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Wie die Digitalisierung die Arbeitswelt revolutionieren könnte | BR24

© Jörg Carstensen/dpa

19.09.2019, Berlin: Zahlreiche Siemens-Beschäftigte demonstrieren gegen den geplanten Abbau von mehreren hundert Arbeitsplätzen.

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    Wie die Digitalisierung die Arbeitswelt revolutionieren könnte

    Viele Menschen fürchten, dass sie ihre Jobs irgendwann an Roboter und Künstliche Intelligenz verlieren. Doch die Digitalisierung könnte noch andere Folgen für die Arbeitswelt haben – auch positive.

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    Die Arbeitswelt erlebt derzeit einen Umbruch, der in seinen Auswirkungen mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zu vergleichen ist. Damals machten Dampfmaschinen die menschliche Arbeitskraft teilweise überflüssig und viele Menschen arbeitslos. Heute gibt es Logistikzentren, in denen Roboter die Pakete sortieren. Softwareprogramme ersetzen Büromitarbeiter. Und in Fabrikhallen montieren Roboterarme wie von Geisterhand Kleinteile zusammen.

    Die Digitalisierung spaltet die Arbeitswelt

    Trendforscher Franz Kühmayer sieht in der Digitalisierung aber nicht nur Negatives. Im Gegenteil: Durch Digitalisierung, Robotik und Künstliche Intelligenz entstehen gerade auch viele neue Jobs: Gefragt seien Berufe, die diesen Wandel durch Digitalisierung, durch künstliche Intelligenz, durch Robotik begleiten und beschleunigen. "Das sind Technikspezialisten, Informatiker Roboterbauer, Computer-Scientists und ähnliches und auf der anderen Seite ist ein Wandel-Begleiter so etwas wie ein Change-Experte, ein Unternehmensberater. Auf der anderen Seite sehen wir ganz klassisch wie bei Automatisierung auch in der Vergangenheit, dass zunächst einmal niedrig qualifizierte Berufe mit hohem Routineanteil davon negativ beeinflusst sind, das heißt aus dem Arbeitsmarkt hinaus gespült werden."

    Die Digitalisierung demokratisiert die Arbeitswelt

    Andererseits führt die Digitalisierung nach den Worten von Trendforscher Kühmayer zu mehr Verteilungsgerechtigkeit in der Arbeitswelt. Produktionsmittel könnten sich auch kleinere und mittelständische Unternehmen leisten. "Also das, was noch vor wenigen Jahren nur große Betriebe machen konnten, weil dafür Rechenzentren und hunderte, tausende Spezialisten notwendig waren, dass all das heute auch in einem Klein- und Mittelbetriebe ganz grundsätzlich technisch zur Verfügung steht und oft nur eine Kreditkartenzahlung entfernt ist." Mehr noch: Kühmayer sieht sogar eine Reindustrialisierung des Standortes Europa, "weil hier mit technischen Möglichkeiten zu ebenfalls niedrigen Stückkosten gearbeitet werden kann. Aber, und das ist jetzt die interessante Ergänzung, hoch individualisiert."

    Roboter halten Arbeitnehmern "den Rücken frei"

    Vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel und Arbeitsverdichtung wird immer wieder über den Einsatz von Robotern und Künstlicher Intelligenz nachgedacht. Das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen hat Assistenzroboter entwickelt, die pflegebedürftige Menschen im Alltag unterstützen sollen. Justin, wie einer der Roboter heißt, soll Pflegekräften zur Hand gehen und beispielsweise einem Patienten Medikamente bringen. Solche Maschinen könnten in Zukunft - so die Hoffnung der Kölner Zukunftsforscherin Cornelia Daheim, Routinetätigkeiten übernehmen und dadurch Kapazitäten frei werden, dass sich beispielsweise Pfleger wieder mehr dem Menschen und weniger der Dokumentation zuwenden können. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz bedeuten für den Pflegebereich also keineswegs nur Horrorszenarien einer inhuman werdenden Pflege, in der der Patient nur noch Maschinen als Gegenüber hat. Im besten Fall entlasten sie die Pflegekräfte.

    Roboter arbeiten präziser

    Der evangelische Theologe Dirk Evers, der in Halle als Professor für Systematische Theologie lehrt, ist davon überzeugt, dass sich über den Bereich der Pflege hinaus auch die medizinische Versorgung mithilfe von Algorithmen verbessern lässt. Angefangen bei Operationsrobotern, die präziser als der menschliche Operateur einen Tumor entfernen können, bis hin zu diagnostischen Systemen, die eine Erkrankung früher erkennen als das menschliche Auge. Diagnosetechniken könnten differenzierter werden. Die Digitalisierung könnte helfen, Wissen besser zu managen. Künstliche Intelligenz, so die Prognose, wird in Zukunft schneller und besser als der Mensch eine Krankheit erkennen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Arzt nun arbeitslos wird. Es braucht den Menschen, der überprüft und kontrolliert, ob die Analyse der Künstlichen Intelligenz zutrifft, der letztlich eine Entscheidung trifft und die Verantwortung übernimmt.

    Maschinen arbeiten standardisiert

    Im Journalismus wird bereits vielerorts mit den Möglichkeiten der Digitalisierung experimentiert. Die amerikanische Nachrichtenagentur AP lässt seit ein paar Jahren pro Quartal rund 4.000 standardisierte Berichte von einer Software erstellen. Der Vorteil: Eine Software kann mehr Texte in kürzester Zeit verfassen. Der menschliche Redakteur wird aber nach den Worten von Markus Kaiser, Professor für Medieninnovation und digitalen Journalismus an der Technischen Hochschule Nürnberg, nicht überflüssig. Sein Arbeitsbereich allerdings verändert sich: "Für den Journalisten wird Fakten checken immer wichtiger. Er muss Dinge überprüfen. Er muss natürlich auch mit Entwicklern daran arbeiten, dass die Software besser wird." Aber nicht nur um Fake News zu erkennen und zu verhindern, braucht es den Journalisten. Im besten Fall tun sich sogar neue Arbeitsfelder auf: Gerade im investigativen Journalismus spielt die Auswertung von großen Datenmengen heute eine wichtige Rolle. Algorithmen können hier viel mehr leisten als der Mensch.

    Roboter haben keine Empathie

    Allerdings: Es gibt Aufgaben, bei denen Maschinen und künstliche Systeme versagen, Fähigkeiten, die nur ein Mensch hat und bei denen der Mensch den Maschinen und Computern überlegen ist. Aus Sicht des Zukunftsforschers Franz Kühmayer geht es deshalb vor allem darum, nach diesen Stärken der Menschen zu fragen. Vor allem Berufe, die kreativ sind, die Empathie und soziale Fähigkeiten erfordern, sind wohl in Zukunft mehr denn je gefragt.