BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Wie das Coronavirus zu einer "Infodemie" führen kann | BR24

© picture alliance/ZUMA Press

Zugleich Pandemie und Infodemie: Mikroskopaufnahme des Coronavirus

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie das Coronavirus zu einer "Infodemie" führen kann

Das Coronavirus dominiert die Nachrichten: Die Pandemie ist längst auch eine "Infodemie". Journalismus-Professor Holger Wormer erklärt im Interview, wann ein Zuviel an Informationen erreicht ist – und wie man Verschwörungstheorien vorbeugt.

Per Mail sharen
Teilen

Gerüchte verbreiten sich mitunter so schnell wie Grippeviren, erst recht im Netz. Nicht umsonst sagt man, dass bestimmte Inhalte im Netz viral gehen, was freilich nicht nur für Fake News, sondern auch für brisante Fakten gelten kann. Angesichts der Rasanz der Verbreitung und der Lawine an Infos, die dabei losgetreten wird, ist es allerdings nicht immer leicht, Fiktion und Fakten, Gerüchte und Gehaltvolles voneinander zu trennen. Zu beobachten ist das derzeit wieder im Fall des Coronavirus, das im Dezember in China ausgebrochen ist. Zur Rede von der Pandemie ist nun die von einer Infodemie gekommen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beklagt, dass neben richtigen Aussagen zum Coronavirus auch eine Menge Falschinformationen kursieren. Christoph Leibold hat mit Professor Holger Wormer vom Lehrstuhl für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund über das Thema gesprochen.

Christoph Leibold: Bei ihnen gibt es das Projekt "Mediendoktor", das die Wissenschaftsberichterstattung kritisch unter die Lupe nimmt, also auch den Medizinjournalismus. Kann man denn in Bezug auf das Coronavirus schon von einer Infodemie sprechen? Und wenn ja, woran würden Sie das festmachen?

Holger Wormer: Es wäre unseriös, das genau zu beurteilen, ohne konkrete Zahlen ausgewertet zu haben. Gleichwohl kann man sagen, dass wir uns in der Frühphase der Berichterstattung die klassischen Medien angeschaut haben – Qualitätsmedien, also nicht die mit den ganz dicken Buchstaben. Und da muss man sagen: Die waren in den allermeisten Fällen durchaus zurückhaltend und haben auch vor Panik gewarnt. Daran lässt sich nicht viel aussetzen. Dass die WHO gerade jetzt von einer Infodemie in den Sozialen Medien spricht, verwundert auch ein bisschen, denn eine Infodemie haben wir ja schon, seitdem wir mehr oder weniger tatenlos zusehen, wie den klassischen Qualitätsmedien die Werbeeinnahmen weggebrochen sind. Seit zum Beispiel Tageszeitungen schwächer werden, haben wir einen Zuwachs von unseriösen Informationen, die nicht mehr durch bestimmte Kontrollmechanismen geprüft werden. Das wird jetzt im Falle des Coronavirus wieder einmal besonders sichtbar. Aber das ist natürlich etwas, das wir bisher in vielen anderen Fällen – Beeinflussung von Wahlen zum Beispiel – auch seitens der Politik mehr oder weniger billigend in Kauf genommen haben. Insofern ist die aktuelle Situation in Sachen Coronavirus zwar vielleicht ein Weckruf – aber eigentlich zeigt es auch nur, dass wir medienpolitisch in den letzten Jahren grandios versagt haben in Deutschland.

Wenn wir trotzdem beim engeren Fall des Coronavirus bleiben: Die WHO hat angekündigt, mit Google zusammenzuarbeiten, damit WHO-Infos bei Suchanfragen an oberster Stelle erscheinen. Sie sagen aber: Eigentlich geht es auch um die sozialen Medien. Wie erfolgversprechend ist dann der Schritt der WHO?

Sie haben ein grundsätzliches Problem, wenn Sie zulassen, dass etwas wie das Netz mit Falschinformationen – und ich bleibe jetzt mal im Bild – regelrecht verseucht wird. Hinterher müssen Sie das Ganze mühsam wieder wegräumen. Das ist so ähnlich, wie bei einer Kläranlage: Die beste Kläranlage kann vielleicht einiges beseitigen. Aber es ist immer besser, von vornherein dafür zu sorgen, dass ein bestimmter Unsinn – oder bei einer Kläranlage ein bestimmter Dreck – dort erst gar nicht hineinkommt. Dazu müsste man aber viel mehr tun, um eben die Informationen seriöser Medien im Netz zu fördern und Fehlinformationen zu ahnden. Wenn sich eine falsche Information erst mal festgesetzt hat, auch in den Köpfen, dann ist es unheimlich schwer, diese Falschinformation wieder herauszubekommen. Das ist wissenschaftlich belegt.

Früher gab es den Slogan "Vorbeugen ist besser als Heilen". Ist es das, was sie als Marschroute ausgeben?

