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Poetischer Essay: "What You Gonna Do When The World's On Fire?" | BR24

© Audio: BR / Bild: pa/dpa

Statt zu erklären und einzuordnen, Experten zu Wort kommen zu lassen oder Schrifttafeln einzublenden, lässt Roberto Minervini einfach seine Protagonisten reden.

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Poetischer Essay: "What You Gonna Do When The World's On Fire?"

Es ist eine triste Welt, die Independentfilmer Roberto Minervini in seiner Doku über die schwarze Community in New Orleans zeigt. Doch kontrastreiche Schwarz-Weiß-Aufnahmen nehmen dem Gezeigten die Härte: Ästhetisierung zwingt zum Hinschauen.

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Von
  • Bettina Dunkel

"No justice – no peace!": Sie wirken verdammt heutig, die Rufe nach Gerechtigkeit. In diesem Fall sind sie aber schon drei Jahre alt – aufgenommen hat sie der Independentfilmer Roberto Minervini. Wohl schon vor Beginn der aktuellen Black Lives Matter-Protestwelle hatten viele den Namen Alton Sterling bereits vergessen. Im Juli 2016 wurde der Afroamerikaner in Baton Rouge im US-Bundesstaat Louisiana bei einem Handgemenge von einem Polizisten erschossen. Meldungen von Polizeigewalt und Morden an schwarzen Männern häuften sich zu dieser Zeit in den USA. Minervini war im Süden der Vereinigten Staaten unterwegs, weil er eine Dokumentation über schwarze Musik drehen wollte.

Debatten der schwarzen Community in New Orleans

Bei seinen Recherchen stellte er jedoch fest, dass es ein weit dringlicheres Thema zu dokumentieren gab. Auf die Idee brachte ihn Judy, Musikerin und Betreiberin einer kleinen Bar im Treme-Viertel von New Orleans. Hier versammelte sich die schwarze Community nicht nur, um den Alltag zu vergessen und zu feiern. Die sozial Benachteiligten kamen auch zusammen, um Debatten zu führen, um Wege aus der Ungleichbehandlung zu suchen, Diskriminierung und Ängste zu diskutieren. Minervini, gebürtiger Italiener, der seit 15 Jahren in den USA lebte, hörte Dinge, die er in dieser Dringlichkeit noch nicht vernommen hatte: "Ich bin nicht gerade die qualifizierteste Person, um eine Geschichte über Schwarze zu erzählen. Aber ich habe versucht, offen zu sein und deswegen habe ich mich entschieden, zuzuhören. Von den fünf Filmen, die ich gemacht habe, wird hier am meisten geredet. Denn normalerweise wird diesen Leuten nicht zugehört."

Der weiße Regisseur, ein Zuhörer

Roberto Minervinis Dokumentation "What you gonna do when the world's on fire?“ versetzt den Zuschauer in die gleiche Position, in der sich der Filmemacher damals selbst befand – in die des Zuhörers. Statt zu erklären und einzuordnen, Experten zu Wort kommen zu lassen oder Schrifttafeln einzublenden, lässt er einfach seine Protagonisten reden. Neben Barbetreiberin Judy und der New Black Panther-Bewegung begleitet Minervini unter anderem zwei Halbbrüder, der eine neun, der andere 14 Jahre alt. Sie sind Kinder – und gezwungen, schneller erwachsen zu werden, als andere in ihrem Alter.

© Grandfilm

Zwei Halbbrüder, der eine neun, der andere 14 Jahre alt. Minervini begleitet die beiden in "What You Gonna Do When The World's On Fire?"

Heutzutage, erklärt der Ältere dem Jüngeren, kämpfen die Leute nicht mehr – sie schießen. Ihr Leben ist also noch gefährlicher als früher. Polizeigewalt, Kriminalität, der Ku-Klux-Klan, dazu Drogenkonsum oder simple Armut – Gründe für einen frühen Tod gibt es viele, Perspektiven nur wenige. All das ist nicht neu. Aber bei aller Sachlichkeit und Distanz gelingt es dem Filmemacher, ungewohnt intime Einblicke in eine Welt zu gewähren, die den meisten verschlossen bleibt.

Es ist eine triste Welt – Minervinis kontrastreiche Schwarz-Weiß-Aufnahmen jedoch nehmen dem Alltag die Härte und verleihen dem Film die Aura eines poetischen Essays. Ein Kunstgriff, der mit einem bestimmten Hintergedanken verbunden war, erklärt Minervini: "Ein Farbfilm hätte die Bewertungsskala beeinflusst – bezogen darauf, was schön und was weniger schön ist. Die Black Panthers sind schwarz angezogen, die Räume sind meistens leer, weil sich alle draußen aufhalten. Aus farbsymbolischer Perspektive wären das nicht die schönsten Aufnahmen gewesen. Das wollte ich neutralisieren. Denn Schönheit – bezogen auf Farbe – ist eine typisch europäische Sache. Manche Farbspektren finden wir Europäer einfach schön – und dieses Bewertungssystem wollte ich ausschalten."

Lösungen oder Handlungsansätze zum Beenden von strukturellem Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit bietet die Dokumentation nicht. Trotzdem: Eines kann man ihr nicht vorwerfen – dass sie die Augen verschließt, ganz im Gegenteil. Durch den Kunstgriff der Überästhetisierung öffnet sie den Blick auch jenen, die bislang lieber weggeschaut haben.

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