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Wikipedianer im Münchner Wikipedia-Büro WikiMuc
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Autoren

Anna-Elena Knerich
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Wikipedianer im Münchner Wikipedia-Büro WikiMuc

Vor 17 Jahren gründete Jimmy Wales die Online-Enzyklopädie Wikipedia - mit dem Ziel, "das gesamte Wissen der Menschheit jedem frei zugänglich" zu machen. Dieses Wissen wird ausschließlich von Ehrenamtlichen zusammengetragen und aufbereitet, weshalb Kritiker die Online-Enzyklopädie für nicht vertrauenswürdig halten. Dennoch ist Wikipedia heute das meist genutzte Nachschlagewerk der Welt: Allein die deutschsprachige Ausgabe umfasst mehr als zwei Millionen Artikel, und täglich kommen neue hinzu. Doch wer sind diese Ehrenamtlichen, die für Wikipedia schreiben? Im Münchner Büro WikiMuc tauschen sich Wikipedianer aus, schreiben und geben Workshops.

Wallfahrtskirchen und Naturräume

Durch das Schaufenster fällt Tageslicht in das ehemalige Architekturbüro. In dessen Mitte steht ein großer Holztisch mit Computern darauf, an der Wand sind weitere PC-Arbeitsplätze gereiht. Auf jedem Bildschirm leuchtet das Wikipedia-Logo: eine Weltkugel aus Puzzleteilen. Das WikiMuc wird vom Verein Wikimedia Deutschland gemietet, die Treffen und Workshops darin organisieren aber die Münchner Ehrenamtlichen. Henning Schlottmann, hauptberuflich Jurist, ist jeden Donnerstag hier. Online wie offline – der Austausch mit interessanten Leuten ist ihm wichtig, sagt er, und setzt Teewasser auf.

Gefragt, über welche Themen er schreibt, sagt er: "Ich mach jetzt, sag ich gerne, Kulturgeschichte Oberbayerns. Ich hab also von Wallfahrtskirchen, über kleine Ortschaften und auch ein bisschen Naturräume, verschiedenste Themenbereiche aus der näheren und weiteren Umgebung hier beschrieben."

Nie ohne Benutzerausweis für die Staatsbibliothek

Der Autor macht auch Fotos, kuratiert Inhalte und kontrolliert Artikel auf Stichhaltigkeit – denn in der großen Online-Enzyklopädie muss alles mit Quellen belegt werden. Häufig schlägt Schlottmann dafür in analogen Lexika nach. "Ohne meinen Benutzerausweis der Bayerischen Staatsbibliothek könnte ich nie auf dem Niveau Wikipedia betreiben, wie ich das mache," sagt er.

Auch der emeritierte Zoologie-Professor Klaus Schönitzer schreibt Artikel für Wikipedia, seit ihn sein Sohn Michael darauf gebracht hat. Dabei legt er immer Wert auf Bebilderung – und darauf, für Normalbürger verständlich zu schreiben: "Ich hab mich mit südamerikanischen Buckelzikaden beschäftigt, wissenschaftlich, weil das so tolle Viecher sind. Und dann hab ich eben festgestellt, in Wikipedia steht da nichts drin und dann habe ich einfach über Gattungen, mit denen ich schon mal gearbeitet habe, wo ich die Originalliteratur schon am Schreibtisch gehabt habe, habe ich mich dann eben hingesetzt und was über die geschrieben."

Planet Wikipedia

Planet Wikipedia

Beobachtungslisten und "Vandalenjäger"

Doch arbeiten alle Wikipedia-Autoren so gewissenhaft? Schließlich kann man Artikel bearbeiten, ohne registriert zu sein. Student Michael Schönitzer – Bart, Brille, hüftlanges Haar – erklärt, dass Änderungen von nicht registrierten Autoren erst sichtbar werden, wenn sie von einem langjährigen Wikipedianer freigegeben wurden. Außerdem gebe es noch die "Vandalenjäger" sowie Beobachtungslisten zur inhaltlichen Kontrolle. "Wir sind, denke ich," so Michael Schönitzer, "mitunter eine der, wenn nicht die Wikipedia mit den höchsten Qualitätsstandards. Damit sind nicht immer alle einverstanden, vor allem, wenn wir dann auch Artikel löschen, wenn wir finden, die sind nicht relevant genug oder nicht gut genug."

Der Vater Klaus findet die Debatten unter Wikipedia-Autoren aber konstruktiv: "Dafür gibt’s diese Diskussionsseite. Da hat sich schon ab und zu eine wirklich vernünftige wissenschaftliche Diskussion entwickelt – die dann aber auch aufgelöst werden kann, weil dann kommt man schon irgendwann zu einem gemeinsamen common sense."

2319 Artikel über Osttimor

An einem anderen PC arbeitet der Chemiker Patrick Fischer, Jahrgang 1973, an einem langen Artikel über den kleinen Inselstaat Osttimor. 2002 reiste er dorthin – etwa zur selben Zeit, als Wikipedia langsam bekannt wurde. Zunächst ärgerte er sich, dass in der Online-Enzyklopädie so wenig drin stand, erzählt er, doch dann habe es ihn "gepackt": Seitdem verbringt der Familienvater jeden Abend zwei Stunden mit der Wikipedia, von den aktuell 2319 deutschsprachigen Wikipedia-Artikeln über Osttimor stammen fast alle von ihm.

Doch nicht alle Wikipedianer haben so ein spezifisches Themengebiet: Manche erstellen Grafiken, korrigieren Rechtschreibfehler oder kümmern sich um die Technik, wie auch Michael Schönitzer. Ihm zufolge engagieren sich weniger Studenten für Wikipedia als Berufstätige und Rentner, aber: "Es ist schon sehr stark akademikerlastig. Das hat leider auch teilweise negative Auswirkungen, nämlich dass wir zum Beispiel im handwerklichen Bereich richtige Lücken in der Wikipedia haben."

Nur zehn Prozent weiblich

Frauen sind bei den Wikipedianern ebenfalls stark unterrepräsentiert, laut Umfragen sind nur 10 Prozent weiblich. Auch ins WikiMuc sind an diesem Donnerstag nur zwei Frauen gekommen.

Das soll sich ändern, sagt Henning Schlottmann: Mit Workshops, Exkursionen und übersichtlichen Wikipedia-Leitfäden wollen die Münchner Wikipedianer mehr Menschen dazu animieren, "Enzyklopädie als ein Projekt zu begreifen und nicht als etwas, was man fertig liest, konsumiert, nachschlägt, sondern als eine Möglichkeit, vorhandenes Wissen - oder auch organisiertes Wissen – der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen."

Am 12. September halten die Wikipedianer einen Vortrag im Münchner Gasteig, der nächste Einsteiger-Workshop findet dann am 27. September im WikiMuc statt.

Autoren

Anna-Elena Knerich

Sendung

kulturWelt vom 03.09.2018 - 08:30 Uhr