Eine Frau und ein Mann stehen vor Nicole Eisenmans Wimmelbildern. Darauf: ineinander verflochtene Frauen, die nackt Twister spielen oder Wrestlerinnen im Kampf.
Bildrechte: Haydar Koyupinar/Museum Brandhorst, München

Manche Arbeiten der New Yorker Malerin Nicole Eisenman gleichen Wimmelbildern. Auch ihr lesbischer Alltag gehört zum Themenspektrum.

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"What Happened": Nicole Eisenman im Münchner Museum Brandhorst

Renaissancekunst, Underground-Comics, sozialistische Wandbilder: Die New Yorker Künstlerin Nicole Eisenman schöpft aus dem Fundus der Kunstgeschichte – mit viel Humor. Ihre Werkschau "What Happened" ist jetzt im Münchner Museum Brandhorst zu sehen.

Über dieses Thema berichtet: kulturWelt am .

Ein Wimmelbild aus ineinander verflochtenen Frauen, die nackt Twister spielen. Zwei Wrestlerinnen im Kampf. Betty und Wilma Feuerstein in expliziter Stellung: Mit Zeichnungen wie diesen beginnt Anfang der 90er-Jahre die Karriere von Nicole Eisenman. "Auf der Suche nach Spaß und Gefahr", wie die Künstlerin es ausdrückt, hatte sie sich in die lesbisch-queere Nachtszene von New York geworfen und zugleich exzessiv gezeichnet: Acrylbilder und Aquarelle, mit Tinte oder in Öl, mal expressionistisch, mal im Stil der Neuen Sachlichkeit, mit Einflüssen aus der Pop-Kultur, aus Comics und Pornos.

Derber Humor, der Klischees zerlegt

Da schwingt viel Humor mit, wenn auch von der eher derberen Art. Und immer wieder spielt Eisenman mit gesellschaftlichen Klischees, zum Beispiel mit der Vorstellung, lesbische Frauen würden Hetero-Frauen auf ihre Seite ziehen wollen, so wie in ihrer Darstellung eines "Rekrutierungsstands für Lesben". Wo man anstehen kann als Frau und "for free" was angeboten bekommt, und man wird man gefragt "curious?", also neugierig, und dann kann man einen Kuss bekommen oder eine Fußmassage oder was auch immer, und es wird ein "alternative livestyle" angeboten.

Natürlich fehlt es nicht an Szenen, in denen Männern Gewalt angetan wird, weil lesbische Frauen doch immer so frustriert sind und Rache wollen. Denen von Matisse bekannten, Reigen-tanzenden Nackerten pflanzt sie einen Marterpfahl mit gefesseltem Mann in die Mitte. Im großen Kochtopf über dem Feuer garen drei Männer. Ein steinerner Altar hat genau die richtige Höhe, um darauf bequem Penisse abzuschneiden. Und ein großes Triptychon erzählt die wasserreiche Geschichte einer Bande Amazonen, die ein Piratenschiff kapert. Die einen gehen im Wasser unter, andere werden von den Amazonen noch "gebraucht" - auf Pfähle aufgespießt, spielen sie mit ihnen Tischfußball.

Lesben gehören zur Kunstgeschichte

Daneben gilt Eisenmans Interesse der Kunstgeschichte: In Italien studiert sie den Barock und die Renaissance, eignet sich die unterschiedlichsten Stile und Techniken an. Indem sie die Stile vergangener Jahrhunderte munter imitiert, schreibt Eisenman die Frauen und die lesbische Liebe in die Kunstgeschichte ein. Nach abertausenden Männern und Hetero-Paaren sind jetzt einfach mal die Lesben dran.

Die Kunst selbst ist Eisenmans großes Thema. Sie setzt sich mit der eigenen Stellung als Künstlerin auseinander, vor allem als es nach dem frühen Erfolg mal etwas ruhiger um sie wird. Sie denkt über den Kunstmarkt nach. "Commerce feeds creativity – der Handel nährt die Kreativität", heißt ein Gemälde, das ihren eigenen Galeristen zeigt, wie er eine in eine Metallspirale gepresste und ihm so hilflos ausgelieferte Frau füttert.

Installationen aus Baumaterial

Unter der Regentschaft von George W. Bush und später Donald Trump wird Eisenman politisch: Ein großes Gemälde im Stil der Neuen Sachlichkeit zeigt eine Kleinstadt, die im braunen Schlamm versinkt.

Seit zehn Jahren arbeitet Eisenman auch bildhauerisch, "Prozession" heißt die gezeigte Gruppe mehrere autarker Arbeiten: eine drei Meter hohe Bronzefigur, die Gestalt eines unterwürfig Knienden oder Porträtköpfe auf unsicheren Sockeln. Das alles aus Bauschaum, Gips, Zement, Federn, Wachs, Epoxidharz oder Aluminium. Hinzu kommen bewegliche Elemente: Aus einem Brunnen plätschert Wasser, aus einem Po entfleucht eine Rauchwolke.

Liebe, Trauer, Ratlosigkeit

Doch die vermeintlich karnevaleske Parade hat etwas Tieftrauriges: Ein amerikanischer Weißkopfseeadler liegt schlafend oder tot in einer Kiste. Ein Mann zieht einen Flaggenmast hinter sich über den Boden. Vogel am Boden, Flaggenmast in der Waageechten: Von ihren expliziten frühen Zeichnungen bis zu dieser Prozession geht es - so banal das klingen mag - bei Nicole Eisenman immer um das Zeigen, um das unbeschönigte Sichtbarmachen von Körper, Liebe, Trauer, Verlust oder Ratlosigkeit.

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