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Nicht Aufschwung, sondern Niedergang. Eine alte, stillgelegte Fabrik in Sachsen.

Das Debüt des 1994 geborenen Autors handelt von zwei Brüdern, die groß werden im Nachwende-Deutschland, im Osten Sachsens. Ebenso von einer Familie, die sich verliert – obwohl sie sich, mit dem Bau eines Hauses, den Wunsch einer glücklichen Zukunft erfüllen will. Lukas Rietzschel erzählt am Beispiel dieser Geschichte von Leere und Verzweiflung, von Friktionen und Verwerfungen. Ebenso schreibt er von Menschen, die überfordert sind vom gesellschaftlichen Wandel. Ein Roman über eine vielfach zerrissene Gegenwart, über zerplatzte Träume und den Ausbruch von Gewalt.

Niels Beintker: Was hat Sie bewogen, von unserer Zeit zu erzählen und zu schreiben?

Lukas Rietzschel: Ich weiß gar nicht, ob man das so programmatisch angehen kann.

Kam dieses Geschichte einfach?

Das ist immer diese Idee, die andere vom Schreiben haben: Dass die Idee zu einem kommt. Ich glaube nicht, dass das so funktioniert. Ich habe zu dem Zeitpunkt in Kassel gelebt und studiert – Politikwissenschaft und Germanistik. Ich habe kein Abitur und durfte deshalb nur nach Kassel, weil man da auch mit der Fachhochschulreife an eine Universität darf. Für mich war das der größte, überhaupt mögliche Bildungsaufstieg.

Und ich saß da und habe beobachtet, was – 2014 war das – hier zu Hause eigentlich passiert. Wer sich da versammelt, wie die Stimmung auf einmal hochkocht, wie aggressiv das wurde. Ich habe die Leute und Gesichter bei youtube gesehen. Und ich dachte, ich kenne die alle. Ich fragte mich: Warum bin ich nicht dabei? Und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, erklären zu können, warum die anderen dort stehen. Ich hab eigentlich nur versucht aufzuzeigen, wie der Weg dorthin ist.

Der Roman beginnt mit dem Bau eines Hauses, mit einer Grube und einem Schuttberg. Die Eltern von Philipp und Tobias wollen sich den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllen – für sich und für die beiden Jungs. Was ist das für eine Familie, die im Mittelpunkt Ihres Romans steht?

Eine Familie, die sich traut, zu träumen. Sie lebt in der Nachwendezeit und hat dieses Wohlstandsversprechen in sich eingesogen. Sie möchte es einlösen.

Auch die blühenden Landschaften

Das ist immer diese Phrase. Letztlich ist da gar nichts blühend. Sie bauen ihr Haus auf einem Acker. Das ist eigentlich völlig irreal, dass man in einer Gesellschaft, in einem kleinen Dorf, in dem die Fabrik gerade geschlossen wurde und abgerissen wird – dass man da mitten auf dem Acker ein Einfamilienhaus hinsetzt. Aber für die Familie ist das ein Glücksversprechen.

Sie versucht zum ersten Mal, selbstbestimmt etwas anzugehen – vielleicht so zu sein, wie andere, wie man sich ein Leben vorstellt. Und dann merkt man aber, dass da vielleicht nicht alles heile Welt ist. Das klingt jetzt auch abgedroschen. Aber in der Zeit, in der das spielt, und mit den Söhnen – und wo so vieles noch ungeklärt ist und im Umfeld im Scheitern begriffen ist, im Scherben-Aufkehren – da kann das auch nur scheitern. Das ist traurig. Das tut richtig weh, wenn man das miterlebt. Und man erlebt es mit in diesem Fall.

Der in Görlitz lebende Schriftsteller Lukas Rietzschel, Autor des Romans "Mit der Faust in die Welt schlagen"

Der in Görlitz lebende Schriftsteller Lukas Rietzschel, Autor des Romans "Mit der Faust in die Welt schlagen"

Der Roman ist in drei große Zeit-Abschnitte gegliedert. Er beginnt 2000 und endet im Jahr 2015. Wir folgen Philipp und Tobias auf dem Weg ins Erwachsensein, die leidliche Schule, die Suche nach einem eigenen Lebenssinn, zumal in einer Situation, in der vieles auseinander bricht. Wie steht es um die Perspektiven dieser Jungs, dieser Jugend in Deutschland?

Sie meinen die Zukunftsperspektiven?

Die werden doch aufgegriffen im Roman.

Aber die enden auch an einer Stelle und werden nicht weiter verfolgt. Ich kann letztlich nur schildern, was im Roman geschrieben steht. Man versucht, sich nach oben hin zu orientieren, wie die Eltern. Man versucht, Wege einzuschlagen, die mehr oder weniger vorgegeben sind und aus denen der Ausbruch nicht so recht programmiert ist. Und man versucht, nach etwas zu greifen, was nur in der Erzählung, in der Fiktion, und vielleicht auch in der Überhöhung durch die Eltern da ist: Stabilität, Wohlstand und das sogenannte Deutschland.

Diese beiden Jungs klammern sich an etwas, in das sie hineingeboren sind. Als erste Generation überhaupt wachsen sie in einem Gesamtdeutschland auf. Die Eltern kennen dieses neue Deutschland gar nicht. Die Brüder sind sehr allein gelassen und versuchen, sich festzukrallen an den falschen Leuten, an falschen Ideen, an falschen Träumen. Am Ende müssen sie zusehen, wie sie sich dabei untereinander entzweien und wie ihre Vorstellungen auseinander gehen. So viel zu den Perspektiven. Das Traurige ist, das die beiden für sich selbst keine Perspektive sehen. Es gibt keine Träume und Visionen. So lange man das nicht hat und nicht findet, erscheint jeder Schritt sinnlos. Man weiß nicht: Was willst du eigentlich in der Welt? Und du eierst herum in deinem Leben.

