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Wie Buchhandlungen und Verlage auf die Corona-Krise reagieren | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: picture alliance/Uwe Zucchi/dpa

"Geschlossen" steht auf dem Schild einer Buchhandlung in Kassel. Buchhändlerinnen und Buchhändler in Deutschland – und mit ihnen die Verlage – stehen vor gewaltigen Herausforderungen.

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Wie Buchhandlungen und Verlage auf die Corona-Krise reagieren

Geschlossene Geschäfte, keine öffentlichen Lesungen, zurückgezogene Bücher: Auch der Buchhandel wird hart von den Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie getroffen. Verlage und Buchhändler blicken mit gemischten Gefühlen auf die kommenden Wochen.

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Die Buchbranche musste erst die Absage der Leipziger Frühjahrsmesse verkraften, nun haben seit zwei Wochen die Buchhandlungen fast überall in Deutschland in Folge der Corona-Pandemie geschlossen, abgesehen von Berlin und Sachsen-Anhalt. Trotzdem: Die Buchhändlerinnen und Buchhändler sind für ihre Kunden erreichbar, telefonisch, ebenso per E-Mail oder auch mit Auftritten in den Sozialen Netzwerken. Viele Geschäfte bieten zudem Beratungen am Telefon an, darunter die Würzburger Buchhandlung Knodt.

"Wir haben so die Möglichkeit, mit unseren Kunden im Kontakt zu bleiben", sagt Mitinhaberin Elisabeth Stein-Salomon. Sie und ihre Mitarbeiter liefern die bestellten Bücher aus oder verschicken sie mit der Post. Ebenso gibt es eine Kooperation mit einer Apotheke in der Nachbarschaft, dort wurde ein Abholfach eingerichtet. Nach Einschätzung der Buchhändlerin ließen sich auch neue Kunden auf diesem Wege finden. "Der Wert des Lokalen wird den Menschen mehr und mehr bewusst", sagt Elisabeth Stein-Salomon. Und: "Ich glaube, unser Berufsstand hat in dieser Situation gewonnen."

Weniger Verkauf, aber treue Kunden

Dennoch werden im Augenblick weniger Bücher gekauft. Der Ausfall vieler Veranstaltungen wird sich in den Bilanzen bemerkbar machen, darunter womöglich auch der des Festivals "Würzburg liest ein Buch". Elisabeth Stein-Salomon ist Mitinitiatorin der großen Lese-Aktion, die sich in diesem Frühjahr Max Mohrs Roman "Frau ohne Reue" widmen wollte. Immerhin: Das Lesefestival konnte auf das kommende Jahr verschoben und so auch gerettet werden. Seit dem vergangenen Sommer haben die Organisatoren, darunter fünf Würzburger Buchhandlungen, am Programm gearbeitet.

Auch Michael Lemling, Geschäftsführer der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl, kann derzeit keine Lesungen anbieten. Und auch er und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind trotz geschlossener Buchhandlung für die Kunden da und bieten tagsüber telefonische Beratungen an. "Die Kunden bleiben uns treu", sagt Lemling. "Das, was wir in den vergangenen Jahren gemacht haben, zahlt sich nun aus." Zudem erlebt er eine deutliche Zunahme bei den Bestellungen auf der Online-Seite der Buchhandlung. Die Bücher werden im näheren Umkreis ausgeliefert und ebenso mit der Post verschickt.

Und trotzdem: die Umsätze gehen zurück. Michael Lemling erzählt, nach dem Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen in Bayern konnte er an einem Tag 60 Prozent des normalen Umsatzes erzielen. In diesen Tagen und Wochen ein Erfolg und für den Buchhändler mehr als nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Seit dem 1. April sind die Beschäftigten bei Lehmkuhl in Kurzarbeit. So will Lemling die Einschnitte in der kommenden Zeit abfedern. Seine Botschaft an die Kunden: "Die Buchhandlung Lehmkuhl funktioniert."

