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Junge Jüdinnen und Juden in Deutschland fragen sich, wie sicher sie noch in Deutschland ihre Religion leben können.

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Wie frei können Juden in Deutschland ihren Glauben leben?

Welcher Weg in die Synagoge ist sicher? Kann ich noch Kippa tragen, ohne zusammengeschlagen zu werden? Fragen, die junge Jüdinnen und Juden in Deutschland mittlerweile diskutieren.

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Von
  • Christian Wölfel

Anna Fuhrmann und Michael Movchin sind 23 Jahre alt und Münchner. Und sie sind Juden. Sie stehen offen zu ihrem Glauben – trotz der Erfahrungen in den letzten Wochen, als jüdische Einrichtungen attackiert und Juden bedroht wurden. Anlass war wie so oft der Nahost-Konflikt. "Man fragt sich natürlich: Bin ich als Jude erkennbar?" sagt Michael Movchin. Er befürchtet, angepöbelt oder angegriffen zu werden: "Ich weiß nicht, was passiert. Aber ich mach mir darum Sorgen, ob ich hier als Jude langlaufen kann." Das Sicherheitsgefühl hat erneut gelitten in den letzten Wochen.

Religionsfreiheit als Grundwert

Ihren Glauben zu leben, heißt für Jüdinnen und Juden in Deutschland schon lange: ohne massive Sicherheitsvorkehrungen ist das nicht möglich. Der Jurist und Autor Ronen Steinke spricht diesen Zustand als Skandal: "Die Religionsausübung für Juden in Deutschland ist Religionsausübung in einem Belagerungszustand, in einer Hochsicherheitszone, hinter hohen Zäunen, hinter Sicherheitsleuten umgeben von Videokameras."

Wenn die Religionsfreiheit nur so gelebt werden könne, sei sie nicht viel wert, sagt der Jurist. In Artikel 4 Absatz 2 des deutschen Grundgesetzes ist die Religionsfreiheit fest verankert: "Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet", heißt es. Doch Steinke ist der Meinung, dass es um die Religionsfreiheit von Jüdinnen und Juden in Deutschland sehr schlecht stehe: "Das ist ein Zustand, der nach 72 Jahren Grundgesetz und Demokratie dieses Land beschämt." In seinem Buch legt er diesen Missstand offen. "Terror gegen Juden: Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage" lautet der Titel seines Werks, das 2020 beim Berlin-Verlag erschien.

Judenfeindlichkeit in Deutschland

"Ich hätte nicht gedacht, dass ich solche Bilder noch einmal sehen muss, die mich wirklich an die dunkelsten Zeiten dieses Landes erinnert haben", sagt Michael Movchin. Steine wurden auf die Synagogen in Mannheim und in Bonn geworfen. Es kam zu Ausschreitungen vor der Synagoge in Gelsenkirchen. Angriff auf einen Kippa-Träger in Magdeburg – das alles haben Juden in den letzten Wochen erlebt. Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. "Die Justiz hat in den vergangenen Jahren massiv versagt", sagt Steinke. Staatsanwälte und Richter hätten die Täter viel zu milde oder gar nicht bestraft, so der Jurist. Die Folge sei, dass es die Täter ermutigt habe und auf der anderen Seite wiederum für Jüdinnen und Juden das Signal war: "Geht lieber nicht auf die Straße raus."

Der Wunsch nach Freiheit

Dass Judenfeindlichkeit kein Thema mehr sein muss, wäre eine neue Freiheit. Anna Fuhrmann will nicht immer über Antisemitismus reden: "Ich wünsche mir, als Jüdin nicht in diese Opferrolle gedrängt zu werden. Nicht auf Antisemitismus, Schoa und Israel reduziert zu werden. Ich bin mehr als nur das. Ich bin eine starke, selbstbewusste Frau, die mitten im Leben steht und deswegen möchte ich nicht immer nur über Antisemitismus sprechen." Auch Michael Movchin sehnt sich nach Freiheit: "Ich wünsche mir offene Synagogentüren, ich wünsche mir offene jüdische Begegnungsstätten, einen Raum der gesellschaftlichen Zusammenkunft. Ich fürchte, dass ich das nicht erleben werde."

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