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Wie das Stellwerk in Nürnberg obdachlosen Jugendlichen hilft | BR24

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Sie leben auf der Straße oder unter der Brücke und konsumieren Alkohol und Drogen. Das "Stellwerk" in Nürnberg kümmert sich um junge Menschen, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben.

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Wie das Stellwerk in Nürnberg obdachlosen Jugendlichen hilft

Sie leben auf der Straße oder unter der Brücke und konsumieren Alkohol und Drogen. Das "Stellwerk" in Nürnberg kümmert sich um junge Menschen, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben und gibt ihnen Orientierung und ein Dach über dem Kopf.

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Tanja Holzmeyer braucht viel Geduld. Sie leitet das "Stellwerk", eine Einrichtung für wohnungslose junge Menschen im Norden von Nürnberg. Ihr Klientel ist meist schon irgendwo gescheitert: In der Schule, im Beruf, in der Gesellschaft. Doch das heißt nicht, dass die jungen Frauen und Männer keine Chancen mehr haben, davon ist die 35-jährige Sozialarbeiterin überzeugt.

"Sie müssen nur wirklich wollen und eine Durststrecke überwinden", sagt sie. Außerdem bräuchten sie eine "helfende Hand", die sie etappenweise auf dem Rückweg in die Normalität begleitet. Diese Stütze wollen Holzmeyer und ihr Team gerne sein, wenn ihr Gegenüber das zulässt.

"Immer dicht" - Leben auf der Straße nur mit Alkohol erträglich

Viele der jungen Menschen in der Einrichtung sind drogensüchtig, waren schon wegen Rauschgiftdelikten im Gefängnis oder müssen Sozialstunden ableisten. Leon, 20 Jahre alt, ist einer von ihnen. Er kehrt regelmäßig den Vorplatz und hofft darauf, dass hier bald eines der 12 Zimmer frei wird, damit er endlich wieder eine feste Bleibe hat. Doch momentan ist alles belegt, er muss sich gedulden.

Auch bei Dominik, 21, dauerte es eine ganze Weile, bis er sein Zimmer beziehen konnte. Einige Monate hat er vorher auf der Straße gelebt. "Das war wirklich hart", erinnert er sich. Ohne Alkohol hätte er die Situation nicht ausgehalten, "ich war immer nur dicht". Jetzt habe er alles, was er brauche, findet er: Eine Unterkunft, eine Ausbildungsstelle und einen Sinn im Leben. Sogar sein Onkel, die wichtigste Bezugsperson in Dominiks Leben, ist stolz auf ihn. Das mache ihn glücklich.

"So schnell gebe ich nicht auf" - Streetworkerin greift durch

Ein Bett und ein Dach über dem Kopf ist für Tanja Holzmeyer das Fundament für einen Neustart in der Gesellschaft. "Von der Straße aus ist der Weg zurück in die Schule oder den Beruf nicht zu schaffen", weiß sie aus ihren Erfahrungen als Streetworkerin. Deshalb musste sie nicht lange überlegen, als ihr das Don Bosco Jugendwerk vor fünf Jahren die Stelle in der Nürnberger Einrichtung anbot. "Genau so was hab ich gesucht", sagt sie.

Den Optimismus und die Empathie Don Boscos, der vor vielen Jahren den Salesianer Orden gründete, sehe sie auch ein Stück weit bei sich selber. "So schnell gebe ich nicht auf", lacht sie, "auch wenn mir jemand zu verstehen gibt, dass er mal eine Weile keine Lust auf meine Ratschläge hat oder mich mal nicht gerade nett behandelt". Die studierte Sozialpädagogin zieht sich dann eine Weile zurück, aber sie kommt immer wieder auf die jungen Leute zu.

"Halt verloren" - Leben unter der Brücke

Die 24-jährige Jenny hat Tanja Holzmeyer schon vor vier Jahren kennen gelernt. Damals wohnte sie unter einer Brücke, war wegen diverser Rauschgiftdelikte schon zu Haftstrafen verurteilt worden. "Wenn meine Eltern damals nicht beide an Krebs gestorben wären, als ich gerade mal 16 war, wäre ich nicht auf der Straße gelandet", ist sich Jenny sicher. "Ich hab einfach total den Halt verloren".

Ein wenig Halt für eine gewisse Zeit konnte ihr Tanja Holzmeyer mit einem Platz im "Stellwerk" geben. Jenny zog dort vor zwei Jahren ein, doch sie flog wieder raus, weil sie sich nicht an die Hausregeln hielt. "Immerhin lebt sie jetzt in einer anderen Obdachlosenunterkunft und nicht wieder auf der Straße", freut sich die Sozialarbeiterin. Sie sieht die kleinen Erfolge, die manchmal auch zu großen werden.

Dominik, der schon mit drei Jahren ins Heim kam, hat die Zeit der Drogen hinter sich gelassen. "Wenn ich hier manche Leute sehe, wie sie sich selber mit dem ganzen Gift kaputt machen, kann ich nur mit dem Kopf schütteln", sagt er. "Ich habe so lange gekämpft und bin so froh, jetzt die Ausbildung zu haben und den Platz im "Stellwerk". Aus seiner Sicht hat sich der Kampf gelohnt, er habe es "geschafft", davon ist er überzeugt.

Mehr zum Thema sehen Sie am 23. September 2020 in STATIONEN um 19 Uhr im BR-Fernsehen oder in der BR-Mediathek.