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Vertreter von Bietern nehmen Gebote von Käufern während einer Auktion der Sammlung Peggy and David Rockefeller an.
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Christoph Leibold
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Vertreter von Bietern nehmen Gebote von Käufern während einer Auktion der Sammlung Peggy and David Rockefeller an.

Der künstlerische Wert von Kunstwerken wird nicht selten spät erkannt. Berühmtes Beispiel: Vincent van Gogh verkaufte zu Lebzeiten kaum Bilder, heute sind sie ein Vermögen wert. Geld ist also ein höchst fragwürdiger Gradmesser für den Wert von Kunst. Trotzdem ist Kunst heute eine beliebte Geldanlage – der Markt ist es, der Künstler*innen groß macht. Der Kunstmarktexperte Magnus Resch, bekannt geworden als Autor eines Buches über Galerie-Management, hat gemeinsam mit Wissenschaftlern im "Science"-Magazin das Ergebnis einer Studie mit dem Titel "Quantifying Reputation and Success in Art" veröffentlicht, die den wirtschaftlichen Erfolg von einer halben Million Künstler*innen analysiert hat. Christoph Leibold hat mit Resch über die Mechanismen des Kunstmarktes gesprochen.

Christoph Leibold: Wenn es Bilder gibt, die früher Mal nichts wert waren und heute Unsummen, könnte das ja auch im Umkehrschluss heißen: Nicht alles an zeitgenössischer Kunst, was heute auf Auktionen Höchstpreise erzielt, wird seinen Wert halten. Ist Kunst also gar keine so sicherere Geldanlage oder: Wieso ist die Investition in Kunst dennoch so beliebt?

Markus Resch: Genauso ist es! Sehen Sie sich den "Mann mit dem Goldhelm" an, der jahrelang ein bekanntes Ausstellungsstück im Bode-Museum in Berlin war. Auf einmal hat sich herausgestellt, dass das Bild gar nicht von Rembrandt ist. Es wurde abgehängt und kein Mensch hat sich mehr dafür interessiert.

…und trotzdem kaufen Menschen heute Kunst als Geldanlage.

Ja, aber das findet nur im oberen Segment des Kunstmarktes statt. Wir haben zwei Kunstwelten. Es gibt das obere Top-Segment und den ganzen Rest. Im Top-Segment ist Kunst ein Asset, so wie ein Goldbarren. Das heißt, der Preis steigt. Im unteren Segment, da sprechen wir über die Preisklasse von 10.000 Dollar, findet wenig statt.

Nur weil etwas viel kostet, muss es, salopp gesagt, nicht auch etwas taugen. Aber natürlich kann sich Qualität auch im Preis widerspiegeln und tut es ja auch oft. Aber kann man sagen, dass es in diesem Top-Segment so ist, dass die Preise irgendwann noch stärker steigen als die künstlerische Qualität, also dass sich das irgendwann abkoppelt?

Genau da sind wir beim Thema Qualität. Die kann man in der Kunst nicht messen. Was mir gefällt, muss nicht Ihnen gefallen. Es gibt keine Qualitätskriterien. Und hier setzt das Netzwerk an. Das Netzwerk definiert, was gute Kunst ist. Es bedeutet nicht, dass es ihnen genauso gut gefällt wie es mir gefällt.

Aber was ist dieses ominöse Netzwerk?

Das haben wir analysiert über drei Jahre in der Studie, die jetzt publiziert wurde. Wir konnten feststellen, dass es einen kleinen Kreis von Galerien und Museen gibt, die einen Künstler machen können. Die Kunst an sich spielt überhaupt keine Rolle. Es geht nur darum: Ist man in einem Netzwerk oder nicht.

Ist gar kein Rembrandt, und deshalb verschwunden: "Der Mann mit dem Goldhelm"

Ist gar kein Rembrandt, und deshalb verschwunden: "Der Mann mit dem Goldhelm"

Das klingt sehr hart. Spielt Qualität überhaupt keine Rolle? Oder spielt sie schon eine Rolle, aber eben nicht die entscheidende?

