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Wie bei Sexszenen die Grenzen der Schauspieler geschützt werden | BR24

© Sam Taylor/Netflix

Am Set der Netflix-Serie "Sex Education" war stets eine Intimitätskoordinatorin zur Stelle, um den jungen Cast bei Sexszenen anzuleiten.

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    Wie bei Sexszenen die Grenzen der Schauspieler geschützt werden

    Wer wird wo angefasst? Wie viel nackte Haut ist zu sehen? Intimitätskoordinatoren sorgen dafür, dass beim Dreh vom Sexszenen die Grenzen aller Beteiligten respektiert werden. Das ist auch Ausdruck eines Kulturwandels in der Filmbranche nach #MeToo.

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    Damit Sexszenen möglichst natürlich und entspannt rüberkommen, waren lange Zeit Valium und Alkohol die einzigen Hilfsmittel, mit denen Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Nerven beruhigen konnten. Ita O’Brien hat eine andere Idee: Sie setzt auf Kommunikation, Choreografie und ganz klare Richtlinien.

    O’Brien ist in Europa die Fachfrau für intime Szenen in Film und Fernsehen. Als sogenannte Intimitätskoordinatorin ist sie, zusammen mit ihrem Team, zur Zeit sehr gefragt: Sie vermitteln zwischen Regisseuren und Darstellern und sorgen für ein gutes Arbeitsklima in einer oft unangenehm entblößenden Situation. Traumatische Erfahrungen, unabsichtliche Übergriffe und emotionale Schäden sollen so verhindert werden: "Wenn man mit seinem privaten Körper arbeitet, riskiert man, sich verlegen, belästigt und sogar misshandelt zu fühlen, weil nicht angemessen mit einem umgegangen wurde. Und das kann Schauspieler langfristig beeinträchtigen, wie eine Verletzung."

    Damit es auf den Bildschirmen knistert, wird jeder Handgriff geplant

    Am Set der Netflix-Serie "Sex Education" hat sie mit den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern gearbeitet. In einer Szene mündet eine Schlägerei zwischen zwei Darstellern in Oralsex. Die beiden Männer rollen über den Boden, liegen aufeinander und spucken sich erst ins Gesicht, bevor sie sich leidenschaftlich küssen.

    Auf dem Bildschirm scheint es, als hätten sie sich wirklich gegenseitig angespuckt – die beiden Darsteller wollten das aber nicht tun. Um die Idee der Regisseurin in Einklang mit den Wünschen der Darsteller zu bringen, wird Ita O’Brien erfinderisch: "Wir hatten einen Schauspieler hier – die Kamera da – und vor ihm ein Blatt Papier. Sie haben mit voller Kraft auf das Papier gespuckt, die Maske hat dann eine Substanz aus Glycerin auf der Wange verteilt und das hat so gut funktioniert, dass selbst ein Produzent nicht gemerkt hat, dass die beiden sich nicht wirklich gegenseitig angespuckt haben."

    Das A und O ist Kommunikation: O'Brien und andere Intimitätskoordinatorinnen und -koordinatoren versachlichen den Sex am Set. Sie halten die Beteiligten dazu an, neutral über sexuelle und intime Inhalte zu sprechen. Körperteile werden bei ihrem korrekten Namen genannt und weder verniedlicht noch objektifiziert. Sie sprechen die Szenen mit den Schauspielern genauestens durch und proben sie bekleidet, aber ohne Kamera. Immer vorausgesetzt: das beidseitige, laut ausgesprochene Einverständnis, das jederzeit zurückgenommen werden kann.

    Grenzen benennen und respektieren

    Es geht darum, von Anfang an Grenzen zu respektieren und Unsicherheiten auszuräumen – ähnlich wie bei der Arbeit eines Stuntkoordinators, sagt Ita O'Brien: „Wenn jemand vom Pferd fallen soll, dann werden Matten ausgelegt und sichergestellt, dass die Darsteller reiten können. Stunt-Koordinatoren gewährleisten so, dass die Vision des Regisseurs umgesetzt werden kann.“

    Die Richtlinien der Intimitätsexperten beziehen deshalb fast alle Gewerke am Set mit ein. Beim Dreh von Sexszenen sollen nur so viele Menschen am Set sein wie nötig und Hilfsmittel wie Genitalprothesen und Schutzkissen zur Verfügung stehen. Mit den Drehbuchautoren, Regisseuren und Kameraleuten sprechen Intimitätskoordinatoren die intimen Szenen Schritt für Schritt durch: Was motiviert die Charaktere, warum verhalten sie sich wie, welche Funktion hat die Szene für die Handlung und wie fängt die Kamera diese Bilder ein? Noch ist dieser Prozess am Set sehr ungewohnt.

    © Teresa Marenzi

    Julia Effertz ist die erste deutsche Intimitätskoordinatorin.

    Auch in Deutschland. Hier bemühen sich der Bundesverband Schauspiel und der Gleichstellungsverein Pro Quote Film um eine branchenweite Verpflichtung, Intimitätskoordinatoren bei Sexszenen einzusetzen. Die Schauspielerin und Filmemacherin Julia Effertz hat sich als erste Deutsche von Ita O’Brien zur Intimitätskoordinatorin ausbilden lassen. Als Schauspielerin kennt sie die Unsicherheit diesen intimen Szenen. "Das ist einfach die große Unbekannte. Und so war‘s immer – als Schauspieler wusste man nicht, wie spreche ich jetzt darüber, wie spreche ich den Regisseur an. Und auch für Regisseure war's bisher nicht leicht, weil man sowas bisher in der Ausbildung nicht lernt.“

    Sorgen um die natürliche Chemie

    Trotzdem sind einige Filmschaffende, Darstellerinnen und Darsteller skeptisch. Sie fürchten, dass authentische Reaktionen und die natürliche Chemie zwischen den Schauspielern durch genaue Absprachen, Proben und Choreografien eingeschränkt werden. Julia Effertz widerspricht: "Im Gegenteil, es befreit den Schauspieler. Denn niemand möchte mit einem Schauspieler arbeiten, der sich unwohl fühlt, der Angst hat, oder der nicht frei aufspielen kann." Das öffne Tür und Tor für Grenzüberschreitungen und Verletzungen: "Ansonsten ist es ja irgendein schwammiges Improvisieren, wo keiner weiß, wo jetzt die Hand hin muss."

    Effertz' Mentorin Ita O’Brien ist sich sicher: Mehr Respekt und Transparenz am Set könnten den durch #MeToo angestoßenen Kulturwandel in der Filmbranche unterstützen – und das Berufsfeld für alle Beteiligten verbessern.

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