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© Museum Tinguely Basel

Alte Radiogeräte

Die Krach-Maschinen von Jean Tinguely schweigen. Wo es sonst quietscht und rattert, herrscht ungewohnte Stille. Und im Basler Museum Tinguely ist auch fast nichts zu sehen: Bloß eine Handvoll Sende-Antennen stehen herum und einige Besucher mit Mobiltelefonen in den Händen und großen Kopfhörern auf den Ohren.Still soll man sein und zuhören. Zum Beispiel einer uralten Aufnahme, die Adolf Rechenberg 1899 machte. "Seinem lieben, guten Weib" schenkte Vater Rechenberg ein Grammophon und verewigte sich in einer Aufnahme gleich selbst. Tote sprechen zu hören, Stimmen einzufangen, die üblicherweise nicht zu hören sind, das ist zum Beispiel Radiokunst, aber auch, Stimmen zu verwenden, die ständig zu hören sind. Wie etwa in Ror Wolfs legendärer O-Ton-Collage "Der Ball ist rund" von 1969.

Akustische Abenteuer

Akustische Abenteuer

Per Mobil-Telefon durch das Programm surfen

Über 200 Ausschnitte aus 100 Jahren Radiokunst macht die Ausstellung "radiophonic spaces" erlebbar. Hörspiele, Klangkunstwerke, O-Ton-Collagen oder sound-pieces, die sonst in den Archiven der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten schlummern. Per Mobiltelefon surfen Besucherinnen und Besucher durchs Programm, während sie sich von einer Sende-Antenne zur anderen bewegen.

Verschiedene Wege schlagen die Ausstellungsmacher vor und nennen sie vornehm "Narrative". "Remix" ist so ein Narrativ, "Plattengeschichten" ein anderes oder "Ecce Homo". Da werden unbekümmert formale, inhaltliche und technologische Kriterien durcheinander gewürfelt. Durchaus bewusst, so Nathalie Singer, die künstlerische Leiterin der Ausstellung, die außerdem dem Lehrstuhl "Experimentelles Radio" an der Bauhaus Universität in Weimar vorsteht: "Das Durcheinander hat einen Zweck: Die ganzen Facetten, die Aspekte, die da mitspielen in der Kunst des Radios mit einzufangen und auch Werke zu suchen, die einen besonderen ästhetischen Moment in der Geschichte dargestellt haben, oder Techniken verändert haben, und damit was Neues in die Welt gebracht haben, also solche Sachen herauszusuchen." Die Schau ist kein Best-Of und zeigt auch keinen Querschnitt durch die Radiokunst seit 100 Jahren. Sie konzentriert sich auf Ausnahmeproduktionen, die die Grenzen des ästhetischen Mediums verschoben haben oder sie hörbar machen.

Warum gibt es keinen einzigen US-Podcast?

Was die Auswahl der historischen Werke angeht, ist nicht viel zu kritteln. Schwierig wird's mit der Gegenwart: Warum ist zum Beispiel René Pollesch vertreten, aber kein einziger US-amerikanischer Podcast? Die machen doch auch Radiokunst! Die Auswahl traf ein Gremium aus Forscherinnen und Kritikern, dazu kamen Experten und die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die auch ein Wörtchen mitzureden hatten und das Ausstellungsvorhaben großzügig unterstützen. Das Urheberrecht schützt Radiokunst wie andere Künste auch. Aber Radiokunst ist kaum öffentlich zugänglich. Dass sich in dieser Ausstellung ein Radiokunst-Archiv öffnet, ist ein ziemlicher Knüller. Und wer viel Zeit mitbringt, kann an eigens eingerichteten Hörstationen nicht nur kurze Ausschnitte abrufen, sondern ganze Produktionen anhören.

Radiokunst sei quicklebendig, so Nathalie Singer von der Bauhaus Universität Weimar abschließend, obwohl die entsprechenden Sendeplätze im öffentlich-rechtlichen Programm - diplomatisch ausgedrückt - nicht gerade zunehmen. In das Museum abzuwandern ist da wohl nicht die schlechteste Lösung.