| BR24

 
 

Bild

Ein Stein fing Feuer am Staatstheater Nürnberg. (v.l.n.re.): Süheyla Ünlü Annette Büschelberger, Sascha Tuxhorn
© Konrad Fersterer

Autoren

© Konrad Fersterer

Ein Stein fing Feuer am Staatstheater Nürnberg. (v.l.n.re.): Süheyla Ünlü Annette Büschelberger, Sascha Tuxhorn

Puh, Ionesco also. Was für ein Brocken. Man kann sich wahrlich Leichteres aussuchen, um als Schauspieldirektor an neuem Haus den Stein ins Rollen zu bringen. Und allein was die Öffentlichkeit derzeit an absurdem Theater auf der Bühne der Weltpolitik geboten bekommt, stellt Ionescos Aberwitz so restlos in den Schatten, dass man sich vorab schon ein wenig wunderte, wieso sich Jan Philipp Glogers Phantasie ausgerechnet an diesem Dramatiker entzündet hat.

Aber gerade das reizt ihn erklärtermaßen: Wie sich das absurde Theater zu unserer immer absurder erscheinenden Welt verhält. Dazu hat Gloger zunächst „Die kahle Sängerin“ in eine moderne Wohnzimmerlandschaft wie aus dem Segmüller-Katalog verpflanzt. Mr. und Mrs. Smith, die hier Schmidt heißen, bekommen Besuch von den Martins, zu denen sie erst sagen, das sei jetzt aber eine Überraschung, um im nächsten Satz zu erklären: Sie hätten vier Stunden auf sie gewartet.

Fast schon Loriot-artig

Ionescos Figuren reden viel derlei ungereimtes Zeug, wenn sie nicht gerade Phrasen dreschen oder Worthülsen wälzen. Im sich nur allmählich ins überspannte steigernden Alltagston, den Gloger seinem Ensemble verordnet hat und im neu-bürgerlichen Interieur zwischen Couchgarnitur, Zimmerpflanzen und Kunstdrucken an den Wänden, entfaltet der Text eine höchst ersprießliche, beinahe schon Loriot-artige Komik. So weit, so vergnüglich.

Doch bei allem Sinn für Humor: Jan Philipp Gloger will mehr. Er hat auch absurde Aussagen von Zeitgenossen wie Donald Trump in die Aufführung montiert, etwa dessen Behauptung, der Klimawandel sei nur eine Erfindung der Chinesen, um die US-Wirtschaft zu torpedieren. Dabei ist interessant, dass im Gegenwartssetting von Glogers Inszenierung Ionescos Skurilitäten plötzlich gar nicht mehr wie Harmlosigkeiten erscheinen, die unsere heutige Realität meilenweit überholt hat. Eher wirkt es so, als hätte der Autor diesen Irrsinn vorweggenommen.

Szene aus "Ein Stein fing Feuer" am Staatstheater Nürnberg: Maximilian Pulst (l.), Lisa Mies

Szene aus "Ein Stein fing Feuer" am Staatstheater Nürnberg: Maximilian Pulst (l.), Lisa Mies

Die Bühne löst sich auf

Zu erleben ist eine in sinnentleerten Sprach- und Verhaltensroutinen gefangenen Spießbürgerlichkeit, die umso hartnäckiger an der eigenen Lebensform festhält, desto hohler sie wird, wie Gloger im zweiten Teil des Abends sehr schön anhand von Ionescos „Unterrichtsstunde“ vorführt. Ein zunehmend übergriffiger Professor drangsaliert darin seine Schülerin. Gloger inszeniert das als Aufeinandertreffen einer jungen Migrantin mit einem deutschen Oberlehrer, der sie mit Schulstoff traktiert, als wolle er ihr Leitkultur eintrichtern.

Auch so ein absurdes Manöver, mit dem ein Teil der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft hierzulande seine Lebensform gegen Veränderungen zu verteidigen versucht – gegen alle Auflösungserscheinungen, die Gloger sichtbar macht, indem er den Wohnzimmerrealismus des ersten Teils aufhebt. Möbel und Kulissenteile sind in den Schnürboden entschwebt und haben einer großen Wand Patz gemacht, an der der gesamte Hausrat der ersten Szene haftet wie Klettersteine an einer Boulderwand, auf der die Schauspieler akrobatische Herumturnen.

Unerwartet großartig

Zuletzt verschwindet auch diese Wand, das Ensemble sitzt zwischen zwei Zelten um ein Lager-Feuer und man fragt sich: ist das noch Campingurlaub oder der Rückfall in die Steinzeit nach der Apokalypse, weil de Welt am wachsenden Irrsinn zu Grunde gegangen ist?

Absolut unerwartet, dass Ionesco der Stein des Anstoßes für diesen spannenden Theaterabend war, nach dem man Feuer und Flamme ist für den neuen Nürnberger Schauspielchef und seine frisch zusammengewürfelte Truppe, in der bewährte Ensemblezugpferde wie Julia Bartolome oder Frank Damerius mit Neuzugängen wie Sascha Tuxhorn und Lias Mies zusammenspielen, als würden sie sich schon ewig kennen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung.

Autoren

Sendung

kulturWelt vom 28.09.2018 - 08:30 Uhr