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Wie die Digitalisierung ins Leben eingreift | BR24

© dpa

Graffiti in Weimar mit der Aufschrift: "Wir denken nicht! Wir googeln!"

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Wie die Digitalisierung ins Leben eingreift

Das Smartphone ist ein Teil von uns geworden, ein Körperteil, ohne das sich viele von uns hilflos fühlen. Die Digitalisierung verleiht Flügel, wir sind überall – nur nicht bei uns. Weshalb wir Gefahr laufen, unseren freien Willen zu verlieren.

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Gerald Hüther ist einer der der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands. Digitale Geräte als Werkzeuge zu nutzen, um ein Werk zu vollbringen, ist seiner Meinung nach nicht problematisch. Schwierig werde es allerdings, weil Smartphones die ersten Werkzeuge seien, mit denen der Mensch nicht nur Werke vollbringe, sondern auch seine Affekte regulieren könne. "Das heißt, sie eignen sich auch ganz exzellent, um irgendwelche ungestillten Bedürfnisse, Sehnsüchte, Gefühlswallungen wie Wut oder Einsamkeit oder Frust abzubauen."

Der digitale Mensch verlernt, seine Bedürfnisse zu regulieren

Diese Bedürfnisse würden nicht im realen Leben gestillt, sondern man greife zum digitalen Medium. "Wenn man Frust hat, ballert man ein bisschen herum, wenn man sich einsam fühlt, chattet man ein bisschen herum, wenn man ein sexuelles Bedürfnis hat, geht man auf eine Pornoseite – und so kann man jedes Bedürfnis, das man gerade hat, mithilfe dieser digitalen Medien abarbeiten, ohne dass das tatsächlich im realen Leben stattfindet." Hüther sieht darin die Gefahr digitaler Medien: Gerade junge Menschen würden damit eine ganz zentrale Fähigkeit nicht lernen, die Fähigkeit ihre Affekte zu regulieren, eine Fähigkeit, in der sich der Mensch vom Tier unterscheide. "Wenn man jetzt so ein Gerät hat, das einen ständig hilft, dieses Bedürfnis oder diesen Impuls sofort und gleich zu befriedigen, ohne dass man das im realen Leben tut, sondern nur virtuell, dann lernt man das nicht."

Hüther: "Das reale Leben ist keine Ansammlung von Daten"

Dabei dürfe man, so Hüther, nicht vernachlässigen, dass solche auf dem Smartphone gefundenen Lösungen zur Bedürfnisbefriedigung nie das wirkliche Leben seien. Wer versuche, seinen Wunsch nach Geborgenheit digital zu stillen, gebe sich der Illusion hin, mit anderen gut verbunden zu sein. "Es bleibt eine Ansammlung von Daten und das reale Leben ist eben keine Ansammlung von Daten sondern von lebendigen Interaktionen."

Ist das unser Wunsch oder sind wir dazu gemacht worden, diesen Wunsch zu haben?

Die digitale Welt aber wird in Zukunft immer weiter in unser reales Leben eingreifen, ist der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar überzeugt. "Im Moment haben wir noch das Gefühl, wir können für uns denken. Es gibt unseren inneren Raum. Und niemand anders weiß, was wir denken. In den nächsten Jahren wird dieser Raum penetriert werden durch Daten, die uns besser verstehen als wir selbst." Wenn Maschinen den Menschen besser verstünden als er sich selbst, werde er steuerbar und zwar in dem Sinne, "dass wir vielleicht Wünsche haben und uns einen Moment lang fragen müssen, sind das unsere Wünsche oder sind wir dazu gebracht worden, diese Wünsche zu haben."

Manfred Spitzer schlägt Alarm

Manfred Spitzer ist wie Gerald Hüther Hirnforscher und einer, der seit Jahren ziemlich lautstark und sehr kompromisslos Alarm schlägt, was die Handynutzung angeht. Er diagnostiziert eine gesellschaftliche Handysucht und fordert mehr Selbstkontrolle. "Das Ding selber hat so einen Aufforderungscharakter, es könnte ja wieder was passiert sein und deswegen könnte ich ja wieder drauf gucken. Sobald Sie es auf dem Schreibtisch liegen haben, braucht man offensichtlich ein bisschen Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle, um nicht dran zu gehen."

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Das Smartphone ist ein Teil von uns geworden, ein Körperteil, ohne das sich viele von uns hilflos fühlen. Die Digitalisierung verleiht Flügel, wir sind überall – nur nicht bei uns.