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"Wie ein Erdbeben": So viele "Wörter des Jahres" gab es noch nie | BR24

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Viele Wörter, eine Pandemie

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    "Wie ein Erdbeben": So viele "Wörter des Jahres" gab es noch nie

    Die Sprache wurde im ablaufenden Jahr so durchgeschüttelt, dass Fachleute "seismische Erschütterungen" wahrnehmen. Das gilt nicht nur für die englischsprachige Welt. Die Pandemie brachte derart viele Vokabeln in Umlauf, dass es für eine Liste reicht.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Typisch Engländer: Casper Grathwohl, der Präsident des wichtigsten englischsprachigen Wörterbuchs "Oxford Dictionary", verliert auch in düstersten Zeiten nicht seinen Humor. Ausgerechnet in einem Jahr, das "sprachlos" mache, so der Fachmann, habe es so viele neue Wörter gegeben wie nie zuvor. Gegenüber der BBC zeigte sich Grathwohl regelrecht ergriffen von der Jahresbilanz: "Ich habe, was die Sprache betrifft, noch nie so ein Jahr erlebt wie das, was wir hinter uns haben. Unser Team hat hunderte von wichtigen neuen Wörtern und Bedeutungen ausgemacht, darunter dutzende, die in normalen Zeiten für ein Wort des Jahres taugten." Deshalb einigten sich die Londoner Experten erstmals auf eine ganze Liste von Neuschöpfungen, die meisten davon klingen in vielen Sprachen gleich.

    Altertümlicher "Zwangsurlaub" wieder "in"

    Wenig verwunderlich, dass der Gebrauch des Begriffs "Pandemie" nach der Statistik der Experten in Oxford um sage und schreibe 57.000 Prozent zugenommen hat. Und auch so altertümliche Wörter wie "Zwangsurlaub/Fronturlaub" (furlough) machten gewaltig Karriere. Rund elf Milliarden Vokabeln durchforsteten die Computer der Sprachforscher in den letzten Monaten im Netz, und was sie herausfanden, wird wenige überraschen: Das "Corona-Virus", eigentlich ein Fachbegriff unter Medizinern, den es seit den sechziger Jahren gibt, ist zumindest als Wort in aller Munde. Seit dem 11. Februar, als "Covid-19" erstmals in einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation auftauchte, ist auch diese Kombination fast allen geläufig.

    Ähnlich geht es Begriffen wie "Lockerungen" (reopening) und "Superspreader". In England selbst ist auch die "Mondlandung" wieder gefragt, weil die dortige Regierung angekündigte Massentests mit einem "moonshot" verglich.

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    Bildrechte: Ian Nicholson/Picture Alliance

    Blick ins Buch: Viele neue, zum Teil alte Wörter.

    Nie zuvor, so die Fachleute, waren wissenschaftliche Fachausdrücke in der Gesamtbevölkerung so präsent wie heute, zum Beispiel der "R-Wert" für die Reproduktionszahl, also die Messgröße, wie schnell sich das Virus ausbreitet. Die Floskel "hört auf die Wissenschaft" wurde in diesem Jahr im englischen Sprachraum um 1.000 Prozent häufiger verwendet als in früheren Zeiten. Selbstredend nahm auch der Gebrauch von "Maske", "Lockdown", "Wellenbrecher" und ähnlichen Wörtern rasant zu. Dasselbe gilt für die Arbeitswelt: Begriffe wie "kontaktfrei" oder "zugeschaltet" sind seit März um 300 Prozent häufiger im Gebrauch, auch Neuschöpfungen wie "workation" und "staycation" für verschiedene Kombinationen aus Heim- und Büroarbeit wurden um 500 Prozent häufiger benutzt.

    Keiner redet mehr von "Brexit"

    Die Pandemie war jedoch trotz aller weltweiten Schlagzeilen und völlig veränderter Lebensgewohnheiten nicht das einzige sprachliche Thema 2020. So ging es Anfang des Jahres vergleichsweise häufig um "Amtsenthebung" (impeachment) und seitdem immer wieder um das Reizthema Briefwahl (mail-in ballot), das Donald Trump und seine Anhänger bekanntlich auf die Palme bringt. Die Briefwahl jedenfalls war in den ausgewerteten Texten 3.000 Prozent öfter als in früheren Jahren erwähnt. Die Verschwörungstheoretiker von "QAnon" sind derart heiß debattiert, das ihr Name um genau 5.716 Prozent häufiger auftrat. Seit Oktober letzten Jahres verdoppelte sich auch die Zahl der "Verschwörungstheorie"-Fundstellen, und "Black Lives Matter" machte auch Karriere, ausgeschrieben und als Kurzform "BLM". "Brexit" dagegen ist offenbar kein großes Thema mehr: Die Abkürzung wurde achtzig Prozent weniger gebraucht.

    Hierzulande noch nicht sonderlich in Umlauf ist das Wort "Anthropause" für eine Verlangsamung des bisherigen Lebensrythmus, also weniger Reisen und überhaupt weniger Aktivitäten, eine Entwicklung, die die Natur aufatmen lässt und der Lärm- und Lichtverschmutzung entgegenwirkt.

    Das konkurrierende "Collins Dictionary" war übrigens nicht so ratlos wie die Kollegen in Oxford, sondern erklärte rastlos Anfang des Monats den "Lockdown" zum Wort des Jahres.

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