© Buchhandlung Lehmkuhl / privat

Täglich am Telefon erreichbar: Das Team der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl um Michael Lemling (2. von rechts)

Der Buchhändler als Fahrradkurier

Nicht jede Kollegin oder jeder Kollege kann nach den ersten zwei Wochen der Ausgangsbeschränkungen ähnliches berichten. Thomas Voglgsang, Inhaber der Münchner Buchhandlung Buch & Töne, etwa erzählt, er könne derzeit in seinen beiden Geschäften bestenfalls ein Drittel des bisherigen Umsatzes erzielen. Zusammen mit zwei Kollegen versucht er alles Denkbare gegen diese Entwicklung zu unternehmen. Voglgsang nimmt telefonische Bestellungen entgegen, bearbeitet E-Mails, am Nachmittag setzt er sich auf das Fahrrad und liefert die Bücher persönlich aus, von der Isar bis zum Mittleren Ring, einer der beiden Kollegen ist derweil im Westen der Stadt radelnd unterwegs. Auch wer nur ein Taschenbuch ordert, wird beliefert.

Er erfahre ein unglaubliches Ausmaß an Solidarität durch seine Kunden, berichtet Voglgsang, voller Dankbarkeit. "Der Zuspruch für uns lokale Händler rührt mich so sehr." Dennoch ist die Frage, ob das auf längere Zeit reichen kann. Die Tage für einen Buchhändler wie Thomas Voglgsang sind lang und fordernd. Das Geld für die laufenden Kosten – Ladenmiete, Lohn etc. – müsse erst einmal erwirtschaftet werden. Unabhängig von der eigenen Situation sagt Thomas Voglgsang: Der Buchhandel sei systemrelevant. "Er ist unfassbar notwendig für unsere Gesellschaft."

Verlage verändern ihr Programm

Die Verlage in Deutschland – ebenso in Österreich und in der Schweiz – würden dieses Credo des Münchner Buchhändlers ohne Wenn und Aber unterschreiben. Auch sie spüren die Auswirkungen der Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie. Die Verlage der Bonnier-Gruppe etwa – darunter Häuser wie Ullstein oder Piper – erwarten deutliche Umsatzrückgänge und wollen daher etliche angekündigte Titel verschieben. Dennoch hoffe man auf ein halbwegs normales Herbst- und Weihnachtsgeschäft, sagte Christian Schumacher-Gebler, Geschäftsführer von Bonnier Media Deutschland in einem Gespräch mit dem Fachmagazin "Börsenblatt". Es seien derzeit keine großen Titelreduzierungen geplant. Auch für den Hamburger Kinder- und Jugendbuch-Verlag Carlsen – Teil der Bonnier-Gruppe – läuft das Geschäft erst einmal wie bislang, so Pressesprecherin Katrin Hogrebe. "Wir halten den Betrieb aufrecht, unser Programm soll wie geplant erscheinen."

Dennoch haben viele Verlage angekündigt, geplante Titel zu verschieben oder sie zunächst erst einmal nur digital – als E-Book – zu veröffentlichen. Suhrkamp zum Beispiel veröffentlicht die für den April angekündigten Novitäten elektronisch, die gebundenen Bücher sollen dann erst im Juni erscheinen. Der Münchner Hanser-Verlag hat am Mittwoch – am 1. April – Kurzarbeit eingeführt, als erstes größeres Unternehmen in der Buchbranche. Viele Titel sollen auf den Herbst oder sogar auf das kommende Frühjahr verschoben werden, so Hanser-Verleger Jo Lendle im Gespräch mit dem "Börsenblatt".

© dpa

Zunächst nur digital: Suhrkamp liefert die April-Bücher zunächst nur in elektronischer Form aus. Die gebundenen Ausgaben erscheinen erst später.

Sorge und Hoffnung bei den kleinen Verlagen

Auch die kleinen Verlage treffen entsprechende Vorkehrungen. Der Leipziger Verlag Voland & Quist hat fast sein gesamtes Herbstprogramm auf das Frühjahr 2021 verschoben, das aktuelle Programm wird in den kommenden Herbst hinein verlängert. "Wir machen einen zweiten Frühling im Herbst", sagt Verleger Sebastian Wolter. Das kleine Unternehmen, das unter anderem Nora Gomringer zu seinen Autorinnen zählt, war im vergangenen Jahr mit der Insolvenz des Großhändlers KNV konfrontiert, im März dann mit der Absage der Leipziger Buchmesse. "Jetzt hat unsere Branche ein größeres Problem", so Wolter. "Wenn diese Entwicklung weitergeht, sieht es düster aus."

