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Wie die Gedenkstätte Yad Vashem an den Holocaust erinnert | BR24

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Sechs Millionen Juden wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Von vielen sind Namen und Geschichten unbekannt. Jedes Holocaust-Opfer aus der Anonymität zu holen: Dieser scheinbar unmöglichen Aufgabe stellt sich die Gedenkstätte Yad Vashem.

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Wie die Gedenkstätte Yad Vashem an den Holocaust erinnert

Sechs Millionen Juden wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Von vielen sind Namen und Geschichten unbekannt. Jedes Holocaust-Opfer aus der Anonymität zu holen: Dieser scheinbar unmöglichen Aufgabe stellt sich die Gedenkstätte Yad Vashem.

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Durch ein eigenes Gesetz des israelischen Parlaments wurde die Gründung von Yad Vashem 1953 beschlossen – als "Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust". Nahe des Herzlbergs befinden sich auf einem 18 Hektar großen Areal Museen, Denkmäler, Schulungszentren, Bibliotheken und Archive. Eine Million Menschen besuchen diesen Ort jedes Jahr.

Originale Listen von Oscar Schindler in Yad Vashem

Chaim Gertner ist der Herr über das Archiv in Yad Vashem. Archivaren hängen gerne die Attribute "verstaubt und introvertiert" an. Chaim Gertner ist genau das Gegenteil. Wenn er von seiner Arbeit erzählt, sprüht er. Der neonlichterleuchtete Raum ist voller Regale und Schränke, an einer Wand steht ein Kasten mit der Aufschrift, Listen von Oscar Schindler. Hier befinden sich die Originaldokumente, die Steven Spielberg den Stoff für seinen Kino-Blockbuster "Schindlers Liste" lieferten.

Chaim Gertner zieht weiße Handschuhe an und hält eine etwa einen Quadratmeter große Karte hoch. Sie zeigt den exakten Plan des Konzentrationslagers Ausschwitz vom Oktober 1941: "Hier sehen Sie die Unterschrift von Himmler in grün. Warum grün? Grün hat eine Bedeutung, auch heute noch in der deutschen Bürokratie: Das heißt: Genehmigt vom Ministerium, von der Behörde", erklärt Gertner und fügt hinzu: "Es wurde von Himmler genehmigt. Deshalb ist es so wichtig, dass wir dieses Dokument haben, es zeigt exakt, wie das Morden vorbereitet wurde."

Mehr als 300 Millionen Dokumente, Briefe, Fotos und Artefakte

Auch einen Karteikasten aus dem Konzentrationslager Mauthausen hat Chaim Gertner neulich bekommen – alle Häftlinge sind darin auf Karteikarten aufgelistet und erfasst. Mit Beschreibung körperlicher Merkmale. Gefunden auf einem Dachboden. Es sind häufig die Kinder und Enkel von Überlebenden, die in Nachlässen Dokumente, Briefe, Fotos und Artefakte finden, die sie dann der Gedenkstätte vermachen.

In Yad Vashem befindet sich die weltweit größte Sammlung jüdischer Dokumente und Artefakte. 210 Millionen Dokumente, eine halbe Million Fotos, 312.000 Lebensberichte: aufgenommen, aufgeschrieben, gefilmt. Die Mission von Yad Vashem ist: jedem einzelnen Opfer einen Namen zu geben, seine Biographie zu recherchieren und nachzuvollziehen, wo und wie hat dieser Mensch gelebt, wovon hat er geträumt?

Poesiealbum mit Aufruf: "Vergiss mein nicht"

Ein Stück, das den Archivar Chaim Gertner besonders berührt, ist ein Poesiealbum. Es gehörte Ester Goldstein. Sie lebte mit ihren Eltern und Geschwistern in Berlin. Im Poesiealbum stehen Gedichte und Widmungen für Ester von ihrer Familie, von Freunden und Lehrern. In die Ecke einer Seite steht geschrieben, was man üblicherweise in die Ecke schreibt: "Vergiss mein nicht."

"Das klingt sehr naiv, aber wenn man das Ende der Geschichte kennt, 'vergesst uns nicht', dann ist das ein moralisches Statement, ein moralischer Aufruf. Hiermit erfüllen wir die Forderung, die Opfer nicht zu vergessen", sagt Gertner.

Alle Dokumente sollen im Web zugänglich gemacht werden

Eine weitere Mission von Yad Vashem ist es, alle Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Jeder soll recherchieren können. Wissen teilen. Leiden sichtbar machen. Auch wenn die Verhandlungen um den Datenschutz oft schwer sind.

Sarah Eismann, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, bereitet die Geschichte des Holocaust und der Opfer für die deutschsprachige Internetseite auf. Zum Beispiel die Geschichte von Ida Goldis, die einen Abschiedsbrief an ihre Schwester geschrieben hat. "Sie schreibt, dass sie Wolle bekommen hat von ihrer Schwester, bedankt sich und sagt, dass sie einen Schal gestrickt hat für sich und ihren dreijährigen Sohn", erzählt Eismann. "Sie wurde mit ihrem dreijährigen Sohn und ihrer Schwester nach Transvestien zu Fuß geschickt, und ihr kleiner Sohn erfror, trotz des Schals. Sie hatte keinen Lebenswillen mehr und starb wenige Wochen danach. Das ist, was mich sehr berührt als Mutter von zwei kleinen Kindern. Auf einmal erfasst einen dieses persönliche Schicksal, man kann es begreifen. Nur mit einem Namen. Mit einem Brief."

Geschichte des Holocaust in 40 Kapiteln

Diesen Brief kann jeder lesen, der sich darauf einlassen möchte – überall auf der Welt. Yad Vashems Internetseiten bereitet die Geschichte des Holocaust in 40 Kapiteln auf, mit Hunderten Fotos, Videos und historischen Fakten. Auch auf Social Media Plattformen. Dazu Online-Ausstellungen und virtuelle Führungen in acht Sprachen.

Regelmäßig lädt Yad Vashem Studierende, Lehrer und Pädagogen aus aller Welt ein, um Unterrichtsmaterialien vorzustellen, sich auszutauschen und gemeinsam Konzepte zu entwickeln, jungen Menschen die Geschichte der Shoa nahe zu bringen.

1,2 Millionen Namen von Opfern sind noch nicht dokumentiert.

Die Aufarbeitung ist noch lange nicht beendet. Archivar Chaim Gertner und sein Team forschen weiter. Auf der ganzen Welt, vor allem in Osteuropa sammeln sie Dokumente: Passdaten, durchforsten Melderegister, Eintragungen in Ministerien, Ämtern und Gemeinden. 1,2 Millionen Namen von Opfern sind noch nicht dokumentiert. Puzzleteil für Puzzleteil wollen sie die Lebensgeschichten rekonstruieren.