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Wie eine blinde Künstlerin nach dem inneren Auge malt | BR24

© BR / Markus Kaiser

Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh ist seit zwölf Jahren blind. Trotzdem hat sie ihre Leidenschaft, das Malen, nicht aufgegeben. Die Kunst ist für sie eine Möglichkeit, Grenzen zu überwinden und wieder "sehen" zu können.

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Wie eine blinde Künstlerin nach dem inneren Auge malt

Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh aus Pfaffenhofen an der Ilm ist seit dreizehn Jahren blind. Trotzdem hat sie ihre Leidenschaft, das Malen, nicht aufgegeben. Die Kunst ist für sie eine Möglichkeit, Grenzen zu überwinden und wieder "sehen" zu können.

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Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh sitzt aufrecht vor ihrer Leinwand. Mit einem Pinsel setzt sie einen Strich neben den anderen. Langsam entstehen auf der grünen Leinwand die Umrisse einer goldenen Vase, eines ihrer Lieblingsmotive. "Ich merke natürlich, wo ich mehr oder weniger Farbe habe", sagt die 50-jährige Malerin, "am Schluss gehe ich auch nochmal mit dem Finger drüber um zu spüren, wo muss ich noch mit Farbe ran gehen."

Wie orientiert sich eine blinde Malerin auf der Leinwand?

Beim Malen in ihrem Atelier im Keller ist kompletter Körpereinsatz gefragt, sagt Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh. Weil ihr Stuhl immer an der gleichen Stelle steht und sie auch stets die gleiche Sitzhaltung annimmt, kann sie sich auf der Leinwand orientieren. Wo sie was in welcher Farbe hin gemalt hat, muss sie sich aber merken. Links neben der Malerin stehen die Pinsel, rechts die Farben, jeweils in einem Metallkasten. Auf den Flaschen mit den Farben kleben kleine weiße Aufkleber. Die Malerin tastet diese mit einem Scanner ab, der ihr dann den jeweiligen Farbton vorliest: Cadmiumgelb, Graphit oder Gold.

"Was auf dem Bild ist, sehe ich vor dem inneren Auge", sagt Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh, "wenn ich zum Beispiel ein Gesicht malen will: welche Augenfarbe, welche Nase, welcher Mund? Es kommt auch mal vor, dass ich sage: Nein, ich will jetzt doch statt blauen Augen grüne Augen und die Nase mache ich jetzt doch ein bisschen bucklig."

© BR / Markus Kaiser

Ausstellung von Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh im Hotel Moosburger Hof in Pfaffenhofen an der Ilm

© BR / Markus Kaiser

Ausstellung von Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh im Hotel Moosburger Hof in Pfaffenhofen an der Ilm

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Ausstellung von Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh im Hotel Moosburger Hof in Pfaffenhofen an der Ilm

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Malen im Atelier in Pfaffenhofen an der Ilm

© BR / Markus Kaiser

Zuhause bei Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh

"Die Bilder wurden lebhafter und farbenfroher"

Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh malt bereits seit ihrer Jugend. Mit Anfang 20 erkrankte sie an Leukämie. Durch die Folgen einer Knochenmarkstransplantation wurden ihre Augen vom Körper abgestoßen, sie erblindete im Jahr 2007. Doch bereits nach drei Wochen saß sie wieder im Atelier. "Ich habe mir eine Leinwand und Farben genommen und einfach drauf gepinselt. Das war so eine Befreiung, ich habe mir gedacht, es geht alles und habe wieder angefangen, mein Leben zu leben."

Das Malen gibt ihr das Sehen zurück, erzählt Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh: "Ich male jetzt viel freier als früher. Als Sehender geht man ja gern in den Perfektionismus, diese Schranke hast du als Blinder natürlich nicht. Mir wird oft gesagt, dass meine Bilder jetzt viel lebhafter und farbenfroher sind." Gerade auf Farbenvielfalt legt die blinde Malerin besonders wert. Ihre Bilder zeigen Blumen, aber auch ein loderndes Feuer oder wilde kreisförmige Muster aus roten und orangenen Farbtönen, wie das Bild "Summerfeelings".

Mit dem inneren Auge sehen

Hat sie ein Bild fertig gemalt, klebt sie ein weißes Etikett auf den Rahmen, wie bei ihren Farbflaschen. Mit dem Scanner kann sie sich später eine Bildbeschreibung vorlesen lassen. Oft ist das aber gar nicht nötig, denn viele ihrer Bilder kann sie auch ertasten. "Ich will auch meine Bilder im Haus hängen haben", sagt die Künstlerin, "wenn ich in der Küche stehe, Gemüse schnibble und dann an die Wand zum Bild schaue, dann sehe ich es vor meinem inneren Auge, das ist ganz konkret da. Und nach einer gewissen Zeit kann ich das Bild dann auch nicht mehr sehen, dann will ich wieder ein anderes Bild aufhängen."

Mehr über Claudia Stiglmayr-Keshishzadeh und ihre Kunst sehen Sie am 21. März 2020 um 10:30 Uhr in STATIONEN auf ARD-alpha.