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Wie das Theater Augsburg den Missbrauch auf die Bühne bringt | BR24

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David Mamets Theaterstück "Oleanna" behandelt den Paradefall sexueller Übergriffigkeit: arrivierter Universitätsprofessor trifft ambitionierte Studentin. Das Staatstheater Augsburg hat den Klassiker jetzt neu inszeniert – im Hörsaal der Universität.

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Wie das Theater Augsburg den Missbrauch auf die Bühne bringt

David Mamets Theaterstück "Oleanna" behandelt den Paradefall sexueller Übergriffigkeit: Arrivierter Universitätsprofessor trifft ambitionierte Studentin. Das Staatstheater Augsburg hat den Klassiker jetzt neu inszeniert – im Hörsaal der Universität.

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Man spürt es als Zuschauer sofort: Die Macht- und Sprachverhältnisse in einem Hörsaal sind ziemlich eindeutig. Unten am Pult der Professor, der Wissen hat und redet. Ihm gegenüber, im Auditorium, die Studierenden, die zuhören und mitschreiben. Oder Bühne und Publikum, also wie im Theater. Nur, dass im Theater klare Verhältnisse ja meistens auf dem Prüfstand stehen und die eindeutige Aufteilung, wer wen spricht, heute gerne durcheinander gerät.

Als Aufführungsort bewegt sich der Hörsaal also zwischen Herrschaft und Spiel – Pole, die Regisseur Axel Sichrovsky mit seiner Inszenierung von David Mamets „Oleanna“ äußerst intelligent auszuloten weiß. Am Anfang sind die Rollen noch ziemlich klar: Andrej Kaminsky spielt einen durchaus sympathischen aber doch sehr selbstverliebten Professor John.

Professor Selbstverliebt und Studentin Stammel

Der versucht zwar seiner Studentin Carol – strebsam und trotzdem widerspenstig gespielt von Katja Sieder – zuzuhören, aber die eigenen Exkurse über Lehrmethoden, Kränkungserfahrungen oder die Kritik am Bildungssystem klingen in seinen Ohren eben doch verführerischer als das Stammeln seiner Studentin.

Ganz nah an David Mamets Stücktext spielt Kaminsky versiert auf der Klaviatur kommunikativer Register. Gibt den narzisstischen Wissenschaftler, den kümmernden Vater, den verkannten Intellektuellen oder den großen Bruder. Und merkt nicht einmal, als Carol den väterlichen Arm auf ihrer Schulter vehement abwehrt, dass er an seinem Gegenüber vorbei agiert. Ein Mann mit Macht und Privilegien – naiv, aber deswegen nicht unschuldig. So sieht es jedenfalls Carol.

Dann der Vorwurf: Ein sexueller Übergriff

Im zweiten Akt von „Oleanna“ hat Carol John des sexuellen Übergriffs beschuldigt, Johns Berufung auf den Lehrstuhl ist deshalb gefährdet. In großprojizierten Videoaufnahmen sieht man die Gesichter der beiden Schauspieler, die sich vor den Projektionen gegenübersitzen. Die Fronten haben sich verhärtet, die Perspektiven vervielfältigt. Der Versuch eines klärenden Gesprächs wirkt im Setting aus Video und statischer Sitzordnung wie eine Mischung aus Beichtstuhl und Verhör, Bekenner-video und Tribunal.

Naiv gegenüber Macht und Ohnmacht ist jetzt keiner mehr, die individuelle Existenz wird in soziale Zusammenhänge eingebunden. Einerseits John, der um sein Recht auf die Bürgerlichkeit einer etablierten Mittelschicht bettelt. Auf der anderen Seite Carol aus der Unterschicht, die Teilhabe, Stimme und Macht beansprucht. Und genau diese, die Macht, gewinnt sie mit dem Vorwurf des sexuellen Übergriffs. Ob Wahrheit oder nicht, ist nicht mehr die zentrale Frage. Ein Verschwimmen von Positionen, das im dritten Teil des Abends noch einmal eine Steigerung erfährt.

Kommentieren, chargieren, parodieren

In bester Manier des epischen Theaters treten Andrej Kaminsky und Katja Sieder jetzt neben ihre Figuren, tauschen Kostüme, übertreiben das psychologische Spiel, brechen es wieder. Kommentieren, chargieren, parodieren. Die Qualität in David Mamets Stück, dass nie entschieden werden kann, welche Position wahr oder richtig ist, überführt die Aufführung in ein lustvolles, ironisches, dann wieder berührendes theatrales Spiel.

© Jan Peter Fuhr

Szene aus "Oleanna" am Theater Augsburg

Mamets Text mutiert zum Gegenstand einer performativen Diskussion, in der Anspielungen auf aktuelle Debatten nicht fehlen: #Metoo, Fake News, political correctness, angry white men, Gleichberechtigung im Theater. Wo der Ursprungstext mit einer finalen Vergewaltigungsanklage einen unüberbrückbaren Graben zwischen den Geschlechtern ans Ende setzt, zeigt die Aufführung den Gendertrouble als Chance.

Als Aufforderung, Perspektiven zu wechseln, Positionen zu tauschen, über den Streit zum Verständnis zu kommen. Nach dem Showdown zwischen den Figuren Carol und John ist die Umarmung ihrer Darsteller das hoffnungsvolle Ende eines Abends, der über Machtstrukturen und das Verhältnis der Geschlechter sehr vielschichtig nachzudenken aufgibt.

Nächste Vorstellung am 17. Januar - alle Termine hier.

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