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Wie eiskalt ist dein Apartmentchen: Puccinis "Bohème" in München | BR24

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Arm ist langweilig und teuer macht lustig: Bernd Mottl verlegt die Künstler-Oper am Gärtnerplatztheater in die Schickeria und lässt den Weihnachtsmann strippen. Die coole Society im Permafrost. Das Publikum war angetan, Tränen flossen freilich kaum.

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Wie eiskalt ist dein Apartmentchen: Puccinis "Bohème" in München

Arm ist langweilig und teuer macht lustig: Bernd Mottl verlegt die Künstler-Oper am Gärtnerplatztheater in die Schickeria und lässt den Weihnachtsmann strippen. Die coole Society im Permafrost. Das Publikum war angetan, Tränen flossen freilich kaum.

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Die Gegend rund um das Münchner Gärtnerplatztheater ist für arme Künstler seit langem unerschwinglich, warum sollte es also drinnen anders sein, dachte sich wohl der Regisseur Bernd Mottl. Also spielt seine "Bohème" nicht unter brotlosen Poeten und abgebrannten Musikern, sondern in der Schickeria. Hier frieren die Möchtegern-Künstler zwar auch, aber nur, weil sie die Fenster ausgehängt haben und es einfach supercool finden, den Winter reinzulassen. Deshalb besaufen sie sich auch an einer trendigen Eisbar, sehen dem Weihnachtsmann beim Strippen zu, hängen in einem schwer angesagten Nachtclub ab und werfen mit Fast Food-Gerichten um sich.

© Marie-Laure Briane/Gärtnerplatztheater

Mimi und der Muff

Bohème im Permafrost

Geld haben sie folglich genug, Spaß in Hülle und Fülle, allerdings stirbt ihnen eine Oper unter den Händen weg, denn so einfach lässt sich Puccini leider nicht luxussanieren und von einem Pariser Hinterhof in ein Münchner Loft übertragen. So bleibt die Todesursache für die eigentlich schwindsüchtige Mimi genauso rätselhaft (Drogenprobleme?) wie die Frage, was die Künstler-Kommune eigentlich zusammenhält, wenn hier alle ganz offensichtlich im Geld schwimmen und nur an sich denken. Bei Puccini kommt die Kälte von außen, die Wärme von innen. Bei Bernd Mottl dagegen ist die offenkundig leidenschaftlich nihilistische Bohème im Permafrost erstarrt. Er zeigt eine derart verkommene, neureiche Jeunesse dorée, das einiges optisch an Moskauer Oligarchen-Partys erinnert, etwa wenn die Barkeeper im grellen Outfit auf Kommando plötzlich winseln wie in die Hunde.

© Marie-Laure Briane/Gärtnerplatztheater

Schickes Loft mit Graffiti

Klar, im reichen München das Elend des 19. Jahrhunderts vorzuführen wäre nur lächerlich, aber soviel Kapitalismuskritik wie hier verträgt Puccinis Oper leider nicht, ohne gänzlich an emotionaler Wirkung einzubüßen. Der zweieinhalbstündige Abend ist streckenweise unterhaltsam, schräg und abwechslungsreich, aber berührend ist er nicht. Vermutlich wollte das Regieteam Puccini alles Sentimentale austreiben, was zweifellos gelungen ist, doch die vorgeführten Personen wirkten dann allesamt so, als ob sie "1000 Prozent Mieterhöhung" verkraften könnten, die eine Münchner Boulevardzeitung auf der Titelseite anprangerte, und Leute mit soviel Kleingeld können in der Regel nicht auf Mitleid zählen.

Tosender Jahrmarkt der Eitelkeiten

Ausstatter Friedrich Eggert hatte einen großbürgerlichen Salon entworfen, dessen Wände mit Graffiti übersät waren. Hätte auch das Hauptquartier eines Start-Up-Unternehmens sein können, so spärlich möbliert, wie es war. Allerdings luden ein stylisches Sofa zum Sitzen und ein Webpelz zum Kuscheln ein. Kostümbildner Alfred Mayerhofer schwelgte im Fashion-Pomp der Boulevard-Society, die mit Einkaufstüten wedelt und total vertoxt aus den Clubs wankt. Dirigent Anthony Bramall drehte dazu mächtig auf, was zu den grellen Bildern vorzüglich passte, an einen tosenden Jahrmarkt der Eitelkeiten denken ließ. Der bildhübsche, aber sehr schüchterne rumänische Tenor Lucian Krasznec schien von diesem ganzen Rummel etwas überfordert und orientierte sich vor allem anfangs fast schon hilfesuchend ganz und gar am Dirigenten.

© Marie-Laure Briane/Gärtnerplatztheater

Der Vermieter bekommt sein Geld

Deutlich freier spielten und sangen die ungarische Sopranistin Mária Celeng als Musetta und die deutsch-französische Camille Schnoor als Mimi. Auch der kroatische Bariton Matija Meić als eifersüchtiger Marcello meisterte seinen Part schauspielerisch absolut glaubwürdig. Insgesamt ein sehr buntes Vergnügen ganz ohne Herzschmerz, was erstaunlich vielen, gerade auch jungen Zuschauern gefiel. Sehr freundlicher Beifall, keine Proteste gegen die Regie. Fazit: Teuer macht lustig!

Wieder am 30. März, 4. und 6. April, weitere Termine.

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