Voland & Quist liefert noch Frühjahrsbücher aus, darunter eine Graphic-Novel-Adaption von Marc-Uwe Klings Roman "QualityLand". Dennoch merken Sebastian Wolter und seine Mitstreiter im Verlag einen deutlichen Rückgang der Buchverkäufe, insbesondere eben im stationären Handel. "Wir brauchen die Buchhandlungen", sagt Wolter. "Sie sind überlebenswichtig." Er hofft im Augenblick auf einen Umschwung in den kommenden Wochen: Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Ausfälle durch abgesagte Veranstaltungen

Wolters Kollegin Kristina Pöschl aus Viechtach kann im Moment noch keine direkten Einbußen verzeichnen. Sie führt zusammen mit ihrer Kollegin Eva Bauernfeind den Verlag Edition Lichtung, einen Kleinverlag, der sich seit nun drei Jahrzehnten für die Literatur insbesondere in Ostbayern engagiert. "Derzeit sehen wir noch keine Auswirkungen auf die Bestellungen", sagt die Lichtung-Verlegerin. Eine Verschiebung von Titeln sei derzeit nicht geplant.

Der kleine Verlag und auch seine Autorinnen und Autoren leben unter anderem von Lesungen. Gerade ist ein neues Buch des Oberpfälzer Schriftstellers Bernhard Setzwein erscheinen, der Band "Das gelbe Tagwerk", für den Verlag der große Titel im Frühjahr. "Geplante Lesungen wurden abgesagt", berichtet Kristina Pöschl. Für einen Schriftsteller, der auch mit öffentlichen Auftritten einen Teil seiner Einkünfte erwirtschaftet, ist das eine bittere Situation. "Unsere Autoren sind dennoch sehr engagiert", so die Verlegerin. Sie berichtet von Aktionen in den sozialen Netzwerken, auf den Seiten der Autoren. Zudem will der Verlag mit einer neuen Internet-Präsenz und mit Podcasts auf die seine Titel aufmerksam machen. "Wir suchen nach Alternativen, die Bücher ins Gespräch zu bringen." Kristina Pöschl und ihre Kollegin Eva Bauernfeind hoffen, dass neuer Lesestoff weiterhin – und in der jetzigen Situation gerade erst recht – gefragt ist.

© Herbert Pöhnl

Das Team des Lichtung-Verlags aus Viechtach: Eva Bauernfeind, Kristina Pöschl und Verlagsgründer Hubert Ettl (v.l.)

Börsenverein: Es geht um die Existenz

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels spricht mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie von geschätzten Umsatzeinbußen in Höhe einer halben Milliarde Euro im Monat für die gesamte Buchbranche. Gestern appellierte die Interessenvertretung der Buchhändler und Verleger in Deutschland an die Politik, die Hilfsmaßnahmen entsprechend zu ergänzen. In einer Erklärung heißt es, die bisherigen Hilfen könnten die zu erwartenden wirtschaftlichen Einbußen nur unzureichend abfedern. "Aufgrund der geringen Umsatzrenditen im Buchhandel sind kaum Finanzpolster vorhanden, sodass viele Buchhandlungen, Verlage, Autor*innen und Buchlogistiker existenziell gefährdet sind."

Klaus Beckschulte, Geschäftsführer des Landesverbands Bayern beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, sagt, bei den Mitgliedern brenne es derzeit. "Ich bin begeistert angesichts der Kreativität, mit der sich Buchhandlungen und Verlage im Augenblick präsentieren." Dennoch dürfe dieses tolle Engagement nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in etlichen Fällen um die Existenz gehe. Das Online-Geschäft sei derzeit gut aufgestellt. "Es kann aber nicht all das auffangen, was durch die Geschäftsschließungen im Zuge der Corona-Pandemie verloren geht. Schon gar nicht auf Jahressicht."

Der Geschäftsführer des bayerischen Landesverbandes spricht von der Gefahr einer Lähmung, sollten die derzeitigen Beschränkungen längere Zeit andauern. Zudem sorgt sich Klaus Beckschulte um die Zukunft der Auszubildenden in der Branche, die aus möglichen Kurzarbeitsprogrammen herausfallen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels empfiehlt, Bücher bei Buchhandlungen telefonisch oder auf den jeweiligen Online-Seiten zu bestellen. So können die regionalen Geschäfte unterstützt werden.

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