Umso wichtiger, genau davon zu erzählen.

Absolut. Ich selber komme aus einer Arbeiterfamilie. Wir hatten keine große Bücherwand. Ich kenne nur diese Figuren, diese – damit ist Clemens Meyer immer konfrontiert – randständigen Figuren. Für mich ist das der Mittelpunkt gewesen. Und ich glaube auch, dass die den Mittelpunkt der Gesellschaft darstellen. Es ist überhaupt nicht abwegig, dort anzusetzen, wo diese Menschen sind – und nicht am ‚Weißen Hirsch‘ in Dresden. Das wäre das Gegensätzliche.

Der Begriff des Arbeiters ist völlig ausgehöhlt. Dennoch will ich gerne bei den Arbeitern sein, bei dem sogenannten einfachen Volk. Das ist alles platt. Aber das kann Literatur leisten: Da anzusetzen und zu zeigen, dass das gar nicht so platt ist. Das ist gar kein ausgehöhlter Begriff. Es geht um einen Perspektivwechsel. Das ist das, was nur die Literatur so richtig kann. Das kann Wissenschaft nicht. Und das kann auch Journalismus nur bedingt. Das ist das Großartige. Ich konnte nur diese Leute nehmen. Etwas anderes ist mir zu fern.

Die Geschichte von Philipp und Tobias ist verbunden mit der Geschichte unserer Zeit. Der wachsende Zuspruch der Menschen im Osten Deutschlands – hier: in Sachsen – für Bewegungen wie Pegida – diese Radikalisierung einer Gesellschaft – wird auch im Roman thematisiert. Inwiefern hängt das aus Ihrer Sicht zusammen – die Jungs, die keine wirkliche Perspektive haben – und die gesellschaftliche Verfassung…

Ich habe versucht, das mit der Fiktion eines Deutschlands oder eines Deutschland-Bildes zu beschreiben. Ganz entscheidend für die beiden Jungs, für ihre Welterfahrung, sind die Terrorattacken 2001 in den USA. Danach – ich habe versucht, das zu beschreiben – bekommen die Jungs ein Gefühl: Für was ist eigentlich die Welt? Auf einmal entsteht die gesamte Topographie des Universums, wenn wir das so ein bisschen überhöhen wollen. Das setzt sich aus vielen kleinen Elementen, die man mitbekommt, zusammen. Als nächstes kommt das Hochwasser in Dresden. Später kommt Sarrazin hinein. Und irgendwann glaubt man die Erzählung: Eigentlich läuft das hier so richtig nicht, irgendwie ist das ein komisches Land – irgendwie kriegen die hier nichts gebacken.

Das ist genau diese Gruppe von Menschen, die so viel strauchelt, die so viel kämpft, die eigentlich viel weiß, aber nicht so richtig gehört wird. Da spielt so viel herein. Da kommt die Erfahrung mit Behörden, mit Beamten und mit der Nicht-Anerkennung der eigenen Geschichte. Das alles kulminiert zu einer Wut. Der Titel des Romans „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist nichts anderes als die Beschreibung einer Wut. Du hast Lust, dass alles von vorn anfängt, weil du nicht erträgst, wie vertrackt und sinnlos das erscheint, da nichts so richtig funktionieren will. Und nichts den Anschein macht, als würde es funktionieren. Und da kommt das zusammen und wird gefährlich. Das muss gar nicht so radikal sein. Das kann auch in leisen Zwischentönen funktionieren. Aber die Idee des Geschichts- und Kontrollverlustes trägt sich durch.

Der Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist Ihr Debüt. Ihr Verlag verweist sogleich auf wichtige Autoren aus Sachsen: auf Wolfgang Hilbig zum Beispiel. Ist das ein Schriftsteller, der für Ihr eigenes Schreiben eine Rolle spielt?

Eine sehr gemeine Frage, weil ich den armen Wolfgang Hilbig entweder bloßstelle oder überhöhe. Ich habe viele andere Autoren, die wichtiger sind an der Stelle.

Clemens Meyer wurde schon genannt – ein Autor, der sich wiederum stark auf Wolfgang Hilbig beruft.

Ich habe sehr spät angefangen zu lesen, mit 16. Zunächst habe ich einen großen Schwenk um die deutsche Literatur gemacht und bin zunächst bei den Amerikanern gelandet. Die Sprache und die Sujets fand ich ansprechender. Erst dann bin ich bei zeitgenössischer deutscher Literatur gelandet – und zwangsläufig bei Clemens Meyer.

Wenn man eine bestimmte Region beschreibt, steht man in der sprachlichen und literarischen Tradition dieser Region. Deswegen liegen manche Vergleiche nahe. Manche sind ein bisschen zu hoch. Für mich sowieso. Ich muss mich erst einmal beweisen. Ich kann nicht mit einem Debüt kommen – und dann kommen diese großen Schuhe, die ich anziehen muss. Das kann ich nicht leisten. Und das will ich auch nicht leisten. Es wäre schön, da irgendwann zu stehen. Aber davon bin ich ganz, ganz weit entfernt.

Lukas Rietzschels Roman „Mit der Faust gegen die Welt schlagen“ ist im Ullstein-Verlag erschienen.