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Wenn Spießer feiern: "Pariser Leben" zwischen Flokati und Pelz | BR24

© Theater an der Rott

Geldkoffer aus Brasilien

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Wenn Spießer feiern: "Pariser Leben" zwischen Flokati und Pelz

Jacques Offenbachs Operette "Pariser Leben" (1866) zeigt Provinzler in der Großstadt: Was wäre in der Rollkoffer-Gesellschaft aktueller? In Eggenfelden wird daraus eine grelle Trash-Show: Touristen in der "Sub". Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Wenn sich Langweiler mal so richtig amüsieren wollen, nehmen sie ihre Langeweile zwangsläufig überall hin mit, was für die Betroffenen tragisch, für die Zuschauer aber oft sehr unterhaltsam ist, mal abgesehen von Junggesellen-Abschieden. Provinzler auf Abenteuertour sind eben doppelt komisch: Freiwillig und unfreiwillig. Jacques Offenbach machte daraus seine Erfolgsoperette "Pariser Leben". Ein biederes, aber unternehmungslustiges schwedisches Gutsbesitzerpaar gerät dabei auf der Weltausstellung von 1867 auf allerlei touristische und erotische Abwege. Spießer beim Abreagieren, sozusagen.

Pelzmäntel und Flokati

Am niederbayerischen Theater an der Rott in Eggenfelden verlegte der Regisseur André Turnheim die Handlung ins heutige Paris, oder besser gesagt, dessen Vororte. Jedenfalls hängen lauter abgerissene Gestalten herum, viel Trash, viel Underground-Szene, jede Menge Pelzmäntel und eine überdimensionale Discokugel. Ausstatter Florian Parbs kam mit drei Sofas, ein paar Flokati-Teppichen und dem Eisernen Vorhang aus: Das reichte für surreale, total absurde Bilder, einschließlich Unterwäsche- und Korsagen-Auftritte. Geradezu herrlich triste Erotikträume!

Verwirrung war volle Absicht

Insgesamt eher eine Versuchsanordnung mit Second-Hand-Chic als opulente Ball-Atmosphäre. Überhaupt war Turnheim sehr darauf bedacht, der Operette ihren falschen Glanz auszutreiben. Ihm ging es um die Entlarvung - allerdings blieb auch nach gut drei Stunden offen, wen er eigentlich entlarven wollte: Das vergnügungssüchtige Publikum oder Jacques Offenbach. Jedenfalls wurde fleißig und demonstrativ vorne an der Rampe gespielt, frontal in die Zuschauerreihen hinein - halb sprödes Lehrtheater, halb gut gelaunte Satire. Die zeitweilige Verwirrung im Publikum war also volle Absicht, und irgendwie aktuell sah es ja tatsächlich aus.

Jodel-Nummer und Josef Hader

Was leider oft fehlte, war Tempo, Schwung, Witz. Schade, denn die lebensprallen Figuren des "Pariser Lebens" hatten jeden Applaus verdient: Der übergewichtige Brasilianer mit seinem Geldkoffer, der hinterhältige Lebemann mit seinen Flunkereien, die abgebrühte Halbweltdame, der tuntige Schuster und die hemmungslos einfältigen schwedischen Touristen. Großartig, der musikalische Einfall, eine Schuhplattler- und Jodel-Nummer einzulegen, Josef Haders Lied "So ist das Leben" vorzutragen und diverse Opernzitate aus dem "Barbier von Sevilla" und "Don Giovanni" einzustreuen.

Mehr Berlin-Neukölln als Eggenfelden

Die "Czech Virtuosi" aus Brünn unter der Leitung von Caspar Richter meisterten ihre Aufgabe etwas melancholisch, aber mit viel Augenzwinkern. Unter den Sängern waren Kerstin Eder als in Liebesdingen unerschrockene Blondine Métella und Richard Klein als ihr leichtlebiger Ex Raoul am überzeugendsten. Ausgesprochen mutig von Deutschlands einzigem Landkreistheater, Offenbachs "Pariser Leben" optisch derart trashig auf die Bühne zu bringen. Das wäre eher in Berlin-Neukölln zu erwarten gewesen. Nichtsdestotrotz viel Beifall, allerdings auch ratlose Gesichter.

© Peter Jungblut/BR

Applaus, Applaus

© Theater an der Rott

Reisende soll man aufhalten

© Theater an der Rott

Unter der Discokugel