Das ist das Faszinierende. In dem Netzwerk sind einzelne "Taste-Maker", wie wir das nennen, und die identifizieren, was ihnen gefällt. Das ist eine ganz subjektive Entscheidung. Und genau diese Kunst, die den einzelnen Personen gefällt, ist das, was unsere Kinder und Kindeskinder noch im Museum betrachten werden.

Können Sie Namen nennen von diesen Galerien und Institutionen, in denen solche "Taste-Maker" sind?

Das sind, nicht überraschend, hauptsächlich amerikanische Institutionen. Viele von denen sind in New York. Das MoMA ist die wichtigste Institution. Wenn man im MoMA ausstellt, hat man es geschafft. Auch das Whitney Museum gehört dazu, das Guggenheim. Und bei den kommerziellen Institutionen, also den Galerien, da ist Larry Gagosian die Nummer eins, die Pace Gallery liegt auf Platz 2.

Wie kommt man denn rein in dieses Netzwerk als Künstlerin oder Künstler? Müssen die auf einen aufmerksam werden? Gibt's da irgendwie Chancen reinzukommen oder ist das ein Closed Circle?

Um es als Künstler zu schaffen, muss man eine Sache perfekt können, nämlich Netzwerken. Das heißt, wenn ich hier in München sitze und Kunst mache, bin ich weit entfernt vom zentralen Netzwerk in New York. Das heißt, ich muss nach New York und die richtigen Leute kennen lernen. Es geht darum, wen man kennt. Der Kunstmarkt ist absolut undemokratisch. Wenn man unten anfängt, bleibt man immer da. Nur 240 Künstler von den knapp 500.000, deren Karrieren wir in der Studie untersucht haben, haben es geschafft unten anzufangen und sind am Ende ihrer Karriere oben geendet im zentralen Netzwerk. Wenn man jedoch gleich im zentralen Netzwerk anfängt, bleibt man immer da.

Der Kunstmarktexperte und Autor Magnus Resch

Der Kunstmarktexperte und Autor Magnus Resch

Welche Rolle spielt denn der Journalismus? Ist es bei Kunstkritikern vielleicht auch so, dass da manchmal ein Zirkelschluss stattfindet: Künstler*innen werden hoch gehandelt, das schaut man dann auch gleich genauer hin nach dem Motto: Es muss ja was dran sein, wenn der Preis so hoch ist.

Da sprechen wir von einem Teufelskreis. Kunstkritiker schreiben über die Ausstellungen, die die Menschen auch besuchen. Das sind die in den großen Galerien und großen Museen. Und dabei heben sie den Wert des Künstlers wieder an, weil sie positiv darüber schreiben. Kritiker schreiben heute nicht über einen unbekannten Künstler in einer unbekannten Galerie, sondern nur über die Topstars.

Sie plädieren dafür, den Kunstmarkt fairer, transparenter und zugänglicher zu machen. Wie könnte das funktionieren?

Es geht darum, ihn demokratischer zu machen. Aktuell dominieren weiße Männer, die malen. Minderheiten werden übergangen, und das müssen wir aufbrechen. Wir können uns von der Musik einiges abschauen. Da finden Blind Auditions statt, wenn eine Position im Orchester neu besetzt werden muss.

Das heißt, man hört sich einfach nur die Musik an, ohne zu wissen, welcher Mensch dahintersteht, ob der männlich oder weiblich ist, ob er weiß ist oder Afroamerikaner, wie auch immer…

Das gleiche können wir auf die Kunst übertragen. Wenn wir uns anschauen, welcher Künstler soll in einem Museum ausstellen, sollten wir eben nicht den ganzen Lebenslauf des Künstlers anschauen, um zu sehen, in welchen Top-Galerien er schon ausgestellt hat. Sondern wir müssten rein auf die Kunst schauen.

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