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7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht lesen und schreiben. Weil Analphabetismus ein Tabuthema ist, verheimlichen sie oft ihre Schwäche, erfinden Notlügen und mogeln sich durch den Alltag.

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Wie Analphabeten als Erwachsene lesen und schreiben lernen

7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht lesen und schreiben. Weil Analphabetismus ein Tabuthema ist, verheimlichen sie oft ihre Schwäche, erfinden Notlügen und mogeln sich durch den Alltag. Lese- und Schreibkurse sollen ihnen helfen.

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Zwei Mal in der Woche arbeitet Franz Huber in einem kleinen christlichen Verlag, der Kalender herstellt. Franz ist 65 und Analphabet. Die Erklärung für seine Lese- und Rechtschreibschwäche sieht er in seiner Schulzeit. "Ich bin hinten gesessen, die anderen vorne. Die sind dran gekommen und ich nicht. Dann hieß es, so jetzt gehen wir wieder heim." So verging Tag für Tag. "Da waren so viele Kinder, dass man nicht immer drankommt." Nach der ersten Klasse wechselte Franz Huber auf eine Sonderschule.

Die Kunst, nicht aufzufliegen

Wie viele Analphabeten hat Franz Huber gelernt, im Alltag zu verbergen, dass er nicht lesen und schreiben kann. Dazu gehört vor allem das Auswendiglernen, etwa den Einkaufszettel, wenn ein Kollege darum bittet, etwas aus dem Supermarkt mitzunehmen. Oder den Weg nach Hause, um sich nicht zu verlaufen. Den S-Bahn-Fahrplan zu seiner ehemaligen Arbeitsstelle kann Franz Huber noch heute aufsagen, Haltestelle für Haltestelle, von Kirchseeon bis zum Münchner Ostbahnhof.

"Die Strategien von Betroffenen sind Ausreden: Ich habe Probleme mit den Augen oder ich habe heute meine Brille vergessen. Oder sie fragen jemanden: Können Sie mir das ausfüllen, ich versteh das nicht?" Josef Sand, Dozent an der Münchner Volkshochschule

Das Leben von Analphabeten ist oft geprägt von Sorgen und Notlügen. Aus Angst, Formulare ausfüllen zu müssen, verschieben sie Besuche beim Arzt oder auf dem Amt. Sie lehnen Beförderungen im Beruf ab, weil sie befürchten, dass ihre Schreibkenntnisse auf die Probe gestellt werden könnten.

"Alle deutschen Analphabeten, die ich kenne, sind durch die Schule gegangen", sagt Josef Sand, der Lese- und Schreibkurse an der Münchner Volkshochschule gibt. "Wir haben mit diesen Menschen erst in späteren Jahren zu tun, meist sind sie schon im Beruf und merken, dass es hapert mit Lesen und Schreiben und sie Schwierigkeiten haben."

Lesen und Schreiben lernen als Erwachsener

Auch Franz Huber startet in der kostenlosen Lernwerkstatt der Münchener Volkshochschule noch einmal einen Versuch, lesen und schreiben zu lernen. Lange Zeit hat er sich unbemerkt durch die Arbeitswelt gequält, als Gärtner, als Schlosser oder als Schreiner. Erst in seinem Job als Buchbinder fühlt er sich gut aufgehoben - hier steht er von Anfang an zu seiner Schwäche.

"Da hat keiner gesagt, du hast das murksig gemacht, sondern du hast das super gemacht. Und jetzt klebe ich weiter Bücher", sagt Franz Huber. Für seinen Vorgesetzten Nikolaus Obersteiner von der Firma "weekview", war von Anfang an klar, "dass Franz nicht alles machen kann, aber dass er totale Freude hat, seine Sachen zu machen. Er braucht Gemeinschaft."

"Es ist deprimierend, wenn Betroffene sagen, es ist doch nicht das Richtige für mich", sagt der Lese- und Schreib-Dozent Josef Sand. Wenn sie nicht durchhalten und seinen Kurs oder andere Alphabetisierungs-Angebote abbrechen. Franz Huber hält durch und darauf sind er und seine Kollegen stolz. Beim Lesen und Schreiben hat er schon Fortschritte gemacht, doch es bleibt ein langer Lernprozess.

"Es ist nie zu spät": Diese und andere Geschichten sehen Sie in STATIONEN am 27. November 2019 im BR Fernsehen oder in der BR Mediathek.