Kämpfer neben einem gepanzerten Fahrzeug
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Wagner-Söldner in Rostow am Don

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"Wie ein Messer durch Butter": Kann Prigoschin Putin stürzen?

Eigentlich hat der Söldnerchef keine Chance - aber er nutzt sie. Selbst Prigoschins Gegner sind von seinem Wagemut beeindruckt. Der Marsch auf Moskau könne sogar erfolgreich sein, weil Putins Machtsystem "träge und demotiviert" sei. Indizien gibt es.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Es sei ganz einfach, Jewgeni Prigoschins Überlebenschancen zu beurteilen, so ein russischer Militärblogger: "Wenn sie [beim Marsch auf Moskau] stecken bleiben, wird alles ernst. Wenn sie wie ein Messer durch die Butter gehen, wird vieles klar."

24 Stunden nach Beginn der Rebellion sieht es nicht so aus, als ob die russischen Behörden die Söldner bremsen können. Das gesamte Regime scheint wie gelähmt, trotz vieler Lippenbekenntnisse für Putin seitens der Gouverneure und aus dem Parlament. Und dass ausgerechnet die Truppen des tschetschenischen Machthabers Kadyrow nach Rostow am Don geschickt wurden, um dort für Ordnung zu sorgen, amüsierte nicht wenige Beobachter. Offenbar habe der Kreml keine anderen Möglichkeiten mehr, als eine dubiose Privatarmee gegen die andere in Gang zu setzen. Und sollten die Tschetschenen, was erwartet wird, schmählich untergehen, sei Prigoschin sogar der Beifall der russischen Bevölkerung sicher.

Frontsoldaten wollen nicht gegen Prigoschin kämpfen

Ohne genauere Quellen anzugeben, schrieben einige Blogs, innerhalb des Kremls habe es im Vorfeld von Putins "Verrat"-Rede erhebliche Meinungsverschiedenheiten gegeben. So seien die Kowaltschuk-Brüder Michail und Juri, langjährige Vertraute des Präsidenten und maßgeblich an der Kriegsplanung beteiligt, dagegen gewesen, Prigoschin zu brandmarken. Putin selbst habe lange gezögert, welcher Meinung er zuneigen solle. Das könnte die augenscheinliche Unentschlossenheit des Regimes begründen. Die Kowaltschuks würden jedenfalls nicht mit "Patronengürteln" auf die Barrikaden gehen.

Von der Front kommen Nachrichten, dass die dort kämpfenden russischen Soldaten keinesfalls bereit seien, gegen Prigoschins Leute vorzugehen: "Der allgemeine Wunsch der Kämpfer ist eine politische Lösung des Konflikts, keine gewaltsame. Und schon gar nicht eine einseitige Bestrafung der Rebellen."

Prigoschin halte sich mustergültig an den Bestseller des US-Militärstrategen Edward Luttwak aus dem Jahr 1968 über Staatsstreiche ("Coup d’État: A Practical Handbook"), meinte ein Blogger: "Der nächste Schritt besteht darin, die Kontrolle über die Fernseh- und Radiounternehmen zu übernehmen und die Führung des Landes zu neutralisieren."

"Das kann nicht ihr Ernst sein"

Ein Exil-Blogger machte sich lustig, dass der Kreml offenbar versuche, die hochprofessionellen Kämpfer mit einem halben Dutzend quer gestellter Muldenkipper auf der Autobahn von der Weiterfahrt in die Hauptstadt abzuhalten. "Das kann irgendwie nicht ihr Ernst sein", war da unter einem Video zu lesen: "Entweder ist die Regierung zu nichts fähig oder sie versenkt ihr Geld. Und das könnte bedeuten, dass Prigoschin ganz oben einflussreiche Verbündete hat, die nur den Anschein erwecken, als versuchten sie, die Bewegung der Prigoschin-Kolonne in Richtung Moskau zu stoppen." Die Verkehrspolizei könne die Söldner jedenfalls nicht ausschalten, hieß es mit bitterer Ironie. Es gab auch Bilder, wo sich Prigoschins Leute beim "Rasten und Tanken" nett mit Passanten unterhielten.

"Putin könnte abhauen"

"Während sich die Rebellen auf die Hauptstadt zubewegen, wird klar, dass 'die Mauer morsch ist'", textete ein Kommentator: "Und all diese Herren, die sich mit Solidaritätsadressen beeilten, bereiten ihren eigenen Untergang vor, denn sie werden allesamt massiv ausgetauscht werden. Nicht nur, wenn Prigoschin gewinnt, sondern auch, wenn die Sicherheitskräfte, die den Aufstand überstanden haben, 'die Decke fester über sich ziehen' und die wahren Herren der Lage werden."

Das ist keine Einzelmeinung: "Demotivation kommt von ganz oben, und das ist ein chronisches und kritisches Problem des Regimes", schreibt der Autor und Publizist Anatoli Nesmijan: "Unser heldenhafter Oberbefehlshaber ist natürlich auch kein Kämpfer. Die Macht wurde ihm gegeben, er kämpfte nie dafür. Er könnte abhauen, wer weiß. Stimmt, es gibt für ihn nur ein Nirgendwo, aber das ist eine andere Frage: Durch einen Haftbefehl hat man nicht viele Möglichkeiten." Jedenfalls werde die Elite Putin jenseits von wortreichen Solidaritätsadressen nicht groß unterstützen.

