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Wer Bayerns Künstler*Innen jetzt hilft – ein Überblick | BR24

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Wenn die Geigen schweigen: Die Corona-Krise setzt freien Künstler*innen besonders zu

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Wer Bayerns Künstler*Innen jetzt hilft – ein Überblick

Freien Musikerinnen, Kabarettisten, Tänzern brechen wegen Corona die Aufträge weg – und bei der Staatshilfe fallen sie durch jedes Raster. So war es bisher. Unterstützung kam nur von Privatinitiativen. Doch nun legt Bayern ein Künstler-Programm auf.

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„Das sind Künstler, Musiker, Schauspieler, Kabarettisten, viele viele. Und sie haben das Problem, dass ihre gesamten Honorare ausfallen werden – ohne Ersatz. Ganz ehrlich: Ich finde, dass es nicht richtig ist, da nur Hartz IV als Alternative anzubieten. Wir schließen uns dem Konzept von Baden-Württemberg an, da erhalten die Künstler für die nächsten drei Monate 1000 Euro pro Monat als Unterstützung. Das ist ungefähr ein 100-Millionen-Topf. Ich sage ganz ausdrücklich: Bayern ist ein Kulturstaat, und wir wollen die Kunstszene und die Künstler nicht alleine lassen, meine sehr verehrten Damen und Herren.“ Ministerpräsident Markus Söder (CSU)

Der Ministerpräsident hört wohl Radio. Unter anderem da hat er ja vernehmen können, was viele ihm vorgeworfen haben: Dass ihm die Nöte der Kultur und der Kulturschaffenden egal sind. Diesen Eindruck hat Söder jetzt korrigiert – spät, aber mit Wucht. Der Freistaat ergänzt die staatlichen Hilfsprogramme um ein weiteres und setzt sich damit an die Spitze – der Helfenden und dieses Überblicks.

Kommt es hart, hilft dir der Staat – oder: Segensreicher Söder

Wie’s läuft: Der Freistaat schaut, wer alles versichert ist über die Künstlersozialkasse. Das ist clever, ein besseres Register bedürftiger Künstler*innen gibt es nirgendwo.

Wem’s hilft: Söder spricht von 30.000 Künstler*innen, die profitieren sollen – mit je 3000 Euro. Also: Tänzerinnen, Kabarettisten, Musiker, Schauspielerinnen. Viele von ihnen haben in ihrer täglichen Arbeit kaum Betriebskosten. Von den bisherigen Hilfsprogrammen haben sie daher kaum oder gar nicht profitiert – denn da wurden vor allem die laufenden Kosten der Berufsausübung erstattet.

Das macht der Staat – wer hilft privat? Die Streamer!

Der Club "Rakete" in Nürnberg, menschenleer. Anwesend allein: Kameraleute und ein sagenhaft gut gelaunter DJ Gregor Tresher. Ausgestrahlt hat sein DJ-Set vor kurzem ein Bündnis aus der Initiative "United we stream" und den Kollegen von Arte. Es hat damit etwas getan, das dieser Tage allerorten passiert.

Wie’s läuft: Jemand macht Kultur oder macht Kultur verfügbar – und bittet dafür um Spenden zu Gunsten der Künstler oder Veranstalter. Natürlich läuft all das online: Streamen, Schauen, Spenden.

Wem’s hilft: Die Münchner Kulturretter haben schon knapp 50.000 Euro im Topf, die sie ausschütten wollen an "Künstler, Venues und Gewerke". Bei clubundkultur.tv in Augsburg sind es gut 14.000 Euro. "United we stream" hat für Bayerns Klubkultur 5000 Euro eingesammelt – nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass dort eigentlich die Berliner Clubs im Mittelpunkt stehen.

Ich gebe gerne – wie meine Spende jemandem helfen kann

Die ersten Museen sammeln sie schon, die Zeugnisse der Corona-Zeit. Dazu gehören auch die Spendenaufrufe. Und so viele es gibt, so nötig sind sie auch.

