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Wie Berkan Karpat in Regensburg den Koran zum Klingen bringt | BR24

© Bayern 2

Mit seinen Arbeiten schafft Berkan Karpat den Spagat zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen High-Tech und Poesie. Im Regensburger donumenta ART Lab Gleis 1 macht der Performer und Künstler nun den Koran hör- und spürbar.

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Wie Berkan Karpat in Regensburg den Koran zum Klingen bringt

Mit seinen Arbeiten schafft Berkan Karpat den Spagat zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen High-Tech und Poesie. Im Regensburger donumenta ART Lab Gleis 1 macht der Performer und Künstler nun den Koran hör- und spürbar.

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"Iqra"– lautet das erste Wort der ersten Sure des Korans. Es bedeutet so viel wie: "Rezitiere!" Oder: "Lies vor!" Wichtiger als die Suren still für sich zu lesen, ist es für Muslime, sie zu hören. Das Regensburger donumenta ART Lab Gleis 1 präsentiert ab heute eine Arbeit von Berkan Karpat, die den Koran zum Klingen bringt. Die raumgreifende Licht- und Klanginstallation heißt wie die erste Sure: "Iqra". Christoph Leibold hat mit dem Münchner Performer und Künstler darüber gesprochen.

Christoph Leibold: Wie klingt der Koran für Sie ganz persönlich?

Berkan Karpat: Der Koran klingt für mich persönlich wunderschön und tief ergreifend. Es ist ein mich in allen Phasen berührendes Werk. Es kann mich manchmal so tief erschüttern, dass ich in Tränen ausbreche. Und manchmal ist es auch ein Schmunzeln, das erzeugt wirkt. Es ist ein vielfältiges und emotionales Moment.

Nun geht es in Ihrer Arbeit aber nicht nur darum, den Koran zu hören, sondern ihn auch zu spüren. Wie funktioniert das?

Es ist so, dass eine Feldstärkenmessung angestrebt wird. Das heißt: In einer Flüssigkeit werden die Sure 96, die mit "Iqra" beginnt, also "Trage vor!", und die letzte Sure 114 in zwei verschiedenen Behältern eingeschlossen, die mit Wasser gefüllt sind. Diese Feldstärkemessung ist eine physikalische Messung…

…aber Moment! Wie sperrt man eine Sure oder einen Text in den Kammern ein?

Es handelt sich um ein Plastikgefäß, einen Kubus, der mit Wasser gefüllt ist, mit zwei getrennten Kammern. Und darin ist, sozusagen auf Folie gedruckt, eine Miniaturausführung vom Koran, der 1924 so gedruckt worden ist. Das ist quasi der Inhalt dieser zwei Kammern.

© Raoul Amaar Abbas

In seinen Installationen gelingt Berkan Karpat der Spagat zwischen Kunst und Wissenschaft.

Und was passiert nun mit diesen zwei Kammern?

Man kann durch einen Schalter in der einen Kammer eine Frequenzmessung beziehungsweise eine Feldstärkemessung machen. Und wenn umgeschaltet wird, dann in der anderen Kammer. Bei dieser Feldstärkemessung passiert dann Folgendes, dass dieses abgenommene Signal auf Tonträger übertragen wird, und das wiederum fängt dann an zu schwingen. Dann bekommen sie über Lautstärke Übertragung einen Klang. Und was dann passiert, ist, dass die physikalische Veränderung des Wassers den Koran vorträgt.

Welche Rolle spielt dabei der Ort? Das donumenta ART Lab Gleis 1 befindet sich am Regensburger Hauptbahnhof, einem Durchgangsort.

Das ganze Leben ist doch ein Durchgang, oder? Durch eine Türe kommt man rein, durch die andere geht man. Und durch diese Unterführung, die vielleicht das Leben ist, gehen wir auch durch und erleben dann vielleicht einen Moment der Offenbarung für uns selbst. Der Prophet selber hat sich ja zurückgezogen in eine Höhle und hat dort vom Erzengel Gabriel die erste Sure vermittelt bekommen. Und einen ähnlichen Zustand haben wir, wenn wir uns zurückziehen in dieser Unterführung

© Archiv Berkan Karpat

Der Koran als ästhetisches Manifest steht im Mittelpunkt der für Regensburg konzipierten Licht- und Klanginstallation IQRA

Lesen ist ein intellektueller Vorgang, Hören und Spüren ein eher sinnliches Erlebnis, das damit einen anderen Zugang erlaubt – in dem Fall zum Koran. Was bedeutet das – zumal heute – wo der Koran auf der einen Seite von Teilen des politischen Islams instrumentalisiert wird, um Gewalt zu rechtfertigen, und auf der anderen von Teilen der deutschen Mehrheitsgesellschaft missbraucht wird, um die angebliche Rückständigkeit einer Religion zu belegen?

Es gibt da ein tiefes Missverständnis. Wenn man "Iqra" übersetzt als „Lies!“, dann hat man tatsächlich etwas, was einem Buch nahekommt. Es heißt aber: "Trage vor! Rezitiere es! Sprich es aus! Lass es erklingen!" Und mit jeder Stimme entsteht ein Koran. Das heißt, es gibt nicht einen einzigen Koran, der wie ein Lesebuch zu behandeln ist. Eine Sure, ein Vers, nimmt einen Bezug zu einer anderen Sure. Man kann nicht vorne anfangen und den Koran bis zum Ende durchlesen. Das ist kein Lesebuch, es ist ein Buch, das tatsächlich zutiefst zum Erklingen gebracht und erspürt werden muss. So ist das Wort als klingender Prozess wesentlicher als ein intellektueller, rationaler Prozess, den man erst in der zweiten Linie beginnt.

Verstehen Sie Ihre Installation auch als ein Stück Aufklärung. Oder wäre Ihnen das zu plump?

Die Aufklärung hat eine Schwierigkeit, das hat auch Adorno schön beschrieben in seiner Kritik: Der Verstand lässt sich nach allen Richtungen benutzen, so konnte aus der Aufklärungskultur auch Hitler herauswachsen. Aufklären möchte ich gar nicht. Wenn, dann möchte ich einen sinnlichen Moment schaffen und einen Erlebnisprozess auslösen bei jedem Betrachter, der kommt.

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