"Sehr seltsame Rebellion"

Ein weiterer Blogger meinte hellsichtig: "Der Konvoi auf dem Weg nach Moskau muss mit Stealth-Technologie ausgestattet sein. Niemand von denen, die ihn stoppen sollten, sieht ihn. Es gibt eine Anordnung des Präsidenten zu strengen Maßnahmen gegen die Rebellen, aber es gibt keine Maßnahmen. Zur gleichen Zeit sitzen im eroberten Hauptquartier des südlichen Militärbezirks in Rostow, wo Prigoschin sitzt, auch die Kommandeure der Spezialoperation, insbesondere General Surowikin. Eine sehr seltsame Rebellion."

"Nur zwei Schwachstellen"

Prigoschins Strategie sei gewagt, aber mutig und keineswegs aussichtslos, so Rechtsextremist und Ultrapatriot Igor Strelkow: Die Erfolgschance sei von der "Atmosphäre der Trägheit und Demotivation aller Machtstrukturen der Russischen Föderation" abhängig. Es müssten sich nämlich genügend Bewaffnete finden, die Prigoschins geschätzt rund 4.000 Mann beim Anmarsch auf die Hauptstadt stoppen wollen und können: "Diese Strategie weist nur zwei Schwachstellen auf: die Möglichkeit einer Kollision mit relativ großen Einheiten, die kampfbereit sind und sich vor der Annäherung an Moskau nicht ergeben (oder neutral bleiben) wollen, und, in diesem Fall unvermeidlich – Probleme bei der Versorgung der eigenen Angriffskräfte."

Generell gebe es in Moskau doppelt so viele Leute "im Dienst" wie in der gesamten "Wagner"-Truppe und um ein Vielfaches mehr als die 4.000 Köpfe starke Angriffseinheit. Aber wie viele Moskauer Sicherheitsleute kämpfen können und ob sie es überhaupt tun werden, sei die große Frage, die sich in den nächsten 24 Stunden klären werde. Für den "brillant gewagten Coup" zollte Strelkow jedenfalls schon seine Bewunderung.

"Wenn es zu Kämpfen kommt, dann heute Abend"

Der kremlnahe Politologe Sergej Markow urteilte ähnlich: "Solange sie unterwegs sind, stoßen sie nirgends auf Widerstand. Es wird jedoch angenommen, dass in der Region Moskau Spezialeinheiten auf sie warten werden. Und wenn es zu Kämpfen kommt, dann heute Abend in der Region Moskau. Im Allgemeinen ist es vielleicht nicht notwendig, den Feinden Russlands solche Freude zu bereiten, sondern besser, alles in Frieden zu lösen?" Demnach kann Prigoschin vor den Stadtgrenzen der Hauptstadt nichts mehr aufhalten. Womöglich gibt es deshalb so viele unbestätigte Gerüchte, wonach Oligarchen Moskau verlassen haben, Beamte sich für die Flucht rüsten und sogar Putin angeblich das Weite gesucht haben soll - Richtung St. Petersburg.

"Soweit man beurteilen kann, stoßen die Rebellen bisher nicht auf Widerstand. Das kann zur Eskalation der Rebellion in einen Staatsstreich führen. Aufgrund der Untätigkeit loyaler Einheiten", so Blogger Georgi Bovt, der auf eine Nachricht des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin verwies, wonach es bisher "keine Beschränkungen für die Ein- und Ausreise aus der Stadt" gebe. Das sollte wohl Fluchtwillige beruhigen, wäre allerdings angesichts der anrückenden Wagner-Armee auch äußerst fahrlässig.

"Ich bin nur besorgt"

"Wagner geht nach Moskau, das ist verständlich. Aber das Schweigen des Generalstabschefs Gerassimow macht mir Sorgen", gab ein Blogger zu bedenken: "Wie geht es ihm? Lebt er, ist er gesund, bei Laune? Ich bin nur besorgt." Spötter Stanislaw Belkowski meinte: "Während es der Staatsarmee seit anderthalb Jahren nicht gelingt, die Hauptstadt [Kiew] einzunehmen, ist eine private Militärkampagne in weniger als einem Tag auf halbem Weg zur Hauptstadt [Moskau]. Aber es gibt eben einen feinen Unterschied."

Letztlich bleibt den Russen wohl nur, die nächsten Stunden und Tage abzuwarten: "Das System war nicht in der Lage, die von ihm erzeugte Spannung zu kontrollieren. Irgendwo muss sich eines der vielen Ventile am kochenden Kessel gelöst haben. Ob es sich hierbei um einen Versuch handelt, Prigoschin aus dem Spiel zu nehmen, oder um gewöhnliches Chaos, werden die kommenden Tage zeigen, aber gewöhnliche, unbewaffnete Menschen, unabhängig von ihrer Einstellung zum Krieg, werden die Dynamik wahrscheinlich nicht beeinflussen können."

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