Wie’s läuft: Eine vertrauenswürdige Kultur-Organisation bittet um Spenden für Bedürftige, legt Rechenschaft über die Verwendung ab und stellt womöglich eine Quittung aus.

Wem’s hilft: Aus dem Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung haben die ersten 2500 Musikerinnen und Musiker jetzt Geld erhalten – auf Antrag und jeweils 400 Euro. Weitere 1000 Antragsteller hoffen auf den gleichen Betrag – und so wie sich der Spendentopf füllt, werden sie ihn wohl auch noch bekommen. Gesamtausschüttung dann: 1,4 Millionen Euro – natürlich auch an Musiker aus Bayern.

Ähnliches Prinzip beim Netzwerk freie Szene in München, in dem sich die Tanz- und Theaterleute organisieren. Hier war gestern erstmal Einsendeschluss – für Anträge und Spenden. "Wir haben deutlich über 100 Anträge erhalten", erzählt uns Anna Donderer vom Netzwerk. Der Verein habe die Künstler auch gefragt, wie viel Geld ihnen durch die Corona-Krise entgeht – "und wenn man das alles überschlägt, sind das Ausfälle in Höhe von über 700.000 Euro, die genannt werden, die bis Ende Juli bei den Künstlerinnen zu erwarten sind. Im Spendentopf sind jetzt über 70.000 Euro eingegangen."

Das Netzwerk freie Szene dankt da vor allem der Bayerischen Staatsoper und deren Freundeskreis – dort nämlich wurde fleißig mitgesammelt für die freien Künstlerinnen, genauso wie beim Münchner Bachchor. Ein weiterer Verein hilft nun bei der Bearbeitung der Anträge, der "Theater und Live Art e.V." – da ist Unterstützung wichtig, denn natürlich soll es nun schnell, transparent und gerecht zugehen.

Festival fällt aus, Rückzahlung auch: Die "Gutscheinlösung"

Ja, auch dieses Gesetzesvorhaben soll freien Künstlern helfen. Allerdings nimmt es dazu den Umweg über die Veranstalter. Und ist umstritten.

Wie’s läuft: Das Festival ist abgesagt, die (reichlich teure) Eintrittskarte wird erstattet. Normal – aber bald schon nicht mehr. Denn noch in dieser Woche debattiert der Bundestag über die von der Bundesregierung angeregte und von den Regierungsfraktionen aufgegriffene "Gutscheinlösung für abgesagte Kulturveranstaltungen" – so hat es uns die SPD-Fraktion bestätigt. Das Projekt ist mit derart heißer Nadel gestrickt, dass es auf den Tagesordnungen der Sitzungswoche noch gar nicht auftaucht.

Wenn das Gutschein-Gesetz dann Anfang Mai beschlossen sein wird, müssen Veranstalter den Kaufbetrag für ein Ticket nicht mehr erstatten, sondern dürfen stattdessen einen Gutschein ausstellen, in gleicher Höhe und gültig bis Ende nächstes Jahr. Wer zum Beispiel knapp bei Kasse ist, kann sein Geld sofort verlangen – wird sich aber wohl herumstreiten müssen.

Wem’s hilft: Gelöst werden soll mit dieser "Gutscheinlösung" natürlich die große Not der Veranstalter. Denn, so das Argument: Wer denen hilft, hilft auch den Künstlern. Wer für sein "Rock am Ring"-Ticket also nicht Geld, sondern Guthaben erhält, kann sich entscheiden, wie er sich fühlt: Hat er sich gerade solidarisch gezeigt mit einer Kultur-Branche in Not? Oder hat er gerade einem mittelschweren Unternehmen einen, wie die Grünen es nennen, "zinslosen Zwangskredit" gegeben? Zudem einen ohne Sicherheiten – geht der Veranstalter nämlich trotzdem pleite, dann ist der Gutschein nichts wert und das Geld ist weg.

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