BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Wie der "Naturjazzer" David Rothenberg auf den Vogel kam | BR24

© Photoshot

Spielt gerne in und mit der Natur: Der Klarinettist David Rothenberg

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie der "Naturjazzer" David Rothenberg auf den Vogel kam

Duo mit Nachtigall: David Rothenberg schätzt tierische Begleitung. Nach Walfisch und Zikade hat der Klarinettist nun den Singvogel als Kammermusikpartner entdeckt. Und macht Musik, die Grenzen überwindet. In Corona-Zeiten sogar räumliche.

Per Mail sharen

In der Nacht vom vergangenen Freitag auf Samstag erklingt ein Duett. Mensch und Vogel machen zusammen Musik. Eigentlich ungewöhnlich genug. Doch dieses Konzert setzt noch einen drauf. Denn David Rothenberg spielt seine Klarinette zuhause in New York. Und die Nachtigall sitzt im Gebüsch im Treptower Park in Berlin. Einander hören können die zwei Künstler in Zeiten von Corona nur via Liveschalte.

Der Journalist als Mittler

Ungewöhnlich ist auch meine Rolle: Ich selbst bin nicht länger journalistischer Beobachter, sondern Teil dieses Happenings, als Übertragungstechniker, der zwischen dem Vogel in Berlin und dem von Naturklängen besessenen Musiker in New York vermittelt. Ich beschalle die Nachtigall über einen Lautsprecher mit der Musik des Klarinettisten. Und schicke gleichzeitig ihren Gesang über den Atlantik.

Aufregend sei es gewesen, dieses virtuelle Live-Duett, erzählt mir Rothenberg am nächsten Tag: "Gleichzeitig hat es ein melancholische Gefühl in mir ausgelöst wieder in Berlin zu sein, wenn auch aus der Ferne. Ein großartiger Moment in dieser surrealen Lage, in der sich unser Planet derzeit befindet."

Berlin – Stadt der Nachtigallen

In seinem Buch "Stadt der Nachtigallen" beschreibt David Rothenberg, wie er seit 2014 jeden Frühling in Berlin verbracht und dort mit Nachtigallen musiziert hat. Fragt sich nur, ob die Nachtigallen auch mit ihm musiziert haben? – Wissenschaftler würden da wahrscheinlich abwinken, meint der Künstler: "Sie würden wahrscheinlich so etwas sagen wie: 'Der Vogel interessiert sich nur für seinen eigenen Gesang. Das Klarinettenspiel ist für ihn nur Lärm oder Ablenkung. Letztlich ist es der Nachtigall egal. Machen Sie sich nichts vor!' – Aber wer mit den Vögeln musiziert, der versteht, dass sie sich auch für solche Klänge interessieren."

Das, so vermutet Rothenberg, sei auch der Grund, weshalb es in Berlin so viele Nachtigallen gebe: Sie messen sich mit dem Lärm, versuchen ihn zu übertönen – und fügen sich letztlich perfekt ein in die großstädtische Klanglandschaft. Rothenberg spricht in diesem Zusammenhang auch vom sogenannten Sharawaji-Effekt: "Das meint, dass an einem Ort alles miteinander im Einklang ist. Du hörst die Vögel an einem bestimmten Ort. Die Temperatur stimmt. Der Wind auch. In der Ferne klingt ein Geräusch, etwa eine S-Bahn. Natur und Mensch vereint – ein perfekter Augenblick."

Die Nachtigall - Mythos und Musik

Man müsse einfach mit offenen Ohren durch die Welt gehen, um diesen Effekt und auch die Nachtigall bewusst zu erleben. Ihr Klang wird mittlerweile nämlich von ihrem Mythos verdeckt. Vor allem in den USA, wo der Singvogel nicht mehr verbreitet ist. Rothenberg kannte ihn lange nur durch die Literatur, durch seine Auftritte in "Romeo und Julia" oder in diversen Gedichten. "Ich hatte ganz falsche Erwartungen, dachte, die Nachtigall singe komplexe Melodien, fast wie bei Beethoven. Als ich dann in den Neunzigern in Helsinki war, habe ich dieses seltsame Geräusch gehört – meine erste Nachtigall. Ich war verblüfft, denn für mich hörte sich das an wie ein seltsames elektronisches Gerät."

Inzwischen begreift Rothenberg auch den Sound der Nachtigall als Musik. Wer das einmal tue, komme der Natur näher, glaubt er. Deshalb ist es für ihn so wichtig, auch in diesem Jahr, wenn auch nur virtuell und transatlantisch, mit einer Berliner Nachtigall musiziert zu haben. Trotz oder gerade wegen der Corona-Krise, denn: "Es gibt noch etwas Hoffnung für die Menschheit, wenn wir so etwas machen können."

Das Buch "Stadt der Nachtigallen. Berlins perfekter Sound" von David Rothenberg erscheint am 21. April bei Rowohlt.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!