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Widerstand im Namen Gottes: die Zeugen Jehovas im Dritten Reich | BR24

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Zeugen Jehovas stehen heute wegen ihrer Missionstätigkeit an der Haustüre oft in der Kritik. Doch unabhängig von ihren Glaubensinhalten ist bemerkenswert: Sie haben die Nazi-Herrschaft zu keiner Zeit mitgetragen. Dafür wurden sie gnadenlos verfolgt.

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Widerstand im Namen Gottes: die Zeugen Jehovas im Dritten Reich

Sie klingeln an Haustüren, um über Gott zu reden: Die Zeugen Jehovas sind vor allem für ihre Missionsarbeit bekannt. Weniger bekannt ist, dass die Glaubensgemeinschaft zu keiner Zeit die Nazi-Herrschaft mittrug. Dafür wurde sie gnadenlos verfolgt.

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Den Zeugen Jehovas galt von Anfang an die Kampfansage der Nationalsozialisten. Zwar hatte die Glaubensgemeinschaft, die sich damals "Ernste Bibelforscher" nannte, im Deutschen Reich nur etwa 25.000 Mitglieder. Dennoch stufte das Hitler-Regime sie als "gefährliche Staatsfeinde" ein, wie aus einem Dokument an die bayerische Polizei 1936 hervorgeht.

NS-Regime: "Ernste Bibelforscher" sind staatszersetzende Sekte

Darin heißt es: "Die Gefahr, die von Seiten der Ernsten Bibelforscher dem Staate droht, ist nicht zu unterschätzen, umso mehr, als die Anhänger dieser staatszersetzenden Sekte jeder staatlichen Ordnung und Einrichtung auf Grund ihres ans Unglaubliche grenzenden religiösen Fanatismus äußerst feindlich gegenüberstehen."

Ein Grund für diese Kampfansage sei gewesen, dass die Zeugen Jehovas den Nationalsozialisten als eine internationale Organisation besonders bedrohlich erschienen, sagt Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München: "Man hat verbreitet, dass die Zeugen Jehovas von einem internationalen Weltjudentum finanziert wurden, was natürlich alles nicht stimmte."

Zeugen Jehovas: Teil einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung

Um die "Ernsten Bibelforscher" rankten sich bereits in der Weimarer Zeit abstruse Verschwörungstheorien. Die Bewegung, die in den USA ihre Wurzeln hatte, war vielen suspekt. Die große Bedeutung, die das Alte Testament, also die hebräische Bibel für die Zeugen Jehovas hatte sowie ihr Gebrauch des Gottesnamens "Jehova" – all dies sprach aus völkischer Sicht dafür, dass die Bibelforscher Teil einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung waren.

Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 waren die Zeugen Jehovas deshalb die erste Glaubensgemeinschaft, die verboten wurde. Das schnelle Vorgehen gegen die Bibelforscher war aber auch einer anderen Sache geschuldet. Nämlich dem Bemühen des Regimes um ein Einvernehmen mit den beiden großen Kirchen, sagt der Dresdner Historiker Gerald Hacke.

Kirchen unterstützten Verbot der Zeugen Jehovas

In den ersten Monaten habe man noch strategische Zugeständnisse an innerparteiliche Strömungen und potenzielle Bündnispartner machen müssen, so Hacke: "Und da trafen sich die Interessen der völkisch antisemitischen Rechten und den beiden Großkirchen, die in den Zeugen Jehovas eine unliebsame und bisweilen auch aggressive Konkurrenz sahen."

In der Weimarer Republik hatten sich die Kirchen einen regelrechten Schlagabtausch mit den Zeugen Jehovas geliefert. Das prompte Vorgehen des neuen Staates gegen die Bibelforscher begrüßten sie. Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche hatten über die Kultusministerien der Länder das Verbot der Gemeinschaft mit angestoßen.

Reges Gemeindeleben trotz Repressionen

Trotz aller Repression und Gefahren gelang es den Zeugen Jehovas auch nach dem Verbot ihrer Religionsgemeinschaft im Untergrund ein durchaus reges Gemeindeleben aufrecht zu erhalten: "Wir finden Kleinstgruppen, die sich zu Hause unter Vorwänden treffen, drei bis fünf Personen. Es wird nicht mehr von Haus zu Haus missioniert, sondern man praktiziert das so genannte Zeugnis geben im Alltag", erklärt Gerald Hacke.

Die Zeugen Jehovas entwickelten stabile Strukturen im Untergrund, so der Historiker: "Wir haben Verantwortliche, die die illegal gelieferten Schriften verteilen oder vervielfältigen, wir haben reisende Gebietsverantwortliche, die Spendengelder einsammeln, Unterkünfte organisieren. Später werden sogar Abschiedsbriefe von zum Tode Verurteilten vervielfältigt und verteilt. Es werden Informationen über die Repressionen gesammelt und ins Ausland geschmuggelt, sie finden illegale Druckereien, sogar eine illegale Schallplattenproduktion. Was erstaunlich ist unter den Bedingungen des Nationalsozialismus: Sie schaffen es bis 1938 die Verhaftungen im Funktionärsapparat auszugleichen und die überregionalen Strukturen immer wieder zu reorganisieren."

Gestapo geschockt von Überzeugtheit der Zeugen Jehovas

Die Gestapo war geschockt von der Fähigkeit der Bibelforscher sich immer wieder neu aufzustellen. In einer Gestapo-Denkschrift von 1936 heißt es: "Es hat sich gezeigt, dass die bisherigen Strafen ihren Zweck verfehlten. Wenn die Bibelforscher nach Verbüßung ihrer meist nur wenige Monate dauernden Gefängnisstrafen entlassen wurden, so waren sie nicht etwa bekehrt, sondern fühlten sich vielmehr als Märtyrer und hielten nur noch stärker fest am 'Werk des Herrn'."

Obendrein setzten sich die Zeugen Jehovas gegen das Verbot ihrer Glaubensgemeinschaft öffentlich zur Wehr. Sie prangern in Schriften die Unmenschlichkeit des Regimes an und bekunden ihre Solidarität mit anderen verfolgten Gruppen, auch mit den Juden. Mit Unterstützung aus dem Ausland protestierten die Zeugen Jehovas 1934 bei der Reichsregierung, erzählt Christoph Wilker, der zahlreiche Schicksale von Zeugen Jehovas in München für das NS-Dokumentationszentrum und für eigene Publikationen aufgearbeitet hat.

Zeugen Jehovas verweigerten Kriegsdienst

Das Regime reagierte mit verschärfter Verfolgung. Die Verhöre wurden brutaler. Die Zahl der Zeugen, die dabei getötet wurden, stieg ab 1936 drastisch an. Am 16. März 1935 wurde dann auch die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt: Auf Kriegsdienstverweigerung stand die Todesstrafe. Viele Bibelforscher schreckte das jedoch nicht ab. So kam es zu einer Welle von Verhaftungen und Hinrichtungen. Viele Bibelforscher landeten im KZ.

In Artikel 4 Absatz 3 des deutschen Grundgesetzes heißt es: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden". Eine Antwort auf die Verbrechen des NS-Regimes an den Zeugen Jehovas. Ihr Schicksal wurde in der Bundesrepublik dennoch lange verdrängt. In der DDR wurde die Gemeinschaft erneut verboten und verfolgt.

Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum

Nach der Wende Anfang der Neunziger Jahre arbeitet der Historiker Detlef Garbe die Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas erstmals auf. 2018 widmete das NS-Dokumentationszentrum dem Widerstand der Zeugen Jehovas in München eine große Ausstellung.