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Kain und Abel, Adam und Eva
© David Baltzer/Kammerspiele München
© David Baltzer/Kammerspiele München

Kain und Abel, Adam und Eva

Wie ein riesiges Auge hängt er schräg über der Welt, die eine sich drehende Scheibe ist. Wie ein riesiges Auge Gottes hängt dieser Spiegel da über der Bühne und zeigt uns alles, was sich auf der Welt abspielt bzw. auf diese Bühne projiziert wird. Und das ist viel: galaktische Nebel und tanzende Spermien, neuronale Netze und biblische Szenen alter Meister, frühe Mutterleibsstadien und endlose Lichttunnel. Darauf und darüber und darin: sechs Schauspielerinnen und Schauspieler als Gottvater und Lilith, als Adam und Eva, als Kain und Abel – in Maske und Kostüm, die ihre Komik im Detail tragen und zugleich dennoch Raum lassen für große Bilder und große Fragen. Menschenleiber werden zu Bestandteilen von religiösen Mosaiken oder sie kreisen embryonal gekrümmt durchs All. Da stellt sich die Frage etwa nach dem Beginn der Schöpfung ebenso wie die nach Gott überhaupt.

Adam hadert mit seiner Geschlechtsidentität

Adam hadert mit seiner Geschlechtsidentität

Yael Ronen zeigt Mut zum Pathos

Sechs Personen suchen einen Gott und stoßen dabei immer wieder auf sich selbst. Oder umgekehrt. Yael Ronen und ihr Ensemble haben verschiedene Motive aus der Genesis herausgelöst und arbeiten sich aus ihrer eigenen Gegenwart heraus daran ab. Da geht es um den Sündenfall ebenso wie um das Verschwinden der Urmutter Lilith oder um die Erschaffung der Frau aus der Rippe des Mannes. Da zieht man sich schnell mal die Maske über, die blonde Perücke oder den Nackt-Suit und diskutiert derweil über Geschlechterkrieg, Diskriminierung von Frauen oder Schwulen oder über die verzweifelte Suche nach Anerkennung, die beim eigenen Vater beginnt und bei Gottvater endet.

Die Urgesellschaft sucht Orientierung

Die Urgesellschaft sucht Orientierung

Mit sehr viel Humor aber auch mit einer großen Ernsthaftigkeit arbeitet sich Yael Ronen mit ihrem Ensemble an unserem Schöpfungsmythos ab, diesem Urgrund unserer Kultur, der, in unsere Gene eingeschrieben, unleugbar Einfluss nimmt und deswegen immer wieder hervorgeholt, interpretiert und auch um- oder überschrieben werden muss. Dabei zeigt sie den Mut zum Pathos großer Bilder ebenso wie zugleich die notwendige Respektlosigkeit, um für heilige Mythen überraschende Varianten zu finden, wie etwa für die – eigentlich als Symbol der Vollkommenheit geltende – sich in den Schwanz beißende Schlange.

Schöpfungsmythos

Schöpfungsmythos

Großartig, komisch und berührend

Es ist eines der Grundprinzipien von Yael Ronen, immer auch aus den jeweiligen biographischen Hintergründen ihrer Schauspielerinnen und Schauspieler zu arbeiten, und das tut sie nun wieder bei „#Genesis“ an den Münchner Kammerspielen. Da kommt die Beziehung zu den jeweiligen Vätern ebenso zur Sprache wie die Beziehung etwa zu Gott selbst und so erweitert dieses Theater wieder einmal den Blick aus dem Privaten auf das Allgemeine, das Politische oder in diesem Fall das Kulturelle und zeigt so einen unmittelbaren und nachvollziehbaren Weg auf, über verschiedene biographische Details Zugang zu erhalten zum großen Ganzen. Das ist ihr wieder einmal auf wirklich großartige, sehr komische aber auch sehr berührende Weise gelungen.

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Autoren

Sven Ricklefs

Sendung

kulturWelt vom 29.10.2018 - 08:30 Uhr