern vielmehr zum Aufstieg von Rechtspopulisten. Lange Zeit habe es so ausgesehen, als formiere sich eine neue linke Protestbewegung, etwa mit Occupy Wall Street, so die Soziologin. "Was man aber, glaube ich, nicht ausreichend berücksichtigt hatte bei dieser Frage war, dass es für die meisten Menschen gar nicht so sehr ums Ökonomische geht, bei dem, was sie im Moment als soziale Deklassierung erfahren, sondern um etwas, was mit Machtverlust, Einflussverlust, sozialen Demütigungen oder auch beschleunigten Modernisierungskrisen zu tun hat."

Für Koppetsch hat die Globalisierung eine Situation erschaffen, in der sich viele Menschen kulturell entfremdet fühlen. Und auch in gewisser Weise zurückgesetzt, weil sie eben glauben, dass ihre Werte, die bisher gegolten haben, keine Gültigkeit mehr haben: Werte wie Fleiß, Disziplin, Leistungsbereitschaft, Opferbereitschaft, Loyalität, "all diese Bestandswerte, die die Moral der Mitte lange Zeit geprägt haben", wie die Soziologin es formuliert. Und die nun zunehmend abgelöst werden durch kulturkosmopolitische Werte: "Diversity, durch Öffnung gegenüber Minderheiten und Öffnung auch von Grenzen und von ganz anderen Habitusmustern, die für manche Leute nicht mehr erreichbar scheinen."

Die Dagebliebenen gegen die Nirgendwos

Es geht also um Optionen und Chancen, Lebensgefühle, Daseinskonzepte und Deutungsmacht. Die einen surfen auf den Schaumkronen des Wandels, die anderen haben das Gefühl, sie kommen in der Welle um. Zwei Kulturen – der englische Publizist David Goodhart nennt sie "Somewheres" im Sinne von Dagebliebenen und "Anywheres" im Sinne von Nirgendwos. Cornelia Koppetsch indes spricht von liberalen, kosmopolitischen Gruppen, die von ihrer kulturellen Überlegenheit überzeugt sind und durch das Bildungssystem deutlich machen, welche kulturellen Güter man besitzen muss, um zur herrschenden Klasse zu gehören.

Es sind die Agenten der Weltläufigkeit und Mehrsprachigkeit, multi-, inter- und transkulturell unterwegs, beseelt von offenen Lebenseinstellungen, die, so die Soziologin, aller Welt vorschreiben, wie sie zu leben hat. Es greifen andere, "kulturkosmopolitische Codes wie Flexibilität, kulturelle Allesfresserei, Diversity, Sprachen, transnationale Bildungsgüter, Auslandsaufenthalte, Kontakte in die ganze Welt." Das sei zentral geworden – und "genauso exklusiv wie früher die bildungsbürgerlichen Milieus auch waren."

© picture alliance/Pacific Press Agency

Cornelia Koppetsch auf der Frankfurter Buchmesse 2019

Urbane Vegetarier gegen Fleischesser vom Land?

Abschottung durch Öffnung und Distinktion durch kulturelle Vielfalt. Das, so argumentiert Cornelia Koppetsch, ruft den Protest all jener auf den Plan, die sich durch diesen Wandel gefährdet sehen, nicht mithalten können oder traditionelle und konservative Wertvorstellungen pflegen. Ein Widerstand, der vom Rechtspopulismus getragen wird, der vergnüglich an politischer Aufstachelung und einer Verschärfung nach innen arbeitet.

Koppetschs Versuch, sich empathisch in die Position der Liberalisierungsgegner einzudenken, die dem vermeintlichen Diktat liberaler Kosmopoliten unterstehen, birgt die Gefahr einer Legitimation des Rechtspopulismus. Zu dessen Kerngeschäft gehört schließlich die Diffamierung des Establishments, der liberalen Kosmopoliten. Ihnen wird von rechter Seite vorgeworfen, den Deutschen das Wesen durch kulturfremde, "links-versiffte" Praktiken auszutreiben.

Eine Logik, der Cornelia Koppetsch keineswegs folgt, doch sie greift eine Scheinheiligkeit auf Seiten der Progressiven in diesem Diskurs auf: "Wenn jetzt zum Beispiel Leute aus der kulturkosmopolitischen Mittelklasse sagen, dass man ja auch gar nicht Fleisch essen müsste, dann entspricht das weitgehend ihren Ernährungsgewohnheiten." Vergleichbar ist nach Koppetsch die Debatte um die Mobilität zwischen Stadt- und Landbewohnern: Auf dem Land brauche man ein Auto, und plötzlich heiße es, man müsse es abschaffen.

Der Blick des Ressentiments

Wurstessende Dieselfahrer gegen vegetarische Fahrradfahrer: Demokratie könnte so einen Konflikt ohne weiteres aushalten. Es gibt schließlich auch vernunftgeleitete Argumentationen. Inzwischen haben wir es aber schon mit politischen Grabenkämpfen zu tun. Sie entzünden sich nicht nur an Essgewohnheiten, Tierschutz und Umweltfragen, sondern auch und vor allem an Zuwanderung und Migranten oder am Verständnis von Volk, Nation und Recht. Der Konflikt werde "sehr absolutistisch geführt", sagt Cornelia Koppetsch: "Jede Seite behauptet von sich, sie hätte das wahre Modell".

Natürlich wird der Konflikt auch so absolutistisch geführt, um den Rechten nicht das Feld zu überlassen. Um Widerstand zu leisten gegen Rassismus und den Traum von einer Volkssouveränität ohne Migranten, Europäische Union und Vergangenheitsbewältigung. Man täuscht sich ja nicht in den Rechtspopulisten, sie sagen, was sie wollen. Rechte bleiben Rechte. Alles Unheil kommt bei ihnen aus der Gegenwart, alles Heil aus der ewigen Nation. Der italienische Soziologe Carlo Bordoni spricht vom Operettenhaften, das Nationalismus und Populismus heute anhaftet.

Das Schrille und Kostümierte verdankt sich einer ressentimentgeleiteten Verzerrung der Wirklichkeit, über die Nietzsche in "Zur Genealogie der Moral" geschrieben hat: "Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-Sagen zu sich selbst herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem 'Außerhalb', zu einem 'Anders', zu einem 'Nicht-Selbst': und dies Nein ist ihre schöpferische Tat. Diese Umkehrung (…) gehört eben zum Ressentiment: die Sklavenmoral bedarf, um zu entstehen, immer zuerst einer Gegen- und Außenwelt, sie bedarf äußerer Reize, um überhaupt zu agieren – ihre Aktion ist von Grund aus Reaktion."

© transcript

"Die Gesellschaft des Zorns" von Cornelia Koppetsch

"Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter" von Cornelia Koppetsch ist im transcript Verlag erschienen.

Das Buch ist in der Kategorie Sachbuch nominiert für den Bayerischen Buchpreis, der am 7. November in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche verliehen wird. Sie können diese Veranstaltung live auf Bayern 2 mitverfolgen und über die BR-Mediathek.

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