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Lady Gaga, Jada Pinkett Smith, Alicia Keys, Michelle Obama, Jennifer Lopez
© picture alliance/AP/Invision

Autoren

Tobias Ruhland
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Lady Gaga, Jada Pinkett Smith, Alicia Keys, Michelle Obama, Jennifer Lopez

Hätte man ein Trinkspiel daraus gemacht und jedes Mal einen weggekippt, wenn die Stars auf dem Roten Teppich bekundeten, wie sie sich alle auf die "Diversity" bei den Grammys freuen, dann hätte man noch vor Beginn des vierstündigen Stunden-Spektakels einen ziemlichen sitzen gehabt. Jawohl, Spektakel. Auf jeden Fall war es kein Debakel wie im letzten Jahr, als es ausgerechnet auf dem Höhepunkt von #metoo so gut wie keine weiblichen Grammy-Gewinner gab – von den wichtigen Kategorien ganz zu schweigen.

Männer waren Statisten bei den Grammys

Für die weiße Männerquote waren aber dieses Jahr gerade die ersten Stunden durchaus ein Debakel. Camila Cabello turnte mit ihrer Latino-Gang durch ein lebensgroßes Puppenhaus, Janelle Monae roboterte mit einer Frauen-Armee in pinken Anzügen über die Bühne und Ex-First Lady Michelle Obama gab Seite an Seite mit Lady Gaga, Jennifer Lopez und Alicia Keys das Motto des Abends aus: "Music helps us to share ourselves. Music shows us that all of it matters. Every story within every voice, every note within every song. Is that right ladies?! YES!!!!" Dolly Parton ließ für ihr viertelstündiges Supermedley nur Frauen ans Mikro – lediglich ein paar Cowboy-Barden durften statistengleich dazu klampfen.

Eine Beichte und ein Plädoyer für sozialen Wandel

Wenig Männer also und erfreulich wenige Dankesreden, bei denen die Gewinner*innen katalogartige in Dieter Thomas Heck-Manier eine Danksagungslitanei aufsagten. Nein, diesmal waren es meist kurze, gewichtige Sätze: "I think we stepped up!" freute sich gegen Ende der Show die frisch zur besten Nachwuchskünstlerin gekürte Dua Lipa. Dem war ein Hollywood-Moment vorausgegangen, als nämlich – für solch pathetisch-dramaturgische Kniffs sind die Grammys ja schließlich auch da – Neil Portnant (= ein Mann) eine Art öffentliche Beichte ablegte. Portnant, der Präsident der Recording Academy war es nämlich gewesen, der vor einem Jahr die Frauen selber für die Misere nicht gewonnener Grammys verantwortlich machte und die Künstlerinnen zum "up-steppen" aufforderte. Letzte Nacht nun sprach eben jener Portnant von der Notwendigkeit für sozialen Wandel und dass es ja so wunderbar sei, so viele weibliche Preisträgerinnen in diesem Jahr zu haben.

Grammy-Jury - größer und jünger

Immerhin: Die Zusammensetzung der Jury wurde kräftig durcheinandergewirbelt und gleich mal um 900 Personen vergrößert – alle Neuzugänge sind zwischen 20 und 39 Jahre jung, entweder Frauen oder haben afro-amerikanischen oder Migrations-Hintergrund. Darüber hinaus haben zahlreiche Künstlerinnen und Gewinnerinnen des Abends – Lady Gaga, Janelle Monae, Cardi B., Miley Cyrus – eine Initiative zur Förderung von Frauen im Musikbusiness gestartet.

Alicia Keys führte durch den Abend

Alicia Keys führte durch den Abend

Musik-Business bleibt männlich dominiert

So schnell geht das also mit der Frauenquote in der Musik? Natürlich nicht. Im Vorfeld der Grammys tauchte dann eben doch die eine oder andere Studie auf, die belegt, dass viele andere Bereiche des Musik-Business nach wie vor von Männern dominiert werden. Auf der anderen Seite gab‘s bei der bemerkenswerten 61. Grammy Verleihung sehr viele explizite und implizite Momente in punkto Diversität und Geschlechtergerechtigkeit: Show-Host Alicia Keys mit ihren afroamerikanischen Wurzeln, die ein Medley gleichzeitig auf einem schwarzen und einem weißen Klavier performte; die Künstlerinnen Dua Lipa und St. Vincent, die leicht homoerotisch in Kussnähe ihrer Münder Aretha Franklins „Respect“ ins Mikro hauchten; oder die offen homosexuelle Country-Sängerin Brandi Carlile, die gleich 3 Grammys bekam. Genauso wie Lady Gaga. Und genauso viele wie Childish Gambino. Hätte es sich für Herrn Gambino doch gelohnt zu kommen. Nach der Logik der letzten Jahre wäre der afro-amerikanische Rapper trotz zahlreicher Nominierungen leer aus – oder mit einem Grammy in einer unbedeutenden Kategorie heimgegangen. Aber in diesem Jahr ist plötzlich alles anders. Die Grammys als neu entdeckte Oase von Gendergerechtigkeit und Diversität? Der Ort, an dem ein neunjähriger Junge mit Riesen-Afro-Frisur davon erzählt, dass er Unabhängigkeit, Selbstvertrauen und seine Nichts-ist-unmöglich-Gefühle seiner Oma zu verdanken hat: "Ladies & Gentlemen, please welcome my grandmother Diana Ross!".

Grammys und Hip Hop – keine enge Freundschaft

Die große Party of Equality bekommt dann aber von Drake eins auf den Deckel. "Das hier", poltert Drake in seiner Rede, "ist ein Business, das von einigen wenigen Leuten regiert wird, die nicht verstehen, was ein Migranten-Kind aus Kanada wie ich zu sagen hat. Wenn Leute deine Songs auswendig nachsingen und zu deinen Konzerten kommen, dann hast du bereits gewonnen und dann brauchst du dieses ganze Grammy-Ding hier nicht." Nein, Hiphop und die Grammys – das war noch nie eine große Freundschaft. Als 1989, also vor genau 30 Jahren, zum ersten Mal der Grammy für "Best Rap" eingeführt wurde, blieben die damaligen Gewinner fern: Will Smith und DJ Jazzy Jeff waren sauer, denn ausgerechnet diese neue Kategorie wurde nicht im Fernsehen übertragen. Gewissermaßen die Hiphop-Ur-Sünde der Recording Academy, in deren Reihen sich – Verjüngung und Diversifizierung hin oder her – bestimmt noch genügend Leute befinden, die dem Hiphop immer noch nicht trauen – zurecht!

Auch der BR war für einen Grammy nominiert

Denn, oh mein Gott, hat Cardi B. das wirklich gesagt?! Ein Grammy in der Hand für‘s beste Rap Album – dazu ein Joint wäre jetzt aber auch ganz hübsch, um ein bisschen runterzukommen. So viel Diversität ist ja vielleicht sogar Cardi B. zu viel. Ach ja, eins noch: Das Symphonie-Orchester und der Chor des Bayerischen Rundfunk waren auch für einen Grammy nominiert mit ihrem Dirigenten Mariss Jansons für ihre Aufnahme der Rachmaninow Symphonie "The Bells". Aber leider gingen Diversität und Bajuvarität in diesem Jahr keine preisgekrönte Bindung ein. Man kann halt nicht alles haben.

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Die Grammy-Verleihung

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