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Wie China gegen die Uiguren vorgeht | BR24

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Totale Überwachung, massive Einschüchterung und "Umerziehungslagern": China geht mit aller Härte gegen die muslimischen Uiguren vor. Die Betroffene Gülzyra Taschmamat hat Angst um ihre Schwester im Lager und berichtet aus erster Hand.

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Wie China gegen die Uiguren vorgeht

Totale Überwachung, massive Einschüchterung und "Umerziehungslagern": China geht mit aller Härte gegen die muslimischen Uiguren vor. Die Betroffene Gülzyra Taschmamat hat Angst um ihre Schwester im Lager und berichtet aus erster Hand.

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Gülzyra Taschmamat ist davongekommen, der Zwangsmaschine entronnen. Seit neun Jahren lebt sie in München. Aber was heißt das schon, wenn man nicht weiß, wie es den Eltern und dem Bruder geht und die Schwester in einem Umerziehungslager verschwunden ist: "Sie müssen in einem sehr kleinen Zimmer schlafen, bekommen nur wenig Schlaf. Und sie haben kein Essen bekommen. Sie wird geschlagen und sie nimmt jede Woche einmal eine Spritze, sie bekommt überhaupt keine Periode mehr. Und sie müssen nackt vor die Polizisten treten, das war ein sehr schlechtes Gefühl für mich, und ich denke immer an meine Schwester, ob sie sich schlecht fühlt oder welche psychologischen Probleme sie hat, weil sie in diesem Lager sicher welche hat."

Kinder müssen Chinesisch lernen

Immer wenn Gülzyra Taschmamat von ihrer Schwester erzählt, ist es so, als schiebe sich ihre Heimat Xinjiang im äußersten Westen der Volksrepublik China wie ein böser Traum vor die Wirklichkeit. Bis 2010 hat die 33-Jährige Informatikerin in der mittelgroßen uigurischen Stadt Gulja nahe der kasachischen Grenze gelebt: "Ich habe immer das Gefühl, ich bin immer zweite Klasse, auf der Bank oder in der Post. Und die Kinder müssen in Kinderlager, da gibt es Kinder von sechs Monaten bis sechs Jahren, sie müssen Chinesisch lernen, chinesische Kleidung tragen und manchmal auch Schwein essen, das bedeutet für uns sehr großen Druck."

Die Uiguren sind eine muslimische Minderheit in China, ein Turkvolk mit eigener Sprache und Schrift und einer großen Kulturtradition, die bis heute hochgehalten wird. Nach Lesart der Chinesen wurde die Provinz Xinjiang von den Sowjets befreit, der Name bedeutet denn auch nüchtern-sachlich einfach nur "Neues Grenzgebiet". Nach Lesart der Uiguren wurde Ost-Turkistan, wie sie ihre Heimat nennen, okkupiert. Die Region stand wechselweise unter sowjetischem und chinesischem Einfluss, und war zweimal unabhängig, 1933 bis 1934, und 1944 bis 1949 bis zum Einmarsch der chinesischen Volksarmee. Die Sowjets allerdings hatten die Freiheitskämpfer und Rebellen in der Zweiten Republik Ostturkestan allerdings tatkräftig unterstützt.

Zynische Degradierung der Kultur

Viele Uiguren wünschen sich bis heute einen unabhängigen Staat und dagegen geht China mit brutaler Härte vor: "Seit drei Jahren ist es für uns Uiguren sehr schlecht geworden. Wir dürfen nicht unsere Muttersprache sprechen, nicht traditionelle Kleidung tragen und auch nicht tanzen. Viele Han-Chinesen tanzen unsere traditionellen Tänze, sie haben auch eine Tanzgruppe, sie haben auch unsere Musik gelernt und sie tanzen jetzt unsere Sachen und die Uiguren sind im Lager festgehalten."

© Simina Mistrenau/dpa

Hochburg der Uiguren: Kaschgar

Eine zynische Degradierung der Kultur zur bunten Folkloreveranstaltung. Mehr als 10 000 Moscheen wurden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen zerstört, Mausoleen bedeutender islamischer Gelehrter werden in touristische Vergnügungsstätten verwandelt und uigurische Intellektuelle müssen, wenn sie nicht schon in Lagern verschwunden sind, Han-Chinesinnen heiraten. Und das fröhlich harmlos klingende Programm "Familie werden" sieht vor, dass der Staat offizielle Kader bei den Uiguren zuhause einquartiert: "Wir müssen mit ihnen wohnen und zusammen schlafen und zusammen essen. Aber wir dürfen nicht nach ihrem Namen fragen und sie müssen alles wissen, was wir arbeiten und wie viel Geld wir haben. Wir wollten für unsere Identität kämpfen und deswegen hat die chinesische Regierung Angst, das ist kein religiöses Problem, das ist eine Katastrophe."

Kontakte zum Ausland sind verboten

Natürlich steht auch das ganze öffentliche Leben unter Kontrolle, es ist ein lückenloses Überwachungssystem. Ein Uigure tut keinen unbemerkten Schritt und tätigt keinen Anruf, der nicht mitgehört würde. Eine Politik der Einschüchterung, Entmündigung und Gängelung, der niemand entkommt. Gülzyra Taschmamat hat Fotos mitgebracht. Von ihrer Schwester, von der es kein Lebenszeichen mehr gibt, von ihrer 23-Jährigen Schwägerin, die zu 19 Jahren Haft verurteilt wurde, genauso wie die Schwiegermutter. Ihre Cousine hatte etwas Glück – sie ist zu nur neun Jahren Gefängnis verurteilt worden. Allen wird vorgeworfen, Kontakte zum Ausland zu haben. Und das ist in der Region verboten.

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