Genau.

Wenn es aber zu spät ist vorzubeugen? Mediziner müssen sich Gedanken machen, wie man ein Virus eindämmt. Wie dämmt man eine Infodemie ein, wenn sie nun schon ausgebrochen ist?

Man muss sich dann vielleicht auch wieder als Verbraucherin oder Verbraucher auf die klassischen Qualitätsmedien besinnen. Ich bin hierher ins Studio gefahren mit einer klassischen Zeitung. Da sind Sie heutzutage fast der Einzige, der sowas aufschlägt. Die kostet 3,20 Euro im Einzelverkauf und kommt aus München. Da fühle ich mich gut informiert. Aber wenn die Leute nun glauben, dass sie alles gratis im Netz bekommen und dort seriöse Informationen erhalten, ist das ungefähr so, wie wenn man in ein Restaurant geht und ein ordentliches Gericht erwartet, obwohl auf der Speisekarte bei den Preisen überall Null Komma Null Euro steht. Das heißt, man kann einfach nur appellieren, dass die Leute sich besinnen auf die geprüften Informationen, die ihnen eine Reihe von Qualitätsmedien zur Verfügung stellen. Übrigens, auch mit der WHO ist es durchaus ein Problem. Die WHO ist auch eine in weiten Teilen politische Organisation. Auch die WHO hat Interessen. Deswegen war es die Grundidee des Journalismus, externe Beobachter zu haben, die die Dinge fundiert einschätzen. Vertreter der WHO haben zum Beispiel zu Zeiten der SARS-Epidemie hinterher mehr oder weniger durch die Blume zugegeben, dass sie die Lage etwas dramatischer kommuniziert haben, als es eigentlich der wissenschaftlichen Seriosität entsprochen hätte – mit dem Ziel, die Ausbreitung des Virus damals einzudämmen. Es ist also nicht damit getan, dass man sagt, wir haben starke Institutionen, die dämmen die Informationen ein. Denn das kann schnell zur Zensur führen, wie wir das ja wiederum in China sehen.

© wissenschaftsjournalismus.org

Holger Wormer vom Lehrstuhl für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund

Sie haben vorhin die klassische Zeitung erwähnt. Sie reden hier mit einer klassisch öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. Und ich möchte selbstkritisch fragen: Inwiefern kann auch faktisch richtige Information zu einer Infodemie beitragen? Beim Coronavirus bekommen wir momentan jeden einzelnen Infizierten in Bayern nachrichtlich gemeldet. Würde jeder Grippeerkrankte gemeldet, bliebe kaum mehr Zeit für andere Nachrichten. Und dass jeder und jede einzelne am Coronavirus Erkrankte per Eilmeldung verkündet wird, das schafft ja auch Panikpotenzial, oder?

Ja, selbstverständlich. Natürlich ist das ein Dilemma. Die Leute interessiert dieses Thema, die Leute wollen Informationen dazu, und die liefert natürlich auch der klassische Journalismus. Aber Sie haben völlig Recht: Man muss sich überlegen, ob wirklich jede einzelne Meldung Nachrichtenwert hat. Oder ob man es nicht doch unter den Tisch fallen lässt, beziehungsweise weiter beobachtet, bis eine Nachricht daraus wird. In der Frühphase der Berichterstattung zum Coronavirus hat eine meiner Studierenden mal einen Blick auf die Berichterstattung geworfen. Da war auffällig, dass überall stand: "Keine Panik, keine Panik!" Aber natürlich ist das so, als würden Sie mit jemandem durch einen dunklen Park laufen und Ihr Begleiter sagt ständig: "Keine Angst, keine Angst! Hier kann nichts passieren!" Natürlich fangen Sie dann an zu überlegen, ob nicht doch etwas passieren könnte.

Wobei das Dilemma – Sie haben es angesprochen – dann doch immer bleibt: Wenn man einzelne Fälle nicht meldet, gibt man schnell Verschwörungstheorien Raum, und es heißt: "Die Wahrheit wird von den Behörden und den Medien verschwiegen!"

Das Problem ist, wie kann man darauf reagieren? In dem Moment, in dem Sie sagen, diese und jene Information sei falsch, machen Sie erstens all jene, die diese Fehlinformation noch gar nicht gesehen haben, darauf aufmerksam. Das heißt, Sie erhöhen die Reichweite der Fehlinformationen. Und zweitens – und das hat mit unserem Gehirn und unserer Wahrnehmung zu tun – ist die Verneinung etwas, das relativ schnell verblasst. Das heißt, selbst wenn Sie sagen: "Nein, es ist nicht so, wie da oder dort behauptet wird!", wiederholen Sie die Behauptung. Und dadurch, dass Ihr Gehirn das Wort "nicht" nicht so stark speichert wie die eigentliche Information, haben Sie den Effekt, dass selbst bei solch einer Korrektur das, was eigentlich falsch war, noch verfestigt wird.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen ... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!